Das Ende einer kurzen Liebe: Nach zwei gemeinsamen Sommermonaten trennt sich ein stadtbekannter Frauenheld von der jungen Germanistikstudentin. Keine besondere Geschichte, alles könnte sich abspielen wie bei jedem Liebeskummer: Irgendwann hört die Hölle auf, der Alltag gewinnt wieder die Oberhand. So hätte auch diese Liebesgeschichte ihr Ende finden können, aber sie tat es nicht. Die junge Frau beginnt, ihre "Geschichte gegen Thomas" im Tagebuch festzuhalten. Sie ist 21 Jahre alt, und sie will nicht sein wie die anderen, will nicht vergessen, sich nicht trösten. Sie schreit ihren Schmerz nicht heraus, sondern schreibt ihn auf."Wenn ein Erdbeben kommen wollte, wünschte ich mir ein Erdbeben, das dich und mich tötete! Dich, du wohlerzogene, wohl genährte und glatt rasierte bête humaine, mich, die Gewarnte und Belehrte und Ermahnte, die ich alle unsere Mängel zu sehen verdammt bin und die ich dich doch nicht allein lassen werde ."1943 reicht die Basler Studentin und Journalistin Lore Berger ihren Text bei einem Romanwettbewerb der Büchergilde Gutenberg ein. Sie erlebt jedoch die Veröffentlichung nicht mehr. Einen Monat nachdem sie das Manuskript abgeschlossen hat, nimmt sie sich das Leben. Sie springt wie die Protagonistin ihres Romans von einem Basler Wasserturm.Die Geschichte einer absolut liebenden und an ihrer Umwelt verzweifelnden jungen Frau erregte damals keine große Aufmerksamkeit. Zu fremdartig erschien der Text, der keine gefühlvolle Liebesgeschichte erzählt, sondern eine obsessive Suche nach irgendeinem Lebenssinn. Zu schroff mag den Juroren, die sich nur zu einem fünften Platz und einer Veröffentlichungsempfehlung durchringen konnten, auch die unversöhnliche Fremdheit zwischen den Geschlechtern und den Menschen überhaupt erschienen sein. ",Im Grunde genommen, ganz im Grunde genommen, dort, wo sich Gut und Böse zu einer trüben, furchtbaren Brühe mischen , bemerkte Bea und beugte sich vor, einem unten passierenden Schlitten besser folgen zu können, ,sind die Männer böse und die Frauen schlecht ."Lore Bergers Blick auf die Welt ist düster. Selbst in den ironischen, karikaturhaften Stellen, die etwa das bemühte intellektuelle Streben ihrer Altersgenossen schildern, spürt man die alles überstrahlende Hoffnungslosigkeit. Heute kann man die Hilferufe dieser jungen Frau, die sich in die Literatur flüchtet, die an Bulimie erkrankt, besser entziffern, begreift ihren unbedingten Versuch, die Liebe nicht aufzugeben: Es ist das Einzige, das sie am Leben hält. Den treulosen Mann trifft dabei nicht etwa die Hauptschuld. Er ist gar nicht das Zentrum dieser großen Sehnsucht nach dem richtigen, dem erfüllten Dasein. Eine begabte junge Schriftstellerin verfolgt das eine Motiv: Die absolute Liebe, der alles andere geopfert werden muss. Die Ich-Erzählerin, der ein erklärender, einordnender Bruder, als fiktiver Herausgeber eines Tagebuchs an die Seite gestellt wird, rebelliert gegen die ordentlichen Schweizer Verhältnisse, die selbst im Krieg ganz unbeschädigt weitergehen. In der Welt geht es drunter und drüber, in Basel herrscht bürgerlicher Anstand, und eine ehrgeizige Feuilletonredakteurin macht der Lehrerstochter das Leben zur Hölle, weil sie nette, klein karierte Beiträge möchte. Helligkeit und Zuversicht werden gewünscht, aber der verzweifelt Liebenden erscheint alles düster und ganz und gar aussichtslos, allein ihre Idee vom absoluten Gefühl sprengt die Grenzen, überschreitet die kleinbürgerliche Enge ihrer Umwelt.Der Roman von Lore Berger nimmt eine besondere Stellung in der Schweizer Literatur jener Jahre ein. Hermann Hesse empfahl das Buch Weihnachten 1943 dringend zur Lektüre, aber seine entschiedene Fürsprache nützte nichts. "Der barmherzige Hügel" verschwand fast 40 Jahre, bis er neu aufgelegt und beachtet wurde. Das war vor fast zwei Jahrzehnten, in denen der Roman längst wieder vergriffen und vergessen war. Die Neuauflage des Arche Verlags macht die Begegnung mit diesem verstörend modernen weiblichen Text wieder möglich. Lore Berger:Der barmherzige Hügel - Eine Geschichte gegen Thomas. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Charles Linsmayer. Arche Verlag, Zürich, 1999; 256 S., 33 Mark.

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