Um die Finanzkrise zu bekämpfen, reicht es nicht aus, wenn der Staat den Banken ihre faulen Kredite abnimmt, sagt die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro. Für die Landesbanken plädiert sie deshalb statt für Bad Banks für eine radikalere Lösung: die Schaffung von Good Banks, in welche die gesunden Teile der Institute komplett eingebracht werden. Bei den privaten Banken müsse von vorn herein festgelegt werden, wie die Verluste aus faulen Papieren verteilt werden.Frau Weder di Mauro, trotz der Milliarden-Garantien des Staates leihen sich die Banken noch immer nur zögerlich Geld - wenn überhaupt. Woran liegt das?Einige Indikatoren deuten auf eine leichte Entspannung auf den Interbankenmärkten hin, aber andere Indikatoren zeigen sogar zunehmende Kreditausfallrisiken bei Banken an. Der Stress auf den Finanzmärkten ist auf jeden Fall weiterhin hoch und der wesentliche Grund dafür ist, dass noch immer völlig unklar ist, welche Risiken in den Bankbilanzen stecken.Hat hier die Politik versagt? Hätte sie viel früher die Banken von ihren toxischen Papieren befreien müssen, um die Bankbilanzen zu bereinigen?Zu Beginn der Finanzkrise bestand die Hoffnung, dass es sich nur um ein temporäres Liquiditätsproblem handelt. Deshalb hat man sich auf die Stabilisierung des Systems konzentriert. Dabei wurden die fundamentalen Solvenzprobleme vieler Banken unterschätzt.Am Dienstag beraten Regierung und Bundesbank über eine Lösung zur Entsorgung der Risikopapiere in den Bankbilanzen. Ist es dafür nicht zu spät?Nein, es ist nicht zu spät. Aber es ist die letzte Chance für eine grundsätzliche Weichenstellung zur Bankenrestrukturierung. Wenn dieser Schuss nach hinten los geht, könnte Deutschland eine lang anhaltende Stagnation bevor stehen. Die japanische Erfahrung sollte uns ein mahnendes Beispiel sein: Dort wurde in den 90er-Jahren zu schonend mit den Banken umgegangen mit der Folge einer lang andauernden Krise.Worauf kommt es jetzt an?Es kommt darauf an, dass die Restrukturierung tief genug geht, damit gute Banken mit tragfähigen Geschäftsmodellen entstehen. Ein Herauslösen nur der toxischen Papiere und ihr Parken in einer Bad Bank greift da zu kurz.Warum?Weil die Restbank dann oft noch immer keine "Good Bank" ist. Das Problem ist besonders gravierend bei den Landesbanken, die auch schon in der Vergangenheit oft nur mit Hilfe des Steuerzahlers überlebt haben. Sobald sie von der Last der toxischen Papiere befreit wären, würden sie weiter um ihr Überleben kämpfen. Wenn aber der Restbank immer noch ein Geschäftsmodell fehlt, ist die Prognose einfach: Sie wird neue Risiken eingehen auf Kosten des Steuerzahlers.Was schlagen Sie vor?Eine "Good-Bank"-Lösung für die Landesbanken. Diese unterscheidet sich von der "Bad-Bank"-Lösung in der Reihenfolge der Entscheidungsschritte und in der Tiefe der Einschnitte. Bei der "Good Bank" werden zuerst jene Teile der Banken, die überlebensfähig sind, abgespalten und in eine neu geschaffene Bank eingebracht. Alles andere gehört dann per Definition in die Abwicklungsbank - in die Bad Bank. Dort landen dann nicht nur toxische Papiere sondern auch alle nicht strategischen Geschäftsfelder. Die Abwicklung erfolgt zwar durch den Finanzmarktstabilisierungsfonds SoFFin, aber in einer eigenen Abteilung für jede Landesbank - also einer "Anstalt in der Anstalt". Die Verluste fallen weitgehend bei den Eigentümern an, den Ländern und den Sparkassen.Wer sollte entscheiden, was gut und was schlecht ist?Das wäre die Aufgabe des SoFFin. Er sollte nach einer genauen Prüfung der Geschäftsmodelle die Restrukturierung aktiv betreiben. Allerdings müsste der SoFFin dazu anders aufgestellt sein. Er müsste eine von der Politik unabhängige Restrukturierungsverwaltung sein - so wie sie in der schwedischen Bankenkrise aufgebaut wurde. Die Restrukturierungsaufgabe kann auch nicht an die europäische Kommission delegiert werden, und sie darf keine Wahlveranstaltung sein. Solange man die Landesbanken selbst entscheiden lässt, welche Teile sie abtrennen wollen, werden sie versuchen, so viel wie möglich vom ursprünglichen Geschäft zu retten. Es wäre auch zu viel verlangt, dass sie sich selbst an den Gliedern amputieren.Sollte am Ende nur eine Landesbank übrig bleiben?Das wäre wahrscheinlich die Konsequenz.Welche Lösung schlagen Sie für die privaten Banken vor?Bei ihnen ist die Thematik "Bad Bank" anders gelagert als bei Landesbanken. Bei denen ist die Frage des Preises, der für die schlechten Aktiva dann in einigen Jahren erzielt werden kann, weniger wichtig als bei den privaten Banken.Warum?Die Verluste der Landesbanken sind schon sozialisiert, der Steuerzahler hat in jedem Fall das ganze Vergnügen. Dort kommt es vor allem darauf an, dass das nun endgültig das letzte Mal ist. Bei den privaten Banken hingegen ist die Frage der Verlustverteilung zwischen Privaten und Steuerzahlern zu regeln. Dazu ist es entscheidend, wie die Preise der toxischen Papiere einzuschätzen sind. Eine Bad-Bank-Lösung für private Banken sollte auf jeden Fall eine hohe Selbstbeteiligung der privaten Eigentümer der Bank und darüber hinaus eine anteilmäßige Beteiligung an weiteren Verlusten vorsehen. Die Versicherungslösung nach britischem Vorbild funktioniert so.Das Finanzministerium scheint ei-ne andere Lösung zu favorisieren ...Dieses Konzept kann auch über eine Bad Bank realisiert werden. Es müsste dann eine extra Abteilung für jede private Bank innerhalb des SoFFin eingerichtet werden. Aber wenn der Staat die toxischen Papiere übernimmt, stellt sich immer die Frage des Preises dieser Papiere. Was sicher nicht geht, ist dass die toxischen Papiere ohne Bewertung erst einmal jahrelang auf Eis gelegt werden und dass erst bei der Endfälligkeit entschieden wird, wie die Verluste verteilt werden. Die Verlustverteilungsregel muss von Anfang an feststehen.War es falsch, nicht alle Banken zu verpflichten, unter den staatlichen Rettungsschirm zu schlüpfen?Für Institute mit eindeutigen Problemen wäre ein Zwang richtig gewesen. Es war ein Fehler, dass die Landesbanken zunächst von ihren Ländern gerettet werden konnten. Damit wurde eine Gesamtlösung erschwert.Sind überhaupt alle Banken überlebensfähig?Die Erfahrung anderer Bankenkrisen zeigt, dass es sinnvoll ist eine Triage vorzunehmen. A-Banken sind gesund und kommen ohne staatliche Hilfe aus, B-Banken müssen rekapitalisiert um dann weitgehend wie bisher weiterbestehen können und C-Banken müssen restrukturiert und teilweise abgewickelt werden. Für B und C kann es keine Wahlmöglichkeiten geben.Hätte man die Skandalbank Hypo Real Estate nicht von Anfang an pleitegehen lassen sollen?Hier wurde eine andere Lösung gewählt. Für den künftigen Umgang mit C-Banken ist aber ein Verfahren erforderlich, das der Insolvenz nahe kommt, aber die systemische Risiken berücksichtigt und Dominoeffekte minimiert. Es kann nicht sein, dass alle Banken systemrelevant sind und deswegen der Steuerzahler fast die gesamte Haftung übernimmt. Marktdisziplin kann nur zurückkehren, und ein funktionierendes Finanzsystem kann nur entstehen, wenn die staatlichen Garantien durch ein Haftungssystem ersetzt werden. Haften müssen nicht nur die Eigentümer, sondern auch andere Kapitalgeber.Zum Beispiel?Wer eine Bankschuldverschreibung gekauft hat, musste sich bewusst sein, dass er damit ein Risiko einging, seinen Einsatz nicht in voller Höhe zurückzubekommen. Dieses Risiko ist durch die Staatsgarantie derzeit ausgesetzt und an den Steuerzahler übertragen.Haben wir die Talsohle bei der Krise mittlerweile erreicht?Ich gehe davon aus, dass es innerhalb dieses Jahres zu einer Bodenbildung kommt. Momentan gibt es ein paar positivere Nachrichten, die zu etwas Euphorie geführt haben. Ich fürchte aber, dass in vielen Bereichen das Schlimmste noch bevorsteht. Auf dem Arbeitsmarkt und auch in vielen Unternehmen sind die negativen Effekte nur teilweise angekommen. Umso dringender ist es, dass die Bereinigung der Bankbilanzen vorangetrieben wird.Was könnte sonst passieren?Banken, die ihre Verluste verschleiern und um ihr Überleben kämpfen, können zwei Dinge tun: Sie gehen neue Risiken ein und belasten den Staat weiter oder sie versuchen sich gesund zu schrumpfen, indem sie ihre Kreditvergabe einschränken. Beides würde die Krise verlängern. Japan lässt grüßen.Das Gespräch führte Sebastian Wolff.------------------------------Zur PersonWirtschaftsweise: Beatrice Weder di Mauro (43) ist seit 2004 Mitglied im deutschen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Wirtschaftsweise"). Sie ist die erste Frau überhaupt in dieser viel beachteten Position.Fachgebiete: Die Schweizerin, die ihre Jugend in Guatemala verbrachte, ist zudem Professorin für Volkswirtschaftslehre in Mainz mit den Schwerpunkten internationale Finanzmärkte und internationale Wirtschaftsbeziehungen.------------------------------Foto: Die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro warnt davor, die Banken bei der Krisenbewältigung zu sehr zu schonen.