Ein Mädchen pustet mit dicken Backen eine Kerze aus. Das war das Titelbild der ersten "Wochenpost", Weihnachten 1953. Von der ersten Seite an signalisierte die populäre Aufmachung die Anstrengung von Partei und Regierung, mit neuen Konzepten die Entfernung zu überwinden, die sich seit dem 17. Juni sichtbar zwischen Volk und Obrigkeit aufgetan hatte. Und tatsächlich konnte dieses neue Produkt über die gesamte DDR-Zeit eine einzigartige Leser-Blatt-Bindung herstellen - selbstverständlich kein Hort widerständlerischen Denkens, aber Nähe zum Alltag der Leser. Die "Wochenpost" berichtete von Versorgungsschwierigkeiten, wandte sich an das Ministerium, wenn es keine Zwiebeln gab, gab Tips zum Improvisieren - "Wie baue ich mir ein Schnurregal". Im Selbstversuch testeten Redakteurinnen die Paßform der landeseigenen Büstenhalter, was zu veränderten Zuschnitten der Körbchen führte. Ein Hauch von Nachkrieg wehte durch das Blatt, als anderswo längst Chromleisten verschraubt und Geschirrspüler angeschlossen wurden.Jeden Mittwoch, am Erscheinungstag, wickelten sich die Leser in Schlangen um die Kioske, drei Groschen in der Hand - die Packen reichten nie. Abonnements wurden wie Kostbarkeiten vererbt.1956 wandte sich der damalige Chefredakteur Rudi Wetzel mit einem Schreiben an das Zentralkomitee der SED, um gegen die Informationspolitik der DDR nach dem Aufstand in Ungarn zu protestieren. Er verlor bald darauf seine Stellung, auch andere Kollegen wurden entlassen. Die Folgen der Pression waren dem Blatt anzumerken, aber auch zwischen den Zeilen fand sich der geübte DDR-Bürger mit seinen Problemen in der Zeitung wieder. Fluktuation am Arbeitsplatz, Alkoholismus, Tristesse in den Wohnblocks von Hoyerswerda waren Themen. Die meisten Texte waren gut geschrieben, die Filmkritik besaß Glaubwürdigkeit. Der umfangreiche Annoncenteil mit Insiderkürzeln dirigierte den Produktfluß auf der zweiten Verteilerstrecke - den Tauschmarkt. Wenn irgendwann einmal Kulturhistoriker erfahren wollen, wie die DDR, das abgeschlossene Sammelgebiet, im Alltag funktionierte, wird die "Wochenpost" eine Quelle sein. 1,2 Millionen Auflage gaben der Redaktion Selbstbewußtsein. Eine hohe Auflage, die sich allerdings keiner Konkurrenz stellen mußte. Die brach mit der Wende über die Zeitung herein. Nur zögerlich stellte sich die Zeitung um. Da klingelten längst die Drückerkolonnen vom "Goldenen Blatt" oder "Tina" an den Türen.Gruner + Jahr stieg ein, neuer Chefredakteur wurde Mathias Greffrath, der von der "Zeit" kam. Er baute die Redaktion um: Etwa ein Drittel der alten Redaktion mischte er mit neuen Leuten, die zur einen Hälfte aus dem Osten, zur anderen aus dem Westen kamen. Die Vision von einer Brückenzeitung motivierte die neue Mannschaft, die, so dicht beieinander wie bei keiner anderen deutschen Zeitung, die Chance nutzte, sich gegenseitig die eigene Geschichte zu erzählen. Die ungestillte Neugier aufeinander, die zu Beginn der neunziger Jahre noch einen journalistischen Fundus und Kompetenz bedeutete, führte in der Wochenpost zu einer Aufbruchsstimmung und ihrer spannendsten Zeit. Auch wenn die unterschiedlichen Auffassungen - über Aktualität, Investigation, die Mischung von schwierigen und populären Texten, über schönes und schnelles Schreiben - in der Konferenz gelegentlich zu Stürmen führten: Alle Beteiligten hatten die Überzeugung, bei einem wichtigen Exempel deutsch-deutschen Zusammenwachsens mitwirken zu dürfen. Aber die Konkurrenz auf dem dicht besetzten Pressemarkt und abspringende alte Leser, die sich mit den neuen Themen und fremden Namen nicht zurechtfanden, führten zu einem Auflagenschwund.Gruner + Jahr und Mathias Greffrath trennten sich, die Redaktion verabschiedete ihn unter Tränen. Der neue Chefredakteur, Mathias Döpfner, vorher bei der FAZ und danach Assistent bei Gruner + Jahr, entwickelte ein neues Konzept. Das Blatt wurde bunter. Es brachte provokante Themen auf die Titelseite wie zum Beispiel "Mut zum Pelz". Die Suche nach der Identität ging weiter, die Auflagenprobleme blieben bestehen.Der Verlag Gruner + Jahr verkaufte 75 Prozent seiner Wochenpost-Anteile an den Münchener Anwalt und Unternehmer Dietrich von Boetticher, der sich, wie er sagte, damit einen Traum erfüllte. Unter dem neuen Chefredakteur Jürgen Busche, der sich von der "Süddeutschen Zeitung" trennte, profilierte sich die Zeitung mit Bildungsthemen. Aber inzwischen waren wohl die Gelenke zu oft ausgewechselt worden, die den Korpus stabilisierten. Ein deutlicher Auflagenaufschwung gelang auch mit diesem Konzept nicht. Gestern bekam die Redaktion eine Einladung zu einem Informationsgespräch mit der Geschäftsführung über "die Zukunft der Wochenpost". Die euphemistische Formulierung wandelte sich in der Konferenz zur dürren Mitteilung, "die Wochenpost ab 1. Januar 1997 stillzulegen". Von Boetticher sagte mit bleichem Gesicht, er sei "an die Grenzen" seiner Möglichkeiten gekommen. In der Redaktion gab es gestern Fassungslosigkeit und hysterisches Gelächter. Von der Einstellung sind 55 Mitarbeiter betroffen. Sie erhalten zum Jahresende ihre Kündigung. Außerdem kündigte von Boetticher einen Sozialplan an. +++