Seit fünf Jahren gießt Norbert Schelhorn seine Träume in Kunststoff. Er produziert Karosserieleisten, Dosierer für Toilettenspülungen, Eßplatten für Babystühle und einen Haufen anderer nützlicher Dinge. Schelhorn hat viel erreicht. Er ist der Chef von 23 Frauen und Männern und 14 Maschinen, von denen die größte zwölf Meter lang ist. Der Unternehmer sieht aus wie ein friesischer Fischer. Er trägt Bluejeans, ein Fischerhemd, darüber eine Lederweste, ist tätowiert, und auf dem Kopf gedeiht eine ziemlich wilde blonde Mähne. Nur sein tiefer bayerisch-fränkischer Baß verrät seine wahre Herkunft. Dabei arbeitet er in einem Land, das ihm unerreichbar schien, obwohl es nur vierhundert Meter von Haus und Hof entfernt lag. 1991 mutierte der fränkische Angestellte Schelhorn zum thüringischen Unternehmer. Lieber wäre er schon 1987 Unternehmer geworden, allein das Geld fehlte ihm. Als die Grenze zwischen seiner Heimat und dem Land hinter den Zäunen verschwand, lösten sich seine Probleme wie von selbst. Um viel Geld zu sparen, brauchte er nur vom fränkischen Neustadt ins thüringische Sonneberg zu fahren. Schelhorn baute auf der grünen Wiese eine Fabrik und bekam jede zweite Mark vom Staat zurück, nur weil die grüne Wiese in Sonneberg lag. Nach der Arbeit trinkt Norbert Schelhorn schon mal ein Bier im "Grünen Baum". Von seiner Fabrik ist es nur ein Katzensprung bis in diese Kneipe. Für Schelhorn ist es zugleich eine Art Zeitsprung. Schon sein Vater trank hier, ein halbes Jahrhundert zuvor, sein Bier, wenn er mit seinen Kollegen Puppen aus Neustadt nach Sonneberg brachte. Beide Städte grenzen direkt aneinander und gehören gewissermaßen zusammen. Ihre Bewohner sprechen denselben fränkischen Dialekt, vielleicht davon abgesehen, daß sie in Neustadt "Grüß Gott" sagen und in Sonneberg einfach einen "guten Tag" wünschen. Beide Orte sind Puppenstädte. Bis in den Krieg herrschte Arbeitsteilung: in Neustadt wurden die Puppen produziert und von Sonneberg aus vertrieben. Nach Gründung beider deutscher Staaten wanderte kaum noch eine Puppe von West nach Ost. Und nach 1961 auch kein Mensch mehr. Auf der Schokoladenseite Seit 1990 wandern die Menschen wieder. Fabrikanten, Spekulanten und Händler wandern aus dem Westen in den Osten ab, die Arbeiter nehmen den umgekehrten Weg, um ihr Glück auf der anderen Seite zu suchen. Auch Frank Rebhan könnte ein glücklicher Mann sein. Seit einem Jahr arbeitet er in einem geräumigen, hellen Büro. Wenn er seinen Schreibtisch verläßt, weil ihm ein bißchen langweilig ist oder er sich entspannen möchte, kann er vom Fenster aus das Markttreiben von Neustadt verfolgen. Frank Rebhan ist 38 Jahre alt, Sozialdemokrat, von drahtiger Gestalt, er spricht leise und ist Oberbürgermeister von Neustadt.Der große Wurf seines Neustädter Altersgenossen Schelhorn gehört zu jenen Phänomenen, über die sich Frank Rebhan zugleich freut und ärgert. Der Oberbürgermeister von Neustadt freut sich, weil es den Sonneberger Nachbarn dank staatlicher Förderung nach dem Zusammenbruch ihrer DDR-Wirtschaft relativ gutgeht. Er ärgert sich, weil die zahlreichen Schelhorns Neustadt seit Jahren leer ausgehen lassen. Bis 1991 lag Neustadt sozusagen auf der Schokoladenseite. Die 17 000 Neustädter hatten im Schatten der Grenze ihre eigene Wirtschaft aufgebaut und bis zu jenem Jahr von der "Zonenrandförderung" der Bundesregierung profitiert. Zu jeder Investition und jedem Gehalt schoß die Bonner Regierung 15 Prozent zu. Gute Zeiten. 1992 waren sie endgültig vorbei. Dafür boomt Sonneberg. Auf dem ehemaligen Grenzstreifen tummeln sich täglich Tausende von Menschen auf der Suche nach dem richtigen Sofa, günstigen Klamotten oder billiger Wurst. Die Kulisse des Aufschwungs bilden ein neonfarbenes Möbelcenter und der bombastisch-bunte "Marktkauf". Nur einen Steinwurf entfernt, im Neustädter Gewerbegebiet, steht einsam ein kleiner Baumarkt auf der Wiese. Tausende Berufspendler "Hier werden Investoren mit 7,5 Prozent gefördert, auf der anderen Seite mit 50 Prozent, Sie können sich ausrechnen, daß in Neustadt nichts mehr entstehen kann", sagt Frank Rebhan bitter. Besonders bedrücken ihn Unternehmer, die direkt aus Neustadt nach Sonneberg ziehen. Den Aldi in der kleinen Neustädter Fußgängerzone zum Beispiel hatten nach der Grenzöffnung noch Tausende von Sonnebergern belagert, nun nahmen sie ihn quasi mit nach drüben in ihr Gewerbegebiet. Die Neustädter Verkaufshalle steht heute leer und findet keinen neuen Mieter. Nach Neustadt kommen vor allem Berufspendler aus Sonneberg, pro Tag gute tausend. Gleichzeitig gibt es in Neustadt, wo früher jeder Arbeit hatte, 900 Arbeitslose. Diesen Effekt nennen Neustadts Politiker "Verdrängungswettbewerb": Gegen die jungen Sonneberger haben schlechter qualifizierte und ältere Neustädter einfach keine Chance. Neustadts Bürgermeister Rebhan will nach der staatlichen Einheit nun beide Städte vereinigen. 1993 machte Neustadts Rat den Sonnebergern ein umfangreiches Verlobungs-Angebot: beide Städte könnten ein kommunales Doppelzentrum bilden, um sich Kosten zu teilen. Sie könnten ihre Krankenhäuser und Schwimmbäder gemeinsam betreiben, einen Verkehrsverbund gründen, eine Rettungsleitstelle und vieles mehr. Bürgermeister Rebhan ist sich sicher, daß der liebliche Landstrich am Südhang des Thüringer Waldes nur auf diese Weise zu retten ist. Irgendwann könnten sich beide Städte sogar vereinigen, hofft Frank Rebhan. Wäre da nicht Sibylle Abel. Frau Abel ist so ziemlich in jeder Beziehung das Gegenteil von Frank Rebhan. Sie liebt Lidschatten, ist etwas korpulent, FDP-Mitglied und Oberbürgermeisterin von Sonneberg. Aufgewachsen ist sie auf der DDR-Seite des Grenzzauns im Sperrgebiet von Hönbach. Die 450 Hönbacher durften nur zu Weihnachten, Ostern oder einem wichtigen Geburtstag besucht werden, und das nur von Verwandten ersten Grades aus der DDR. Ansonsten bekamen nur Handwerker einen Passierschein. "Wenigstens kamen keine ungeliebten Gäste", witzelt Sibylle Abel. Sie fühlte sich sicher und geborgen hinter ihrer Grenze. Frau Abel arbeitete früher im Kombinat "Sonni" als Ingenieur-Ökonomin im Spielwarenvertrieb. Nach der Wende gab es plötzlich in ihrem Sperrbezirk, der nun keiner mehr war, "nur noch FDP", wie sie es ein bißchen verlegen ausdrückt. So wurde aus dem ehemaligen SED-Parteimitglied zunächst ein einfaches FDP-Mitglied und schließlich die Bürgermeisterin von Hönbach, das damals noch unabhängig von Sonneberg war. Natürlich freute sich auch Sibylle Abel am 12. November 1989 über die offene Grenze und kaufte Milka-Schokolade und Bananen ein. Langsam wurde ihr jedoch klar, daß die "Sonneberger natürlich ihre eigenen Verkaufseinrichtungen brauchen". Also lockte sie den Konsumriesen "Marktkauf" samt Gartencenter, Wohnwelt, Getränkemarkt und AWG-Modecenter auf die grünen Auen von Sonneberg-Hönbach. Frau Abel ist von der Idee eines Doppelzentrums mit Neustadt nicht sehr begeistert. Sie möchte Sonneberg zuerst die "Teilfunktion eines Oberzentrums" verschaffen, was der Stadt zum Beispiel eine Fachhochschule bescheren könnte. Neustadts Bürgermeister Rebhan wirft sie vor, "über die Medien Druck auf uns auszuüben". Besonders die Sache mit dem Schwimmbad nimmt sie ihm übel. Beide Städte verfügen über ein Hallen- und ein Freibad, wobei die Neustädter Bäder weit besser in Schuß sind und zur Hälfte auch von Sonnebergern genutzt werden. Da alle Bäder Miese machen, schlägt Rebhan vor, die Sonneberger Bäder zugunsten der Neustädter zu schließen und statt dessen zum Beispiel gemeinsam eine Eissporthalle in Sonneberg zu bauen. Frau Abel wiederum plant, für 20 Millionen Mark ein neues Schwimmzentrum zu bauen und will sich die Investition nicht nehmen lassen. Ein anderes Reizthema ist der Neustädter Ortsteil Brand. Eher aus formalen Gründen fragte Neustadt in Sonneberg an, ob dort Einwände gegen die neue Siedlung an der Grenze zu Sonneberg vorlägen. Völlig unerwartet verweigert Sonneberg die Zustimmung, weil es befürchtet, "daß uns noch mehr Bürger nach Neustadt verlorengehen", wie Frau Abel sagt. Bislang wanderten 2 000 Sonneberger gen Westen. Eine neue Form der Republikflucht? "Wir gehen davon aus, daß auch Sonnebergern das Recht auf Freizügigkeit zusteht", antwortet Frank Rebhan spitz. Frau Abel und Herr Rebhan werden sich wohl niemals richtig einig. Daran ändern auch Veranstaltungen mit dem Titel "Partnerstädte spielen und musizieren" nichts. Weil Frank Rebhan ein Torwandschießen gegen die robuste Sonneberger Bürgermeisterin verloren hatte, mußte er sie Anfang Juli zu einer Kutschfahrt einladen. Sibylle Abel wartet bereits seit einer Stunde auf Frank Rebhan und seine Kutsche. Unbarmherzig brennt die Sonne, doch die Bürgermeisterin harrt aus und schwitzt. "Das gibt es doch nicht", zischt sie plötzlich. Mehr als eineinhalb Stunden zu spät fährt die Neustädter Kutsche schließlich vor. Frank Rebhan erklärt verlegen, daß sein Referent sich wohl in der Länge der Strecke verschätzt habe. Doch der Fauxpas scheint bald vergessen, als Frank Rebhan das Waschbrett schrubbt und Sibylle Abel die Teufelsgeige spielt. Sie musizieren gemeinsam, essen und trinken Bier. Nur gesprochen haben die beiden nicht viel miteinander.Die 19jährige Neustädterin Carolin Hutschgau gehört einer anderen Generation an. Sie besuchte schon zu DDR-Zeiten die Verwandten im Osten. "Die waren schon damals offen und freundlich, und sie sind es noch heute", erzählt sie. Zwei- oder dreimal in der Woche geht die Schülerin in Sonneberg ins Cafe oder in die Disko. Sie versteht das ewige Ost-West-Gemecker einiger Neustädter nicht. Um herauszufinden, was die Leute wirklich denken, verteilte die Gymnasiastin einen wissenschaftlichen Fragebogen an jeweils 400 Sonneberger und Neustädter. Sie fragte nach Sorgen und Hoffnungen der Menschen nach der Grenzöffnung. Ihre Ergebnisse dürften Oberbürgermeister Rebhan in seinen Fusions-Träumen ermutigen. Zwar halten sich Freude und Sorge auf beiden Seiten die Waage, in der Frage einer Zusammenarbeit beider Städte zum Beispiel sind sich die Bewohner immerhin einig: 84 Prozent der Sonneberger und 75 Prozent der Neustädter wünschen eine enge Zusammenarbeit. Alle werden glücklich Carolin Hutschgau schickte ihre fertige Arbeit beiden Bürgermeistern zu. Herr Rebhan bedankte sich. Frau Abel hat sie wohl niemals in die Hand genommen. "Da gibt es die Arbeit einer Studentin, die hat vielleicht 20 Sonneberger gefragt, das kann ich nicht als Maßstab nehmen", sagt sie abfällig. Der Neustädter Schülerin hatte sie vor der Umfrage sogar einen Termin gewährt. Als Carolin Hutschgau im Sonneberger Rathaus ankam, ließ Frau Abel sie kurzerhand stehen. Neustädter und Sonneberger. Zwei Städte, ein Volk. Außer in Berlin liegen zwei Städte aus Ost und West nirgendwo so eng beieinander wie hier. Die Neustädter Jugend geht zum Tanzen in die Sonneberger Disko. Neustädter heiraten in Sonneberger Familien ein, und ein Haufen Sonneberger arbeiten in Neustadt. Einen wesentlichen Unterschied haben wir ausgemacht: Beide Städte werden von äußerst unterschiedlichen Politikernaturen regiert. Und weiter? "Ich kann es auch nicht rationell erklären, aber man sieht, woher die Leute kommen", findet der Unternehmer Norbert Schelhorn, aber das sei zwischen Coburgern und Neustädtern auch nichts anderes, obwohl beide Städte im Westen lägen. Die Unterschiede in der Bekleidungskultur werden sich bald erledigt haben. Kaufen doch beide Seiten ihre Kleider von derselben Stange im Hönbacher "Marktkauf". "Kaufen nach dem AWG-Prinzip", werben Schilder. Was nur ist das AWG-Prinzip? "Na, alle werden glücklich", antwortet strahlend eine Kassiererin. +++