NEW YORK, im Dezember. Ein einziger Scheinwerfer taucht die Kapsel in ein magisches Licht. Sie erinnert an einen Kristall oder eine Blütenknospe und ist an einer Seite geöffnet. Durch acht Fächer blickt man in das Innere der Kapsel. Acht Stahlschachteln werden in diese Fächer eingelassen werden. Viagra-Pillen, Prozac und Beanie Babies, Haarproben von Menschen und Tieren aus aller Welt und von Dolly, dem geklonten Schaf. Daneben eine Ampulle mit Aids-verseuchtem Blut, Kochrezepte, die Millenniums-Ausgabe des "Weight Watcher Magazines" und ein Bild des von Christo verpackten Reichstags. Einmal gefüllt, wird im kommenden März die Luft aus den Hohlräumen gesaugt, der Deckel versiegelt und die gesamte Kapsel mit mehreren Schichten Hitze und Kälte abweisender Materialien umgeben. "Schließlich soll sie ja einen nuklearen Konflikt überdauern können", erläutert Jack Rosenthal, der verantwortliche Redakteur des "New York Times Magazine". Denn die Kapsel soll künftigen Generationen darüber berichten, wie die Menschen im Jahr 2000 auf der Erde lebten. Erst im Jahr 3000 soll die "New York Times Capsule" geöffnet werden. Bis dahin soll sie im American Museum of Natural History in New York ausgestellt werden. Eine Bierdose als Zeitzeuge"Ein großer Tag für die New York Times und die Welt", sagt stolz Arthur Sulzberger Jr., der Herausgeber der "New York Times", als die Zeitkapsel Anfang Dezember im American Museum of Natural History in New York enthüllt wurde. Mehrere Wochen lang kann die Kapsel dort im Rahmen einer Ausstellung über das Konzept "Zeit" besichtigt werden. Besucher können letzte Vorschläge machen, welche Gegenstände als Zeitzeugen in die Zukunft mitreisen sollen. "Die Idee, etwas für die Zukunft zu hinterlassen ein Buch, eine Stiftung, DNA ist einfach faszinierend", sagt Rosenthal. Anfang des Jahres war die Idee der "Times Capsule" während einer Redaktionssitzung ausgedacht worden. 48 namhafte Architekten, darunter Peter Eisenman, nahmen schließlich an einem Wettbewerb für das Design teil. Den Zuspruch erhielt Santiago Calatrava, einer der führenden Architekten Spaniens. "Schönheit ist die beste Garantie für den Erhalt der Kapsel", formulierte Calatrava. Auch der Standort ist sorgsam gewählt: Gebäude zerfallen, Parkanlagen werden bebaut; als Wächter über die schöne Kapsel wurde deshalb eine renommierte und, so hofft man, die Jahrhunderte überdauernde Institution auserkoren: das American Museum of Natural History. Zeitkapseln haben in den USA eine lange Tradition. Die erste so genannte "time capsule" wurde im Jahre 1876 von der Witwe Charles Deihm geschaffen und während der Weltausstellung in Philadelphia verschlossen. Genau hundert Jahre später wurde die Kapsel von Gerald Ford geöffnet. Der US-Präsident fand darin Fotos, Bücher und gut erhalten ein Teeservice.Rund zehntausend Zeitkapseln sind seit 1876 geschaffen worden, schätzt die "International Time Capsule Society". Die Gesellschaft in den USA kümmert sich darum, die Standorte aller Kapseln zu dokumentieren. An der Universität von Atlanta wurde 1940 ein ganzes Schwimmbad als Zeitkapsel zugemauert. Der Präsident des Oglethorpe Colleges, Thornwell Jacobs, befahl, den Swimming Pool mit der "Essenz der westlichen Kultur" zu füllen: Brillen, Toaster, Nähmaschinen, Strumpfhosen und Bierdosen. Die "Krypta der Zivilisation" soll im Jahre 8113 geöffnet werden, dem von Jacobs errechneten Datum einer neu entstandenen Kulturform. Ein Tag in New YorkEine Bierdose in der Krypta der Zivilisation? Auch die Zeitkapsel der "New York Times" soll das Alltagsleben dokumentieren. "Ziel der Kapsel soll es sein", erklärt Rosenthal, "den Menschen der Zukunft ein Bild eines ganz gewöhnlichen Tages zur Jahrtausendwende zu vermitteln das Alltägliche geht am schnellsten verloren." Neben Hunderten von Alltagsgegenständen enthält die "New York Times Capsule" auch Bilder und Gespräche, die alle am selben Tag und zur selben Minute in New York aufgenommen wurden. Dokumentiert werden zum Beispiel ein Doughnutverkäufer auf der Fifth Avenue, die Insassen des Gefängnisses auf Rikers Island, Broker an der Wall Street, Menschen in einem Sportstudio oder Kinder beim Gebet in einer Thoraschule in Brooklyn. Mit Hilfe eines Ionenstrahls wurden die gesammelten Informationen im Anschluss auf so genannten HD-Rosetta-Disketten der Firma Norsam geritzt. Eine Technik, die in den Laboratorien der US-Regierung von Los Alamos entwickelt wurde, um Geheiminformationen vor Atomangriffen zu schützen. 90 000 Text- und Bildseiten können dabei auf einer Nickelplatte von der Größe eines Weihnachtsplätzchens gespeichert werden. Ein einfaches Mikroskop reicht, um die Seiten zu lesen. "Am Anfang hatten wir vor, die erste virtuelle Zeitkapsel der Welt zu schaffen; mit Mikrochips und CD-Roms und so", sagt Rosenthal. Davon sei man aber schnell abgekommen, da elektronisch gespeicherte Informationen nur von kurzer Lebensdauer seien. Um nun ganz sicher zu gehen, dass auch die wichtigsten Dokumente, welche die Zeitkapsel enthalten wird, nämlich die sechs Millenniumsausgaben des "New York Times Magazines", die Jahrhunderte gut überstehen, werden diese gleich in zweifacher Form gespeichert: im HD-Rosetta-Verfahren und als Sonderdruck auf säurefreiem Papier. Am Ende sei, erklärt Deirdre Boyle, Professorin für Medienwissenschaften und Besucherin der Zeit-Ausstellung, die New-Yorker "time capsule" eben doch nur eine "Times Capsule".CHRONIK Ein Schwimmbad als Krypta der Zivilisation // 1876: Während der Weltausstellung in Philadelphia schließt Frau Charles Deihm die erste Zeitkapsel. US-Präsident Gerald Ford öffnete die Kapsel hundert Jahre später. Zum Vorschein kommen: Fotos, Bücher und ein Teeservice. Bislang wurden rund zehntausend Zeitkapseln archiviert.1940: Der Päsident der Oglethorpe Universität in Atlanta lässt das Schwimmbad der Uni als "Krypta der Zivilisation" zumauern. Archiviert werden Brillen, Toaster, Nähmaschinen und Bierdosen. Im Jahr 8113 soll das Archiv im Pool geöffnet werden.1966: Im kalifornischen Rosamond wird die größte Zeitkapsel der Welt geschaffen. In einem stillgelegten Minenschacht lagern Möbel und andere Gegenstände der 60er-Jahre. Der "Tropico Time Tunnel" soll im Jahr 2866 geöffnet werden.1970: Zur Expo im japanischen Osaka dokumentiert eine Zeitkapsel den japanischen Alltag der 70er-Jahre. Dazu gehören: ein Reiskocher, Kunstperlen und die Tonbandaufnahme eines heulenden Hundes.2000: Die "New York Times Capsule" berichtet über das Leben um die Jahrtausendwende. Entworfen hat die Kapsel der Architekt Santiago Calatrava.