Sie hießen Mara, Meta oder Lucie und waren respektiert oder gar gefürchtet. Ihre Arbeit verrichteten sie keinesfalls schlechter als die Männer - sondern höchst verantwortungsbewusst. Wort für Wort abwägend, die taktischen Implikationen beachtend. Aber vielleicht auf eine andere, spezifisch weibliche, womöglich doch irgendwie charmantere Art? Über die Frage, ob es eine besondere Art des "weiblichen Schreibens" gibt, ist einige Tinte vergossen worden. Doch wie steht es um die Zensorin?Diese Frage wurde nie untersucht. Von der feministischen Traditionspflege wurde eine der wichtigsten Erscheinungsformen von Frauenpower sträflich vernachlässigt. Immerhin pflegt Jürgen Kuczynski, ein wahrer Virtuose in diesen Dingen, seiner Zensorin Blumensträuße zu schenken. Geht es um die Zensur der DDR, ist zumeist von deren Herren, von Bruno Haid oder Klaus Höpke die Rede, nicht von deren Chefinnen im ZK, von Lucie Pflug und Ursula Rackwitz. Luise Kraushaar, die bis 1958 die Belletristik-Zensur im Amt für Literatur aufbaute, wurde in die wissenschaftliche Literatur als "ein gewisser Herr Kraushaar" eingeführt. Ihrer Nachfolgerin Anneliese Kocialek hingegen warf Stephan Hermlin sogar einmal vor, sie betrachte Bücher wie eine "Art von komplizierten Strümpfen".Jedenfalls dürfte der Einfluss "der Zensorin" auf die Stilentwicklung auch der schreibenden Männerwelt kaum geringer zu veranschlagen als etwa der einer Christa Wolf. Wie hätte sich eine kritische Gegenwartsliteratur in der DDR ohne die schützende Hand der für sie zuständigen Christine Horn entwickelt? Karlheinz Selle, von 1951 bis 1989 an leitender Stelle im Amt dabei, schätzt, dass die Mehrzahl seiner redigierenden Kader weiblichen Geschlechts war. Und keineswegs nur der Kinderbuchbereich, ihre angestammte Domäne, war ihnen untertan. Wie die Historiker an Frau Bartz, so erinnern sich die Philosophen an Frau Buhr, die Theologen an Frau Marquardt als strenge Herrinnen von wissenschaftlicher Kompetenz - wenn sie sie überhaupt je zu Gesicht bekamen.Ein wahrer Schrecken der schreibenden Männerwelt war allerdings Carola Gärtner-Scholle, die dienstälteste Gutachterin der Hauptverwaltung, die wegen ihres überschäumenden Temperaments keine verantwortliche Position bekleidete, sondern als eine Art Geheimrätin für Literatur im Verborgenen waltete. Bestaunen wir ihren privaten Kirchenkampf mit den "Kutten" des "klugen St. Benno": "Ostkirche? Das ist wohl bei uns? Müssen wir uns solche Frechheiten gefallen lassen von den Schwarzröcken? Ein einziges Geseiche", urteilte sie über ein katholisches Hausbuch, wie es angesichts "der geistigen Stagnation der Kirche" wohl noch einige Zeit Brauchware bleibe: "Sofern man nichts dawider tut." Wie litt sie, wenn eine tolerante Linie angesagt war: "Diese Lektüre hat mir eine starke Migräne verursacht. Es ist furchtbar, dass eine Marxistin-Leninistin in die Situation kommt, dazu ja sagen zu müssen, auf welche Weise wehrlose junge Geschöpfe hier wie durch einen Fleischwolf gedreht werden, um sie völlig der Priesterherrschaft zu unterwerfen."Dem Eulenspiegel Verlag versagte sie die "Haarsträubende Busenpille" ("Mit Verlaub, das ist noch kein Buch!") und einen tschechischen Karikaturenband "Knigge für Damen", in dem die Jagd der Frau auf den Mann variiert würde, als frauenfeindliche Geschmacklosigkeiten: "Wie stimmt das zur sozialistischen Moral? Gar nicht." Die "scheußlichen, von Fett und Busen überquollenen Verkörperungen der holden Weiblichkeit" ließen einen "beim Wort Frau geradezu nach Natron verlangen". Der Band sei "berechnet für übersättigte Amoral. Der Mann, das von der ehewütigen Matrone gejagte Wild hudelt also hündisch vor dem Hürchen. No."Aus einem Eulenspiegel-Almanach "Das Tier lacht nicht" strich sie ein Zitat von Karl Kraus: "Satire, die der Zensor versteht, wird mit Recht verboten." Ihre Begründung lautete: "Er hatte es mit einem Zensor zu tun, den unsere Leser nicht mehr zu fürchten brauchen." Stimmt, sie hatten eine Zensorin.Zensurspiele erschien von 2003 bis 2007 als Kolumne "Unterm Strich".Das gleichnamige Buch von Simone Barck und Siegfried Lokatis veröffentlicht jetzt der Mitteldeutsche Verlag, Halle (Saale) 2008. 296 S., 20 Euro.Präsentation am Dienstag, den 13. Mai, um 20 Uhr im Brecht-Haus, Chausseestraße 125. Moderation: Harald Jähner.