Szenekiez mit Stern - so könnte Friedrichshain-Kreuzberg demnächst für sich werben. Denn im Bezirk wird die neue Firmenzentrale des Mercedes-Benz-Vertriebs gebaut. Für 1200 Mitarbeiter des Unternehmens, die derzeit auf vier Standorte in der Stadt - unter anderem am Potsdamer Platz - verteilt sind, entstehen gegenüber der East Side Gallery drei Bürogebäude. Ein Hochhaus mit 13 Etagen, das gut 50 Meter misst, sowie drei Siebengeschosser. Im Herbst dieses Jahres soll die Baugrube ausgehoben werden, im Frühjahr 2013 der Einzug sein.Entstehen wird der Neubau auf dem Areal der Anschutz Entertainment Group (AEG). Diese hatte dort 2008 ihre Multifunktions-Arena eröffnet und plant auf der rund 20 Hektar großen Fläche rings um die Halle ein neues Stadtquartier. Bauen sollen das verschiedenen Investoren. Für die Daimler-Tochter Mercedes Benz ist dies das Immobilienunternehmen Vivico, das die rund 26000Quadratmeter von der AEG gekauft hat. "Wir freuen uns auf unseren neuen Standort, den wir hauptsächlich wegen seiner zentralen Lage und der guten öffentlichen Verkehrsanbindung gewählt haben", sagte Mercedes-Vertriebschef Harald Schuff am Montagabend bei einer Informationsveranstaltung.Verdrängung befürchtetDoch längst nicht alle in Friedrichshain-Kreuzberg blicken dem Zuzug freudig entgegen. Am Montagabend dominierten die Kritiker von der Initiative "Mediaspree versenken!". Die sehen ohnehin alle Planungen im Spreebereich, wo auf 180 Hektar vorrangig Büro- und Hotelbauten entstehen sollen, skeptisch. Mit einem erfolgreichen Bürgerentscheid hatten sie gegen eine zu nahe Uferbebauung und gegen neue Hochhäuser gestimmt. Dass jetzt trotzdem ein Hochhaus entsteht, noch dazu eines, auf dem der Mercedes-Stern prangen soll, ist für viele eine Provokation. Sie fürchten die Errichtung "weiterer Luxusbauten" und eine fortgesetzte Verdrängung ärmerer Bevölkerungsschichten durch "Gutverdiener, die Pasta für 14 Euro wollen". Carsten Joost von der Initiative forderte die Bauherren demonstrativ auf, "zugunsten des sozialen Friedens" auf das Hochhaus zu verzichten.Was bei Mercedes-Vertriebsleiter Harald Schuff auf wenig Verständnis stieß: "Wir verdrängen niemanden, sondern bauen ein Bürogebäude auf einem Parkplatz", sagte er. Seine Mitarbeiter seien außerdem keine Kapitalisten. Sein Betriebsratschef Reinhard Feider nickte dazu. Denn für die Mercedes-Mitarbeiter macht sich der Umzug vom Potsdamer Platz nach Friedrichshain, also von West nach Ost, nicht gerade bezahlt: Im Ostteil müssen sie laut Tarifvereinbarung 38 statt wie bisher 35 Stunden arbeiten. Bei gleicher Bezahlung, was einem realen Lohnverlust gleichkommt. Die Alternative zu Friedrichshain wäre laut Schuff der Rückzug der Vertriebssparte nach Stuttgart gewesen. "Das wollte aber niemand bei uns." Was schließlich auch den Grünen-Bezirksbürgermeister Franz Schulz versöhnlich stimmte. Schulz bekannte nämlich, dass er die Autobranche für eine sterbende Industrie halte und ihm eine andere Firma lieber gewesen wäre. "Aber es ist ebenso eine Tatsache, dass Berlin auf Arbeitsplätze nicht gut verzichten kann."Der Bezirkschef, dessen Verwaltung jetzt den Bauantrag genehmigen muss, machte aber seine Erwartungen an Mercedes-Benz deutlich: "Ich hoffe, dass das Unternehmen nicht wie ein Ufo residiert, sondern sich im Bezirk einbringt." In Friedrichshain-Kreuzberg gebe es viele Kinder- und Jugendeinrichtungen, die Unterstützung brauchten. Vertriebschef Schuff sagte diese - natürlich - zu. Er nahm auch die Anregung von Clubbetreiber Dimitri Hegemann vom Tresor auf, im neuen Haus gemeinsam mit Experten und Nachbarn über die Zukunft zu debattieren. "Was tun, wenn das Benzin alle ist? Das geht jeden an", sagte Hegemann. Im besten Fall, so befand er, könnte der Ort zur "Begegnungsstätte mit Seele" werden. Zu hoch sei der Neubau für seinen Geschmack im übrigen nicht, Berlin wolle schließlich Metropole sein.------------------------------Mediaspree aktuell - wer baut und wer nicht1. BSR-Areal: Bis zum Herbst 2010 war dort die Bar 25. Jetzt wird der Boden saniert. Der Eigentümer BSR will das Areal verkaufen, ein Hotel und Büros sind geplant. Findet sich kein Käufer, gilt eine Zwischennutzung für möglich.2. Maria: An diesem Wochenende ist in der Maria am Ostbahnhof Schluss. Nach gut acht Jahren an der Schillingbrücke muss der Club weg. Ab dem nächsten Jahr will dort ein Hamburger Investor ein Hotel, Büros und Wohnungen bauen. Auch auf dem Areal von Kiki Blofeld wird bald gebaut.3. Yaam: Wo jetzt das Kultur- und Sozialprojekt Yaam einlädt, wollte ein spanisches Unternehmen einen dreiteiligen Bürokomplex bauen. Es war schon der zweite Investor für das Columbus-Haus. Jetzt steht das Gelände wieder zum Verkauf - für 26 Millionen Euro.4. Postgelände: Der dänische Käufer des Areals am Ostbahnhof hat den Kauf rückgängig gemacht und das Areal an die Post AG zurückgegeben. Diese sucht nun nach einem neuen Investor, der dort ein bereits geplantes Quartier für Kultur, Kunst und Wohnen entwickelt.5. Osthafen: Auf dem Gelände an der Stralauer Allee sind nur noch vier Grundstücke unbebaut. Kaufverhandlungen führt der Eigentümer, die Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft Behala, u. a. mit dem Modeunternehmen Labels, das dort sein drittes Gebäude plant.------------------------------Karte / Grafik: Berlin. Bebauung des Spreeufers zwischen Jannowitzbrücke und Elsenbrücke.Foto: Der geplante Neubau von Mercedes-Benz: An der Mühlenstraße entsteht ein gut 50 Meter hohes Gebäude, dahinter drei Bürohäuser. Die Kantine soll übrigens öffentlich zugänglich sein.