Am Sonnabend, den 13. März um 20.14 Uhr MEZ war es im Deutschen Theater soweit. "Pscht, da kommt die gnädige Frau!" Claire und Solange, gespielt von Simone von Zglinicki (seit 1974 am DT) und Margit Bendokat (seit 1965 am DT) haben gerade verabredet, wie ihre Herrin umzubringen sei, mit Lindenblütentee und zehn Kapseln Gardenal, das Rezept steht im Stück "Die Zofen" von Jean Genet. Die beiden haben tatsächlich einen harten Dienst, denn im Bühnenbild, das Kathrin Frosch für die Inszenierung von Konstanze Lauterbach baute, sind schätzungsweise 250 ausgestopfte Raben und Moosteppiche verteilt - üble, undankbare Staubfänger (hier ein Gruß an den Requisiteur Dietmar Lebus). Der morbide, pseudopoetische Effekt steht in keinem Verhältnis zum Aufwand - aber was interessiert die gnädige Frau schon irgendein Aufwand. "Sie wird uns mit ihrem ganzen Wesen überrollen", nörgelt Margit Bendokat schon am Anfang des Abends, und sie meint wohl nicht nur die Rolle der gnädigen Frau, sondern auch die Kollegin, die sie gibt: Es tritt auf, fährt ein, schwebt herab zu uns zuschauenden Domestikengeistern die gnädige Frau mit der pieknoblen Gestalt und dem hochwürdigen Wesen von Inge Keller (seit 1950 am DT), im goldenen Kleid, auf samtenem Rollthron. Die rot lackierten scharfen Fingernägel liegen weich, aber wach im weißen Pelz. Margit Bendokat muss Blumen schmeißen, Simone von Zglinicki muss das Stichwort "Wir vergöttern die gnädige Frau" geben, damit die Keller locker und lässig die Pointe absahnen kann: "Und das zurecht." Es ist kein Wunder, dass die Zofen ihr Schattendasein satt haben, dass sie heraus wollen aus ihren Schlabberstrickjacken, hinein in die Würde verheißenden Kleider der Madame. Margit Bendokat spielt Freiheitsstatue mit der Nachttischlampe als Fackel, doch der hochherzige Kampf beginnt mit einer fiesen, stümperhaften Denunziation, aufgrund derer der gnädige Herr verhaftet wird. "Ich bin gebrochen", sagt die Keller, und der Saal lacht genießerisch. Es ist einfach ein hoher, seltener, olympischer Kunstgenuss - sichtlich auch für die Diva höchstselbst -, wenn ein edler Mund in unverletzlicher Erhabenheit und zartester Ironie vom Grame spricht. "Ihr habt es gut", sagt sie zu ihren Dienstmädchen, "man schenkt euch Kleider; wenn ich welche brauche, muss ich sie mir kaufen." Zu viel der Gnade, Majestät, die Kolleginnen Zofen kochen. Keine Frage, das muss man sehen.Der kulturpessimistische Kunstconnaisseur, dem das Deutsche Theater zu breit, zu bunt, zu unvorhersehbar im Angebot zu werden droht, darf sich hier wieder ein paar kostbare Momente gönnen. Er darf seinen Enkeln erzählen, dass er noch mit eigenen Sinnen vernommen hat, wie Aura aus dem Saal rauschte, wie die Bühne schrumpfte, austrocknete und ertaubte, sobald die Keller sie im Stich ließ. Der Enkel wird es nicht glauben: "Opa spinnt wieder."Nur Spielverderber wollen jetzt noch in Kenntnis davon gesetzt werden, welche künstlerische Absicht die Regisseurin getrieben haben könnte, Jean Genet zu inszenieren, was zu den Verwebungen von Macht und Lust, von Spiel und Schmerz ausgesagt wird und ob das Ritual das Böse bannt oder gebiert. Es wäre kleinkariert, darauf hinzuweisen, dass Genets Stück als Folie für die hochgradig kunstvolle Präsentation von Schauspielerinnenlegenden benutzt wurde, indem alles Schmutzige, Fleischliche aus ihm entfernt wurde, indem moralische Fragen zu ästhetischen Zwecken gestellt werden und es um nichts anderes geht als um schön gespieltes, schön gesprochenes Schöntheater, das sich von der nebensächlichen, dilettantischen Wirklichkeit nicht kompromittieren lässt.Die Zofen // von Jean Genet (aus dem Französischen von Simon Werle).Besetzung: Simone von Zglinicki (Claire), Margit Bendokat (Solange), Inge Keller (Gnädige Frau).Regie: Konstanze Lauterbach, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Daniela Villaret, Vorstellungen: 19. , 26. März, 7. , 11. , 16. April, jeweils 19. 30 Uhr im Deutschen Theater, T. : 24 88 12 25.Foto: Die Bühnenkünstlerin Inge Keller beim Bühnenkunstgenuss.