Immer mehr Musiker beklagen den Drogenmissbrauch in der Klassikbranche. Im vergangenen Sommer bemängelte der Opernsänger Endrik Wottrich in einem Interview mit der FAS, dass "Drogen in der Musik längst Alltag" seien. In einem Dokumentarfilm über die Berliner Philharmoniker erzählte ein Musiker, wie sein Lehrer ihm riet, gegen Lampenfieber einfach Bier zu trinken. Er wurde Alkoholiker. Kürzlich kritisierte Roland Wagenführer, ein ehemaliger Sänger der Bayreuther Festspiele, im Focus das "Doping unter Opernsängern". Vor einigen Tagen behauptete der britische Geiger Nigel Kennedy sogar: Kokain und Haschisch seien in der Klassik "so populär wie in allen Gesellschaftsschichten". Wir sprachen darüber mit dem Musikmediziner Prof. Dr. Helmut Möller.Herr Möller, wie schätzen Sie die jüngste Diskussion um Drogen und Doping in der Klassik ein?Die Begriffe Drogen und Doping treffen nicht ganz zu. Aber Tabletten- und Alkoholmissbrauch sind definitiv Probleme unter Berufsmusikern. Meiner Erfahrung nach nehmen 25 bis 30 Prozent der Musiker regelmäßig Tabletten oder Alkohol gegen Auftrittsängste zu sich. Es gibt Studien, die diese Zahlen stützen. Und die Tendenz ist steigend.Lampenfieber ist so alt wie der Beruf des Musikers. Kommen die Künstler damit schlechter klar als früher?Der Konkurrenzkampf unter Musikern hat sich in Deutschland in den letzten Jahren extrem verschärft. Es werden einfach mehr Musiker ausgebildet, als gebraucht werden. Hinzu kommt, dass Orchester schließen oder Stellen streichen. Außerdem drängen verstärkt Musiker aus dem Ausland, vor allem aus Russland und Asien, in die Orchester. Durch diese Konkurrenzsituation steigen die Ansprüche an Musiker ins Unmenschliche. Noch mehr Perfektion, noch mehr Virtuosität. Wenn jemand heute sein Konzertexamen "nur" mit gut abschließt, hat er in Deutschland praktisch keine Chance, überhaupt eine Stelle in einem Orchester zu bekommen. Dieser Druck führt zu massiven Auftrittsängsten.Wie äußern sich die Auftrittsängste?Bei etwa einem Drittel der Musiker wird durch die Angst ihr Spiel einschränkt - etwa durch mangelnde Koordinationsfähigkeit der Hände oder Atemnot. Andere Auswirkungen sind Schlafstörungen, Depressionen und Angstzustände.Aber sind das denn nicht alles professionelle Handwerker?Man muss sich das mal vorstellen: Viele Musiker fangen mit sechs Jahren an, ein Instrument zu lernen. Mit Mitte 20 verlassen sie dann die Hochschule und spielen bei Orchestern vor. Dort müssen sie sich oft gegen 60 andere Bewerber durchsetzen. Die jungen Musiker haben also 20 Jahre lang für fünf Minuten Vorspiel geübt, die über ihre Zukunft entscheiden. Solche Situationen sind wirklich schwer zu ertragen. Das ganze Vorspielsystem ist krank und teilweise unmenschlich. Dass die Leute sich Hilfsmittel holen, wundert mich nicht.Mit welchen Mitteln genau helfen sich denn die Musiker?Die meisten Medikamente, die genommen werden, befinden sich im Bereich der Betablocker. Das ist ein Herzmittel, das die Herzfrequenz niedrig hält. Subjektiv hat man so das Gefühl, seine Angst kontrollieren zu können. Psychopharmaka wie Antidepressiva werden auch immer wieder verwendet, haben aber den Nachteil, dass sie müde machen. Und natürlich wird Alkohol eingesetzt.Jeder vierte Philharmoniker soll angetrunken oder unter Tabletteneinfluss auf dem Konzertpodium erscheinen? Das ist schwer vorstellbar.Selbstverständlich wissen die Musiker, ab wann ihre Spielleistung sinkt. Alkohol beispielsweise wird oft nach den Konzerten getrunken: Eigentlich müssten Musiker nach dem Auftritt dreimal um das Konzerthaus rennen, um die Stresshormone abzubauen, die sich in ihrem Körper gebildet haben. Das macht natürlich niemand. Stattdessen setzt man sich auf ein paar Bier zusammen.Machen Beruhigungsmittel wie Betablocker abhängig?Körperlich nicht, dafür aber psychisch. Ich hatte schon eine Reihe Patienten, die sich nicht mehr auf die Bühne trauten, ohne Tabletten genommen zu haben. Hier versuche ich, neben psychotherapeutischer Behandlung mit Entspannungstechniken wie Yoga, autogenem Training und Muskelrelaxation zu arbeiten.Wie können Sie als Mediziner und Psychoanalytiker noch helfen?Wichtig ist, herauszufinden, worin genau die Auftrittsängste eines Musikers bestehen, wann sie entstanden sind und warum. Viele überfordern sich. Sie spielen Stücke, denen sie technisch nicht gewachsen sind. Um das herauszufinden, lasse ich die Patienten bei mir vorspielen. Gestern hatte ich so einen Fall. Jemand kam mit Panik vor dem Probespiel bei einem Berliner Orchester zu mir. Es stellte sich heraus, dass die Person einer solchen Stelle wohl nicht gewachsen wäre. Bei ihr war die Angst berechtigt.Fängt die Angst schon im Unterricht an?Ja, der Unterricht spielt eine wichtige Rolle. Viele Lehrer arbeiten mit Druck und legen wenig Wert darauf, das Selbstbewusstsein der Schüler zu stärken. Die Angst vor der nächsten Unterrichtsstunde kann dann zum Auslöser für spätere Auftrittsangst werden.Müssten Musiklehrer also ihre Unterrichtsmethoden ändern?Die Lehrer werden nach wie vor nach musikalischem Können ausgewählt und haben weniger Kompetenzen, wenn es um moderne Lerntechniken und Pädagogik geht. Die Hirnforschung hat zum Beispiel herausgefunden, dass die Aufnahmefähigkeit nach vier Stunden erschöpft ist. Mehr bringt nichts, ist sogar kontraproduktiv. Trotzdem wird an den Hochschulen fünf, sechs oder gar mehr Stunden geübt. Auch Stress und Lampenfieber werden im Unterricht viel zu wenig thematisiert. Die psychischen Belastungen des Musikerberufs sind ein Tabuthema, über das nicht gerne gesprochen wird.Was soll denn verheimlicht werden?Wenn der Zuschauer zu einem Konzert geht, soll er es ja genießen können. Dass hinter der Bühne genau das Gegenteil von dem passiert, was die Zuhörer erleben - nämlich Druck, Stress und Angst - darf das Publikum nicht mitbekommen. Psychische Belastungen gehören zu den großen Berufsrisiken der Musiker. In anderen Berufen gibt es Schutzmaßnahmen in Risikobereichen - bei Musikern passiert da viel zu wenig.In dem vielbeachteten Film "Trip to Asia" sprach einer der Musiker offen über sein Alkoholproblem.Dieser Film wäre vor fünf Jahren so noch nicht möglich gewesen. Langsam entwickelt sich das Bewusstsein dafür, dass der psychische Druck eine unheimliche Belastung des Musikerberufs ist. Deshalb veranstaltet das Kurt-Singer-Institut regelmäßig Kurse an den Berliner Musikhochschulen, die für Studienanfänger inzwischen Pflicht sind. Allein letzte Woche haben wieder Vertreter von drei großen deutschen Orchestern bei mir angefragt, ob ich therapeutisch mit ihnen arbeiten könnte.Das Gespräch führte Franka Nagel.------------------------------Foto: Prof. Dr. Helmut Möller ist Leiter des Kurt-Singer- Instituts für Musikergesundheit in Berlin. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Erforschung von Stress und Angstbelastung bei Musikern.

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