Dienstleister will mögliches Delisting gelassen hinnehmen: Infogenie geht mit Börse AG hart ins Gericht

BERLIN, 9. August. Der am Neuen Markt notierte Berliner Call-Center-Betreiber Infogenie hat die Qualitätskriterien scharf kritisiert, anhand derer die Deutsche Börse AG die Unternehmen einstuft. Insbesondere die Voraussetzungen für Aufnahme und Verbleib im Neuen Markt seien fragwürdig. "Die Vorgehensweise der Börse ist mehr als bedenklich", sagte Infogenie-Chef Markus Semm der "Berliner Zeitung". "Für Wachstumsunternehmen wie das unsere müssten ganz andere Kriterien gelten", so Semm. Weil die Börse aber Aktien von kleinen Firmen, deren Kurs dauerhaft unter der Marke von einem Euro notieren, künftig rigoros vom Neuen Markt verbannen will, droht auch Infogenie der Ausschluss von diesem Börsensegment - denn der Kurs der Aktie hält sich derzeit nur noch knapp über dieser kritischen Marke. Im Oktober 2000 war Infogenie noch mit fünf Euro am Neuen Markt gestartet. Verhandlungen mit MicrosoftSollte Infogenie tatsächlich vom Neuen Markt ausgeschlossen werden, will die Firma dagegen nichts unternehmen: "Das Image des Neuen Marktes ist sowieso angeschlagen", so Semm. "Es würde uns deshalb nicht viel ausmachen, in den Geregelten Markt zu wechseln." Das vor fünf Jahren gegründete Unternehmen führt Rat suchende zu Themen wie Recht, Steuern, Gesundheit oder Computeranwendung mit Experten per Telefon oder E-Mail zusammen. Kunden von Infogenie sind allerdings in der Regel nicht die Endverbraucher, sondern zum Beispiel Firmen, deren Produkte stark erklärungsbedürftig sind. Diese richten dann telefonische oder Internet-Hotlines ein, die von dem etwa 550-Kopf-starken Netz der Infogenie-Experten bedient werden. Infogenie verdient daran, egal ob die Hotlines für die Endkunden kostenpflichtig sind (etwa über 0190-er Telefonnummern) oder kostenlos. "Im Schnitt stellen wir den Firmen rund zwei Mark pro Gesprächsminute in Rechnung", erklärt Semm. Größter Umsatzbringer seien im Moment Hotlines für Computerspiele.Ziel des Unternehmens ist es nun, den Kreis der Firmenkunden erheblich zu erweitern und die internationale Expansion voranzutreiben. Im Moment ist Infogenie außer in Deutschland noch in Großbritannien aktiv. Geplant sind aber ähnliche Modelle in Frankreich, Italien und den USA. Dafür seien umfangreiche Investitionen nötig. Trotz des Kursverfalls der Aktie sei der Börsengang für Infogenie der richtige Schritt gewesen, denn dadurch wurden 15 Millionen Mark in die Kassen gespült, wovon die Hälfte noch für die weitere Expansion übrig sei. "Außerdem hat uns der Börsengang Türen", so Semm. So verhandle Infogenie zur Zeit mit Microsoft über eine Kundenbeziehung. "Das könnte für uns ein Quantensprung werden", so Semm.Noch allerdings muss sich das Unternehmen mit einem bescheidenen Umsatz begnügen und mit Verlusten leben. Im ersten Quartal dieses Jahres lag er bei lediglich 0,7 Millionen Euro (knapp 1,4 Millionen Mark). Der Verlust lag mit 0,8 Millionen Euro sogar darüber. Im Februar oder März nächsten Jahres soll allerdings die Gewinnzone erreicht werden. In den nächsten Tagen will Semm auch einen neuen Vorstand einstellen. Finanzvorstand Gerhard Wehner war Ende März ausgeschieden, nachdem sich Semm mit ihm wegen der künftigen Strategie überworfen hatte.Standortnachteil // Standort: Trotz einiger "negativer Rahmenbedingungen" will Infogenie weiter in Berlin bleiben. Die Stadt liege wegen der großen Entfernung zu anderen Städten relativ ungünstig und die politische Unterstützung für Firmen sei eher gering.Profitabilität: 2002 will Infogenie Gewinn machen. Zuletzt gab es mehr Verluste als Umsatz.Firmenangebote unter: www. infogenie. de BLZ/KÜHL Infogenie 24.10.00-9.8.01