Berlin - Im Kitkat leuchtet’s rot, blau und grün, in den Ecken stehen Plastikpalmen und Tische mit Tischdenken. Es erinnert an eine Disco in den Achtzigern. Auf der Tanzfläche bewegen sich lächelnde Menschen zu leichtem House, begrüßen sich, plaudern kurz.

Die Stimmung ist heiter, und die meisten Gäste haben fast nichts an. Jeden Sonnabend lautet der Dresscode: „Fetisch, Lack & Leder, Uniformen, Kostüme, elegante Abendgarderobe“. Zwei Männer, die nur T-Shirts tragen, sonst nichts, laufen händchenhaltend über die Tanzfläche, eine junge Frau in einem Korsett führt einen blonden Leder-Jüngling an der Leine, ein älterer, nackter Mann sitzt neben der Bar und onaniert.





Diese bizarre Mischung erklärt vielleicht auch den ungebrochenen Erfolg des KitKat-Clubs, der seit Jahren ein treues Stammpublikum anzieht, das sich fern aller Trends zu Vergnügen weiß.

Ohne Kleidung kommt man leichter in Kontakt

„Wer seinen Körper zeigt, kann sich weniger verstecken“, sagt Kirsten Krüger, die den Club seit 1994 mit ihrem Partner Simon Thaur betreibt. Ohne viel Kleidung komme man leichter in Kontakt, findet sie. Seit 14 Jahren sitzt Krüger an der Tür und entscheidet, wer ihr „Wohnzimmer“ betreten darf. Der Style sei zweitrangig. „Ich sehe in den Gesichtern, ob Leute offen sind. Nur die lasse ich rein.“ Krüger ist eine Frau mit Prinzipien.

„Wenn ich den Leuten nichts abverlange, passiert auch nichts Spannendes“, sagt sie und fügt hinzu, dass vor allem die jungen Leute „so verklemmt“ sind. Der Altersdurchschnitt im Kitkat liegt weit über dem anderer Clubs. Das Publikum ist zwischen 20 und 60, die Hälfte sind Stammgäste, Party-Touristen gibt es kaum.

Die Garderobe ist kostenlos. Ein Türsteher hält jedem einen Kleiderbügel vor die Nase. Jacken und Hemden werden aufgehängt, Hosen verschwinden in Reisetaschen. Dann tragen Frauen kurze Röcken, knappe Oberteile und schwarze Lack-BHs, die meisten Männer gehen mit freiem Oberkörper, dazu enge Shorts oder kurze Lack-Lederhosen.

Flirten ohne Hemmungen

Völlig Nackte und Dominas mit Peitschen sind selten. Viele Paare sind hier, Homos als auch Heteros, wie Akki und ihr Freund Alex aus Wilmersdorf. Für Sex kommen sie nicht, sagen sie, aber für das „Flirten ohne Hemmungen“. „Hier kann ich erotische Energie aufladen und Grenzen austesten“, sagt Akki, die ein schwarzes Kleid mit Netzstrumpfhosen und hohen Stiefeln trägt.

Die „sexy Atmosphäre“ und der Altersschnitt von mehr als 30 Jahren haben es der 49-Jährigen angetan. Das erinnert ein wenig an die 90er, als auch in anderen Techno-Clubs eine bunte Menge gemeinsam feierte. „Jetzt wollen die meisten nur mit Leuten feiern, die so sind wie sie“, sagt Kirsten Krüger. Im Kitkat hält sie dagegen.

Die meisten Gäste sind kein schöner Anblick: bleiche Haut, schlaffe Bäuche oder extrem aufgepumpte Muskeln. Nichts für Ästheten. „Darum geht es aber nicht“, sagt ein junger Mann im schwarzen Anzug, der an der Bar lehnt. Er trägt eine schwarze, venezianische Maske, sein Gesicht ist nicht zu sehen. „Es ist schön, sich zu verkleiden und jemand anderes zu sein“, sagt er. Der alte Mann im engen Leder-Tanga müsse nicht gut aussehen. „So lang er sich wohlfühlt“, sagt er.

Alles kann, nichts muss

Kirsten Krüger wünscht sich gewagte Outfits. „Nur dann passiert was Neues“, sagt sie. Den Mut muss jeder selbst aufbringen. Craig hat ihn sich angetrunken. Jetzt muss er sich auf der Bar abstützen. Er ist 23 Jahre alt, Marinesoldat aus England. „Total verrückt“ findet er das Kitkat. Er trägt einen Schottenrock – und nichts drunter. Er torkelt weiter und liegt später in einer Schaukel, auf ihm eine Frau, die ihre Hand unter seinem Rock hat.

Ausgehen ohne Sex ist für Club-Chefin Kirsten Krüger unvorstellbar. Fetisch-Partys, bei denen es nur um Sex geht, mag sie aber auch nicht. Gute Musik und die richtige Stimmung fanden sie und Simon Thaur Anfang der Neunziger auf Partys im indischen Goa. Nur: Dort gab es keinen Sex. Also haben sie beides kombiniert. Mittlerweile findet Goatrance nur noch einmal im Monat statt – zu Mystic Friday, ohne Dresscode.

Eine Frau von Mitte Dreißig in einem Bikini-Oberteil schwärmt von der Freizügigkeit. „Man hat schnell Augenkontakt und kann alles machen“, sagt sie. „Man kann jemanden aber auch wegschicken.“ Das wird im Kitkat immer akzeptiert, egal, ob Fetisch- oder Goa-Party.







Kitkat Club: Köpenicker Str. 76 (Eingang über Brückenstraße), Mitte.

Mystic Friday: Freitag, 23 Uhr, Goa-Trance. Kein Dresscode.

CarneBall Bizarre: Sonnabend, 23 Uhr. Dresscode.

Berliner Zeitung, 16.06.2011