Dieser DDR-Geruch!

Unser Bundesbauminister Klaus Töpfer ist ein volksnaher Mensch. Das bewies er kürzlich, als er sich im Rahmen der "Schaustelle Berlin" als Stadtführer betätigte. Töpfer zeigte sein derzeitiges Berliner Domizil, das ehemalige Staatsratsgebäude. Sein Publikum war eine vom Zufall zusammengesetzte Gruppe aus denen, die in der Schlange für die begehrten Karten vorne gestanden hatten: Berliner, Berliner mit Besuch von auswärts und auswärtige Besucher, deren Berliner Gastgeber sie auf eigene Faust losgeschickt hatten.Wie nun hat sich Töpfer in Honeckers Räumen eingerichtet? Hat er dem DDR-Ambiente den Garaus gemacht? Keine Spur. Töpfer ist nicht etepetete. Als er noch Umweltminister war, badete er vor den Augen einer befremdeten Republik im Rhein. Als Bauminister macht er sich's zwischen Wand- und Fensterbildern sozialistischer Künstler auf blaugepolsterten DDR-Möbeln bequem. "Das stört mich nicht", ist der Satz, den Töpfer bei der Führung am häufigsten äußert. Gut, Honeckers Schreibtisch benutzt er nicht mehr, weil der jetzt im Museum steht. Er hat auch die Tische im ehemaligen Kabinettsitzungssaal ausgetauscht. Aber im Treppenhaus ist zum Beispiel die bunte Fensterfront zu bewundern, auf der die Entwicklung des Sozialismus vom Reichstagsbrand bis zu den angestrebten Errungenschaften dargestellt wird. Töpfer weist sein Publikum ausdrücklich darauf hin. Er habe selbst angeordnet, den Vorhang zu entfernen, der die sozialistische Kunst schamhaft verhüllte.Eine Hinterlassenschaft aber stört den Minister doch, und zwar ganz erheblich, wie er im Treppenhaus erklärt: "Dieser DDR-Geruch!" Er sei nicht rauszukriegen. "Wir haben schon einige Teppiche ausgetauscht, aber das nützt nichts. Das muß in den Wänden sitzen", klagt Töpfer. "Ich bin ja sonst nicht so. Aber Sie können sich vorstellen, wenn man den ganzen Tag in diesem Geruch sitzt, das schlägt einem schon aufs Gemüt." Die Ostberliner unter den Besuchern ahnen's schon, der Rest der Truppe folgt dem Minister neugierig schnüffelnd in seine Amtsräume: Wie roch denn nun die DDR? Ein Kölner kommt sofort drauf: "Wie die Interzonenzüge! Da roch's auch immer so! Das kriegte man wochenlang nicht mehr aus den Kleidern!" Und er nickt dem Bauminister verständnisvoll zu. Kein Wunder, daß ihn das peinigt. Dieser etwas scharfe Geruch, der an Desinfektionsmittel und ein bißchen an Plastik erinnert. Sie ist eben nicht so leicht totzukriegen, die DDR. Zugegeben, der Staatsrat ist weg, die Stasi ist weg, Trabant und Wartburg verschwinden aus den Straßen, und das berüchtigte graue DDR-Klopapier ist vermutlich von irgendwelchen Schiebern als Sandpapier in die Dritte Welt verkauft worden. Es ist halt auf nichts Verlaß. Nur auf Wofasept. So heißt das DDR-Desinfektionsmittel mit der bleibenden Duftnote. Töpfer will die großen Säle des Staatsratsgebäudes übrigens für öffentliche Veranstaltungen zur Verfügung stellen. DDR-Nostalgiker aufgepaßt: Dies ist der Ort für eure Feste! +++