Was soll man hinterher sagen, wenn wieder einmal eine Lebensgeschichte verfilmt worden ist? X hat aber wirklich genau wie Y ausgesehen? Und dass X als Y etwas mit Z gehabt haben soll, ist ja wirklich mal interessant bzw. ausgedacht? Im Biopic-Genre geht es nicht darum, die Bildsprache des Kinos zu revolutionieren oder völlig neue Geschichten zu erzählen - das Ziel ist größtmögliche Mimikry und historische Genauigkeit, ansonsten maulen nämlich die Fans und die Hagiographen.Insofern darf es wohl begrüßt werden, dass Hildegard Knef in Kai Wessels Film "Hilde" von Heike Makatsch verkörpert wird: Die äußerliche Ähnlichkeit ist verblüffend, die Adaption der Knefschen Gestik und Mimik gelungen - bis hin zum spöttischen Verziehen des markanten Mundes, den eckigen, burschikosen Bewegungen, dem Niederflatternlassen der falschen Wimpern, die pelzig sind wie Raupen. Makatsch - die das Berlinern übrigens unbedingt lassen sollte - singt außerdem gekonnt die Lieder der Knef, sie trifft genau deren kurzatmige, zärtliche Kratzbürstigkeit. Aus dieser schönen Fügung vermag der Film leider keine Funken zu schlagen. Die Chansons sind lediglich fetzenweise im Hintergrund eingestreut; es dauert geschlagene zwei Stunden, bis Hilde/Heike ein ganzes Lied vorträgt. Zur zentralen Aussage des Produkts passt das denkbar schlecht, besteht diese doch darin, dass die Knef sich erst im Singen selbst gefunden hat.Die Rahmenhandlung bildet ein Konzert in der Berliner Philharmonie, für das Hildegard Knef, gerade höchst erfolgreich im Sängerinnenfach, 1966 nach Deutschland zurückkehrt und entnervt in der Künstlergarderobe herumliegt. Dazwischen gibt es chronologisch sortierte Rückblenden, strukturiert durch Zwischentitel in Versform, die den Text von "Für mich soll's rote Rosen regnen" ergeben. Ausgerechnet jenes Lied, das in jüngerer Zeit gründlich strapaziert wurde - und das mit Zeilen wie "Das Glück sollte sich sanft verhalten/ es soll mein Schicksal mit Liebe verwalten" irgendwie ja doch unwiderstehlich bleibt.Wessel benötigt 136 laaange Minuten, um zwei Jahrzehnte Knefsche Vita zu rekapitulieren. Es geht munter rauf und wieder runter, wobei die Schauspieler sich maximal unbeteiligt zueinander verhalten. Der Film setzt 1943 ein, als sich die junge Dame bei der Ufa in Babelsberg vorstellt und Else Bongers (Monica Bleibtreu) kennenlernt, die damalige Leiterin des Besetzungsbüro, welche Hildes lebenslange Mentorin werden wird. Und ihr zunächst davon abrät, eine Affäre mit dem verheirateten Ewald von Demandowsky zu beginnen, dem "Reichsfilmdramaturgen", von dem sich jene einen blitzartigen Karriereschub erhofft. Da kommt jedoch bekanntermaßen das Kriegsende dazwischen, und Hilde muss sich erst als Soldat verkleidet durchschlagen und darf dann in den Ruinen des Schlossparktheaters spielen. 1946 ist sie in Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" zu sehen; 1950 - nach einer Warteschleife mit Hollywood-Vertrag, doch ohne jede Rolle - scheint ihr Ruf durch die kurze Nacktszene in Willy Forsts "Die Sünderin" endgültig ruiniert zu sein. Aber denkste: Zwei Jahre später wird sie in den USA zur "Schauspielerin mit dem größten Sexappeal" erklärt, 1955 debütiert sie am Broadway im Musical "Silk Stockings". Zu dieser Zeitspanne fällt Kai Wessel für "Hilde" nur die Abbildung diverser Reklamematerialien und Zeitungsausschnitte ein - was erstaunlich ist, wird doch sonst viel Energie auf die Ausschmückung unwichtiger Details und Begebenheiten verwendet in einem Film, der auf der Berlinale mit den Worten "Das Charisma von Marlene Dietrich. Das Herz von Edith Piaf. Die Seele von Nachkriegsdeutschland: Die Knef" beworben wird.Ähnlich eingängig ist darin Hildegard Knefs Weisheit "Wenn du mit der Kunst verheiratet bist, dann hast du die Kritik als Schwiegermutter." Die hölzernen Sätze, die teilweise unfreiwillig komischen Dialoge riefen bereits bei der ersten Vorführung des Films ein kollektives Ächzen hervor. "Wie wollen Sie Ihre Eier, Herr Cameron?", fragt Hildes Mutter, als sie morgens ins Schlafzimmer platzt. Herr Cameron, in naher Zukunft Ehemann Nummer zwei, bittet sich Spiegeleier aus, bedeckt seine Blöße mit dem Bettlaken und muss sich dabei noch zu der Nachforschung "Mögen Sie Würstchen?" verhalten.Aber diese Verläpperungen sind keineswegs das größte Problem des Films. Das besteht darin, dass man die Hauptfigur eigentlich die ganze Zeit über frappierend unsympathisch findet - karrieristisch, unwirsch, harsch im Umgang. Sie rührt nur wenige Momente: als sie das erste Mal im Tonstudio ein eigenes Lied singt; als sie im grellen Scheinwerferlicht auf der Bühne der Philharmonie trotzig triumphierend die Arme in die Luft stößt. Hildegard Knef war wahrlich keine Nette, so erinnern sich einige an sie, etwa ihr erster Ehemann Kurt Hirsch, ein jüdischer US-Offizier und späterer Schauspielagent. "Hilde war kein schlechter Mensch, aber sehr berechnend", so Hirsch einmal, der sich aus der von 1947 bis 1951 währenden Ehe mit den Worten "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan" verabschiedete. Wie er seine Bitterkeit abfängt und ein halbes Jahrhundert später immer noch von jenem "bildhübschen Mädchen" schwärmt, das die Knef einmal war, das konnte 2005 in Felix Moellers tadellos recherchierter Doku "Knef - die frühen Jahre" besichtigt werden. Dem Spielfilm "Hilde" gelingt es nicht einmal, diese Zwiespältigkeit im Umgang mit der Knef auszugestalten.------------------------------HildeDeutschland 2009. 136 Minuten, Farbe.Regie: Kai WesselDrehbuch: Maria von HelandKamera: Hagen BogdanskyKostüme: Lucie BatesDarsteller: Heike Makatsch, Dan Stevens, Monica Bleibtreu, Hanns Zischler, Michael Gwisdek, Anian Zollner, Sylvester Groth, Roger CiceroDer Film erlebte am Freitag in der Reihe "Berlinale Special" seine Weltpremiere. Eine weitere Vorstellung gibt es am 14. 2. um 18 Uhr im Cubix 8.Regulärer Kinostart ist am 12. März. Bei Edel erscheint eine CD mit Makatschs Knef-Liedern.------------------------------Foto: Für mich soll's rote Rosen regnen: Heike Makatsch als Hildegard Knef.