Wer schon Ende der 80er-Jahre in West-Berlin lebte, weiß, dass der neueste Fall von Eva Prohacek gar nicht so unrealistisch ist, sondern vielmehr diskret an einen Skandal in der rot-grünen Senatsregierung erinnert: Im Sommer vor der Maueröffnung musste sich die Grünen-Politikerin Anne Klein, seinerzeit Familiensenatorin, nachträglich rechtfertigen, an einem hoch dotierten Schenkspiel teilgenommen zu haben. Die Senatorin räumte ein, für das sogenannte "Pilotenspiel" Mitspieler geworben und selbst einen Gewinn von 11 000 Mark kassiert zu haben. Ein Party-Gag sei das gewesen, so Klein damals, mit dem sich Besserverdienende einen Nervenkitzel verschafft haben. Die Anwältin wollte seinerzeit verdrängt haben, dass am Ende eines solchen Pyramidenspiels zwangsläufig Verlierer übrig bleiben und dass es das perfide Prinzip dieses Spiels ist, dass nur Erfolg haben kann, wer seine Freunde dazu drängt, mitzumachen.Stilsicher inszeniertRegisseurin und Mitautorin Isabel Kleefeld, die zur Zeit dieses Skandals an der Hochschule der Künste in Berlin studierte, mag sich an das Sommertheater von damals erinnert haben. In ihrer stilsicher und unaufgeregt inszenierten Krimiepisode "Die falsche Frau" wurde aus der Frauensenatorin eine Richterin, was die Brisanz der charakterlichen Verfehlung natürlich dramatisch steigert. Maren Kroymann spielt die Juristin denn auch glaubwürdig als gut vernetzte Karrieristin, die sich in der Münchner Verwaltungsseilschaft - in der sich auch Prohaceks Vorgesetzter Dr. Claus Reiter gerne bewegt - so selbstverständlich nach oben orientiert wie ihre männlichen Kollegen.Zunächst fällt der internen Ermittlerin Eva Prohacek (Senta Berger) nichts Besonderes daran auf, dass Richterin Wellerhoff offenbar dasselbe Trauerinstitut besucht wie die junge Polizistin, deren Disziplinarvergehen Prohaceks Abteilung gerade aufzuklären hat. Ohne erkennbares Motiv hatte die Beamtin mehr als 10 000 Euro aus der Asservatenkammer entwendet und sich ihrer Überführung schließlich durch Selbstmord entzogen. Als kurze Zeit später eine weitere Beamtin vermeintlich grundlos erschossen wird, dämmert es Prohacek und ihrem Adlatus Langner (Rudolf Krause), dass es in der Selbsthilfegruppe, die beide Frauen regelmäßig besuchten, wohl weniger um Trauerarbeit als um Gewinnmaximierung gegangen sein muss.So komplex die Story eingefädelt ist, so schlüssig treibt Kleefeld den Krimi auf den Showdown hin. Im Übrigen verblüfft es immer wieder, wie es der Reihe "Unter Verdacht" gelingt, das langjährige Gezänk zwischen der moralisch integeren Kriminalrätin und dem windigen Amtsleiter Dr. Reiter glaubhaft am Köcheln zu halten. Diesmal ist Reiter schwer unter Druck, weil er mal wieder in ein "nicht ganz sauberes" Geldgeschäft verwickelt ist.Prohaceks eigenmächtige Wühlarbeit könnte womöglich eine Lawine auslösen, der dann auch der korrupte Amtsleiter Reiter zum Opfer fallen würde. Aber ob es je soweit kommt? Reiter und Prohacek sind ja längst das seltsame Paar des deutschen Fernsehkrimis: "Unsere Eva - immer bellen und schnappen", zischt Reiter die unbeugsame Ermittlerin diesmal auf dem Flur an. Und die so Beleidigte gibt mit liebevollem Lächeln zurück: "Besser als winseln und Hände lecken."Trotz all dieser herrlichen Schnurren hält der Krimi seine Spannung. Schade nur, dass es inzwischen auch bei "Unter Verdacht" mehr um Mord und Totschlag als um Korruption und Habgier geht. Damit verliert die Reihe viel von ihrem dramaturgischen Alleinstellungsmerkmal, die aufklärerischste und intelligenteste aller deutschen Krimiserien zu sein. Denn Mörder fangen im deutschen Fernsehen ja viele. Aber nur Eva Prohaeck (er)klärt dabei für den Zuschauer auch noch so manches Wirtschaftsdelikt. Auch diesmal haben die Todesfälle am Ende weit mehr mit Gier zu tun als es zunächst schien. Und hier entfernt sich die Fiktion dann in Meilenschritten von der wahren Geschichte. Die endete nämlich komplett unblutig: Senatorin Klein kam mit einem Imageschaden davon. Sie blieb im Amt und trat erst zurück, als die rot-grüne Koalition ohnehin zerbrach.------------------------------Unter Verdacht: Die falsche Frau,21 Uhr, Arte------------------------------Foto: André Langner (Rudolf Krause, l.) und Eva Maria Prohacek (Senta Berger, r.) müssen zwei Todesfälle aufklären.