Im Gegensatz zu Hollywood, das seine jährlichen Oscar-Gala als selbstbewusste und selbstgefällige Nabelschau inszeniert, befindet sich das europäische Kino als kontinentalkulturelles Projekt in einem permanenten Selbstfindungs- und Erkundungsprozess. Die jährliche "Award"-Gala des europäischen Films präsentiert sich, dem entsprechend, bewusst als Wanderzirkus. Ursprünglich in Berlin beheimatet, wo sich auch der Sitz der im Jahr 1988 gegründeten European Film Academy (EFA) befindet, wechseln sich seit 1998 der deutsche Regierungssitz und andere europäischen Hauptstädte als Gastgeber der Zeremonie ab. Nach London, Paris und Rom war nun Barcelona an der Reihe. Mit DauerbaustellencharmeAm Sonnabendabend strömten mehr als 1 500 geladene Gäste in das Internationale Kongreßzentrum Barcelonas, das nur einen Steinwurf vom Mittelmeer entfernt liegt. Die touristischen Attraktionen der katalanischen Metropole veranlassten den EFA-Präsidenten Wim Wenders denn auch in seiner Eröffnungsrede zu einem launigen Vergleich: In Anspielung an Barcelonas architektonisches Wahrzeichen, die monumentale Kathedrale Sagrada Familia von Gaudí, an der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts permanent herumgewerkelt wird, meinte er: "Die Europäische Filmakademie ist ein bisschen wie die Sagrada Familia: eine Dauerbaustelle, ein Work in Progress." Drei Filme gehörten mit jeweils fünf Nominierungen zu den Favoriten der EFA-Preisverleihung. Mit dem deutschen Beitrag "Gegen die Wand" von Fatih Akin (Goldenen Bär der Berlinale, Bundesfilmpreis) konkurrierten zwei Filme aus dem Gastgeberland Spanien: Zum einen "Mar Adentro" von Alejandro Amenabar, ein Drama über einen Querschnittsgelähmten, der für einen selbstbestimmtes Sterben kämpft (Silberner Löwe in Venedig).Der zweite iberische Beitrag "La mala educación" stammte von Pedro Almodóvar, dessen vorherige Filme "Alles über meine Mutter" und "Sprich mit ihr" die großen Gewinner der European Film Awards 1999 und 2002 waren. In Deutschland war die Erwartung hoch, nach dem Gewinn des Europäischen Filmpreises 2003 für "Good bye Lenin!" noch ein weiteres Mal die vornehmlich kulturpolitisch wichtige Trophäe mit nach Hause nehmen zu können.Freundlich, professionell, unspektakulär - so präsentierten sich die Europäischen Filmpreise in ihrer nunmehr 17. Ausgabe. In entspannter und manchmal sogar ein bisschen langweiliger Manier wurde alteuropäischer Pluralismus inszeniert und die goldene Trophäe namens Lola übergeben. Mit der schwedischen Schauspielerin Liv Ullmann und dem spanischen Regisseur Carlos Saura hat man zwei der großen Namen des europäischen Autorenkinos für ihr Lebenswerk geehrt. Was den Rest des Events anging, so wurde statt auf Glamour auf die nationale Vielfalt kinematografischer Blicke gesetzt. Als "Postcards to Spain" titulierte Kurzfilme von Studenten aus Estland, Polen, Irland, Israel und Palästina brachten Sichtweisen aus der europäischen Peripherie ins Spiel - dies war immerhin auch die erste EFA-Gala seit der Erweiterung der Europäischen Union. Neben der Portugiesin Maria de Medeiros führte der Katalane Juanjo Puigcorbé als Moderator durch den Abend. Englisch, Spanisch, Französisch, Katalanisch, Italienisch, alles kam vor. Während die deutschen Gäste vorwiegend auf Englisch parlierten, bedienten sich viele ihrer westeuropäischen Kollegen lustvoll ihrer jeweiligen Muttersprache. Wenn im Trubel mal die Übersetzung des einen oder anderen Beitrags ins Englische unterging, so schien dies niemanden zu stören, ganz im Gegenteil. Die Tatsache, dass letztlich mit "Gegen die Wand" ein deutsch-türkischer Film und Migrantenkinder- und Liebesdrama als "Europäischer Film 2004" ausgezeichnet wurde, passte entsprechend ganz ausgezeichnet zur Symbolik des Gesamtabends. "Ich habe zwei Staatsbürgerschaften", erklärte der Preisträger Fatih Akin stolz. Einer der Produzenten seines Films nutzte die Gunst der Stunde, um die Öffnung Europas für den EU-Beitritt der Türkei zu fordern. Die Französin Agnès Jaoui, Gewinnerin des Drehbuchpreises für "Schau mich an", wies in ihrer Rede darauf hin, dass die meisten der europäischen Filme nicht den Sprung in die Kinos der Nachbarländer schaffen und forderte Vertriebshilfen für europäische Filme. - Es gibt auf dem Kontinent also noch viele Grenzen zu überschreiten. Ohne Unterstützung von Seiten der Politik bleiben die Europäischen Filmpreise ein sympathisches, aber vorwiegend symbolisches Ereignis, der alle Jahre wieder für einen kleinen Kreis von Engagierten zelebriert wird.------------------------------Die Preisträger // Bester Europäischer Film "Gegen die Wand" von Fatih Akin (Deutschland)Bester Europäischer Regisseur Alejandro Amenaba für "Mar Adentro" (Spanien)Beste Europäische Schauspielerin Imelda Staunton für "Vera Drake" (Großbrit.)Bester Europäischer Schauspieler Javier Bardem für "Mar Adentro" (Spanien)Bestes Europäisches Drehbuch Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri für "Schau mich an"(Frankreich)Bester Nichteuropäischer Film "2046" von Wong Kar-Wai (China/Frankreich)Beste Kamera Eduardo Serra für "Das Mädchen mit d. Perlenohrring (Großbrit.)Bester Komponist Bruno Coulais für "Die Kinder des Monsieur Mathieu (Frankr.) Europäischer Filmpreis für ein Lebenswerk Regisseur Carlos Saura (Spanien).Europäischer Filmpreis für einen Beitrag zum Weltkino Liv Ullmann (Norwegen)Europäischer Preis der Filmkritik "Trilogie" von Theo Angelopoulos (Griechenland)Publikumspreise gingen an Fatih Akin (Bester Regisseur), Daniel Brühl (Bester Schauspieler), Penélope Cruz (Beste Schauspielerin)Preisträger im Internet:www. europeanfilmacademy.de------------------------------Foto: Zweimal mit einer Lola-Statue ausgezeichnet für "Gegen die Wand": Fatih Akin.