DAHLEWITZ. Dort, wo Dieter Manzke starb, wachsen Brombeeren, Brennnesseln und Farn. Es ist ein kleines, verwildertes Grundstück, direkt an den Gleisen der Regionalbahn, nur wenige Schritte vom Bahnhof Dahlewitz entfernt. Eine längst verlassene Datsche steht darauf. Ein kleiner, weiß gestrichener Bungalow, Wellblech als Dach, vorn mit braun gebeiztem Kiefernholz verkleidet. Über der Tür hängt ein verwittertes Hirschgeweih, ein Zehn-Ender. Hier ist Dieter Manzke in den vergangenen Monaten ein- und ausgegangen. Hier hat er übernachtet, auf einer braunen Matratze. Die graue Decke liegt noch da, auf dem Teppichboden verstreut sind Scherben, Wäsche, Plastiktüten und noch ungeöffnete Viererpacks Fruchtjogurt. Fünf Haftbefehle erlassenDieter Egon Wilfried Manzke, geboren am 1. November 1939 im heute polnischen Damerow, ist an diesem Ort vor zwei Wochen erschlagen worden. Von fünf Männern, die jetzt verhaftet wurden. Sie sind zwischen 17 und 22 Jahre alt und kommen alle aus Dahlewitz und Umgebung. Warum sie Dieter Manzke am 9. August so lange prügelten und traten, bis er sich nicht mehr regte, wissen sie selbst nicht. In den Vernehmungen, so die Staatsanwaltschaft, haben sie nur gesagt, sie hätten Dieter Manzke aus der Datsche vertreiben wollen. Er habe dort nichts zu suchen gehabt. Dieter Manzke war obdachlos.Er ist fast genau dort gestorben, wo er in den vergangenen Jahren immer mit ein paar Freunden herumstand, zum Trinken und Quatschen. "Igel" nannten sie ihn, wegen seiner kurzen Haare. Gleich hinter dem kleinen Foto-Laden an der Bahnhofsschranke standen sie zusammen. "Er hat viel getrunken", sagt Manzkes Tochter Kerstin. "Aber da war er ja nicht der Einzige." Viel Kontakt hatten sie schon lange nicht mehr, sagt die 33-Jährige. Vor acht Jahren, als sie noch in Dahlewitz zusammenlebten, da hat sie es nicht mehr ausgehalten. Sie zog aus. "Es ging nicht mehr", sagt Kerstin. Ihr Vater war oft betrunken und manchmal gewalttätig, ihre Mutter immer krank und ohne Lebensmut. Kurz nach Kerstin ging auch die zweite Tochter, Simone, dann holte Kerstin die dritte zu sich, Nicole.Für Dieter und Monika Manzke gab es damals schon lange kein Glück mehr in Dahlewitz. Seit 1991 war er arbeitslos, hatte bis dahin in der Dahlewitzer "Mühle" Futtermittel hergestellt. Früher, erzählt seine Tochter, hat er auch noch nebenbei gemauert, sogar Gräber ausgehoben auf dem Friedhof, um sich etwas dazuzuverdienen. Das war jetzt alles vorbei. Seit die "Mühle" Pleite ging, fand Dieter Manzke keine Arbeit mehr. Er trank, er verschuldete sich, er trank noch mehr. "Wenn es ihm schlecht ging, sprach er am liebsten von den alten Zeiten", sagt Kerstin. Ein knappes Jahr auf der StraßeAls Dieter Manzkes Frau Monika 1998 starb, saß er gerade im Gefängnis ein paar seiner Schulden ab. Er wohnte noch eine Weile allein in der Bahnhofstraße 88, dann wurde das Haus saniert und Manzke musste raus. Das ist erst ein knappes Jahr her. Die verlassene Datsche, in der er seitdem übernachtete, steht direkt nebenan.Tödliche Attacken // In Angermünde starb vor drei Jahren der 59-jährige wohnsitzlose Ernst F. an einer Kopfverletzung, die er sich ein Jahr zuvor zugezogen hatte. Die Obduktion ergab: Die Verletzung wurde ihm mit Gewalt zugefügt. Die Polizei ermittelte Mitte August zwei junge Männer als Täter.In Usedom traten vier junge Männer im vorigen Juli einen 51-jährigen Obdachlosen tot. Der Haupttäter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, die anderen zu Strafen zwischen drei und zwölf Jahren.Weitere Obdachlose starben nach Attaken in Wismar, Greifswald, Berlin und Schleswig.