KREUZBERG. Der Rentner Siegfried Rudolph arbeitete zehn Jahre an einem Messing-Modell des Schiffshebewerkes Niederfinow, einer Miniatur fünfzigmal kleiner als das Original. Mehr als 100 000 ein Millimeter große Nieten, die die winzigen Messingbleche zusammenhalten, verarbeitete der ehrenamtliche Mitarbeiter des Deutschen Technikmuseums. Nächstes Jahr wollte der 80-jährige sein Lebenswerk beenden. "Doch leider ist er plötzlich am 27. September gestorben", sagt Dieter Marsella, ein Freund von Rudolph. "Wir hatten kurz zuvor telefoniert. Er sagte, er müsse für einige Tage ins Krankenhaus, sich eine Vene zum Herzen erweitern lassen. Ich kann nicht fassen, dass er nicht mehr lebt."Marsella war nicht nur ein guter Freund und Kollege Rudolphs, er ist auch sein Nachfolger. Eigentlich wollte der 67-Jährige im vergangenen Jahr in Rente gehen und mit einem Freund über die Meere segeln. Dieser entschied sich aber anders, und Marsella hatte auf einmal viel Zeit. Dem Maschinenbauingenieur liegt das Konstruieren im Blut, er fing an, zu Hause auf der Küchenspüle einen Antrieb für das Schiffshebewerk zu bauen. "Siegfried hatte mich oft gefragt, ob ich nicht eines Tages für ihn weitermachen wolle", sagt er. "Da dachte ich mir, ich probiere mal, ob ich das überhaupt kann." Die Arbeit an dem Antrieb dauerte drei Monate. Rudolph kam immer wieder vorbei und machte Fotos. "Er war überrascht von meinen Fortschritten", sagt Marsella.Im März dieses Jahres übertrug das Museum die Konstruktion des Modells an Marsella - wie es auch der Wunsch von Rudolph war. Der 80-jährige Mechanikermeister hatte schon mehrere Knie-Operationen hinter sich. Die tägliche U-Bahnfahrt zum Museum war ihm zu beschwerlich geworden. "Er war froh, dass ich es mache", sagt Marsella. "Es fiel ihm nicht leicht, seine Arbeit im Stich zu lassen, aber gesundheitlich ging es nicht anders."In der penibel aufgeräumten Werkstatt im Museum fand Marsella sich sofort zurecht. Die Schubladen mit den Werkzeugen waren alle beschriftet, die Baupläne ordentlich sortiert. Vier Tage pro Woche fährt er nun ins Museum am Landwehrkanal, schneidet, nietet und bohrt von 7 bis 15 Uhr. Auch wenn ihm die Arbeit großen Spaß macht, so ist die Frage, ob das 1,20 Meter hohe und knapp zwei Meter lange Modell jemals fertig wird, eine schwierige. Marsella seufzt tief, kratzt sich mit der Hand am Kinn und grübelt einige Sekunden, bevor er eine Antwort gibt. "Es sind noch so viele Arbeiten zu tun. Allein die drei Meter lange Zufahrtsbrücke dauert ewig", sagt er. "Vielleicht schafft das eine andere Generation." Trotzdem will er das Werk seines Freundes weiterführen, mindestens zwei Jahre lang. Die restlichen drei Aufzugsmaschinen für den Trog, in dem die Schiffe transportiert werden, sollen im nächsten Jahr fertig werden. Danach will er den Trog selbst bauen.35 Jahre hat Marsella als Ingenieur in einer Mine in Liberia gearbeitet, bis dort ein Bürgerkrieg ausbrach und er zurück nach Deutschland musste. Im Technikmuseum bekam er eine Stelle als Hausmeister. Sein Leben war aufregend, zweimal schon hat er mit einem Segelschiff den Atlantik überquert, von einem dritten Mal träumt er noch. Angst, jetzt in der Werkstatt zu vereinsamen, hat er nicht. "Man muss gelassen sein." Auch klopfen immer wieder neugierige Besucher an die Glasscheiben. Wer kluge Fragen stellt, den lässt Marsella herein. Meist sind die Besucher begeistert, können es kaum fassen, dass jemand so lange an dem Modell gearbeitet hat. Manchmal schütteln die Leute auch den Kopf. "Ob ich denn nicht verrückt wäre, so etwas zu machen. Wo ich doch nicht mehr arbeiten brauche", sagt Marsella - und nimmt einen Bohrer in die Hand und geht zurück zu seinem Messing-Modell.------------------------------Das OriginalDas Schiffshebewerk in Niederfinow gilt als Europas größter Fahrstuhl. Es ist 94 Meter lang und 60 Meter hoch. In fünf Minuten überwindet es 36 Meter Höhenunterschied im Zuge des Oder-Havel-Kanals. Es wird von 11 000 Schiffen pro Jahr passiert.Fünf Millionen Nieten halten das Schiffshebewerk zusammen. Es wurde am 21. März 1934 nach siebenjähriger Bauzeit übergeben. Konstruiert wurde der Schiffs-Fahrstuhl aus gewöhnlichem Baustahl. Der Trog, in dem die Schiffe schwimmend befördert werden, hängt an 256 Seilen, die erstmals im Winter 1984/85 erneuert wurden.500 000 Besucher besichtigen jedes Jahr das Schiffshebewerk.Es hat montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr geöffnet, am Wochenende von 9 bis 17 Uhr. Letzter Einlass ist 15 Minuten vor der Schließung. Der Eintritt kostet ein Euro.Das Messing-Modell im Technikmuseum ist bereits der zweite Miniaturnachbau des Schiffshebewerkes. Die erste Kopie wurde in Köln bei einer Modellbaufirma angefertigt und im Zweiten Weltkrieg von sowjetischen Soldaten nach Leningrad verschleppt. Sie gilt als verschollen.------------------------------Foto: Auf den zehntel Millimeter muss alles passen - Dieter Marsella bastelt am Antrieb für das Miniatur-Schiffshebewerk.