Da stand er nun, umringt von seinen Gästen, und war ein wenig gerührt ob des Lobes, das seine Vorredner über ihn ausgeschüttet hatten. Dieter Schröder, bis vor einigen Wochen Herausgeber der "Berliner Zeitung", gab am Mittwochabend offiziell seinen Abschied, und mehr als 300 Freunde, Wegbegleiter und Kollegen feierten mit ihm in historischer Kulisse, dem ehemaligen Kaiserlichen Haupttelegraphenamt in der Jägerstraße in Mitte. Die vielen freundlichen Worte über seine Verdienste und Leistungen nahm Schröder denn auch mit augenzwinkernder Selbstironie entgegen. "Ich wundere mich immer wieder über die Verdienste, die mir nun gutgeschrieben werden. Was hätte ich sonst tun sollen? Was Anderes habe ich von mir auch nicht erwartet."Von 1996 an hatte Schröder die "publizistische Oberleitung" dieser Zeitung inne, wie die Aufgabe eines Herausgebers im Presserecht (und daher viel zu bürokratisch) umschrieben wird. Es war der Vorstandsvorsitzende von Gruner+Jahr, Bernd Kundrun, der noch mal daran erinnerte, wie damals die Wahl auf Dieter Schröder fiel. Der Verlag habe als Nachfolger für Erich Böhme eine Persönlichkeit mit hoher journalistischer Kompetenz gesucht, zudem mit einer Affinität für die Stadt Berlin und das Thema Wiedervereinigung, und einen Menschen, der andere für eine gemeinsame Sache begeistern kann. Der gebürtige Berliner und frühere Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" Dieter Schröder "war wie geschaffen für diese Rolle", sagte Kundrun. In einer Phase, da sich die "Berliner Zeitung" von einem ostdeutschen Regionalblatt zur Hauptstadtzeitung entwickeln sollte, habe Schröder als Herausgeber die innere Einheit "im Großen wie im Kleinen" befördert. "Sie haben die ,Berliner Zeitung zukunftsfähig gemacht und in das 21. Jahrhundert geführt", sagte Kundrun.Der Geschäftsführer des Berliner Verlags, Torsten-Jörn Klein, hob hervor, wie unverzichtbar Schröder für das Fortkommen dieser Zeitung gewesen sei. Klein nannte Schröder einen begeisterten Journalisten, eine Persönlichkeit, die das Blatt in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt habe. Ganz so wie von 1985 bis 1995 als Chefredakteur die "Süddeutsche Zeitung". Davon und von einem speziellen "IQ"-Faktor unter Schröders Leitung sprach "Zeit"-Chefredakteur Josef Joffé, der damals von Schröder zur "SZ" geholt worden war. Wobei IQ nicht den Intelligenz-, sondern in diesem Falle den "Irrsinnsquotienten" bezeichne, wie Joffé erklärte: immer eine Drehung weiter denken, aus dem Banalen das Absurde drechseln, verspielt sein und den überraschenden logischen Hakenschlag schaffen. Dass er das zugelassen habe, dafür gelte es Dieter Schröder zu preisen. Und nicht weniger, ergänzte Joffé, für seinen analytischen Verstand, seinen selbstironischen Humor, seine moralische Standfestigkeit.Für etwa 1 500 Ausgaben der "Berliner Zeitung" habe Dieter Schröder als Herausgeber seinen Kopf hingehalten, sagte Chefredakteur Martin Süskind. Die Zeitung habe es weit gebracht. "Wir haben noch viel vor", ergänzte er. "Und zwar gemeinsam mit Schröder."Denn so ganz lässt er Berlin nicht hinter sich. Er wird auch künftig das tun, was er wohl am liebsten macht: für diese Zeitung schreiben."Er hat Charakter" // Wir Journalisten sind in einem Gewerbe tätig, in dem zunächst ganz andere Eigenschaften auffallen: Eitelkeit, Unsicherheit, Geltungsbedürfnis, Schwatz- und Klatschsucht. Dass Dieter Schröder diese Wesenszüge NICHT hat, will ich ihm nicht unterstellen. Das wäre sozusagen ehrenrührig in unserem Gewerbe. Aber was ich ihm unterstellen will und kann, ist Charakter."Zeit"-Chefredakteur Josef Joffé Es gibt nur wenige Journalisten, von denen man ohne Übertreibung behaupten kann, dass sie die deutsche Presselandschaft nach dem Krieg maßgeblich mitgestaltet haben. Dieter Schröder gehört dazu.Bernd Kundrun, G + J-Vorstandsvorsitzender Wir haben noch viel vor. Und zwar gemeinsam mit Dieter Schröder, der uns als Autor erhalten bleibt. Lieber Herr Schröder, ich danke Ihnen sehr herzlich dafür, dass Sie dabei waren und dass Sie dabei bleiben.Chefredakteur Martin E. Süskind BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ (6); REINHARD KAUFHOLD Dreimal Schröder: Dieter Schröder und seine Frau Annette begrüßen auf dem Abschiedsempfang am Mittwochabend Bundeskanzler Gerhard Schröder.

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