Wir sehen einen Politiker, der unendlich müde wirkt. Er muss gleich seinen Rücktritt verkünden, ein Rücktritt, der mehr als ein bloßer Personalwechsel ist. Sein Schritt verkörpert das Ende jenes kommunistischen Traums, der mehr als sieben Jahrzehnte lang Hoffnung für die einen und Schrecken für die anderen bedeutete. Michail Gorbatschow heißt der Politiker und seine Idee, das repressive Sowjetsystem möge ein menschliches Antlitz finden, hatte die Massen begeistern können - nur nicht so, wie er sich das gedacht hatte. Letztlich wollte das Volk lieber, was der Westen schon hatte: Wohlstand durch Kapitalismus.Der 2005 verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz hat zusammen mit Christian Weisenborn die Geschichte des Kommunismus in einer dreiteiligen TV-Dokumentation aufgearbeitet. "Geschichte einer Illusion" haben sie ihren Film überschrieben. Der Titel lässt zunächst das übliche "Wir haben es schon immer gewusst"-Klischee befürchten. Doch so kommt es glücklicherweise nicht. Zwar verrutschen manchmal die Fakten auf jene Weise, die noch aus dem Kalten Krieg wohl bekannt ist. Wer etwa die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba als Auslöser der Kuba-Krise ausgibt, sollte die vorherige Stationierung von US-Atomraketen an der türkisch-sowjetischen Grenze nicht unerwähnt lassen.Differenzierter wird der Blick aber, wenn er die innersowjetischen Kämpfe beleuchtet. Weniger die Befreiungsidee der marxistischen Theorie wird generell verdammt, als vielmehr ihre allzu unkreative, oft brutale Anwendung durch die Sowjetführer. Am überzeugendsten ist die Dokumentation, wenn es mit Interviewpartnern wie dem doktrinären Wladimir Krjuschkow (ehemals KGB-Chef) und dem realistischen Valentin Falin (ehemals Botschafter der Sowjetunion) gelingt, die Kämpfe zwischen versteinerter Theorie und entgleitender Praxis nüchtern nachzuzeichnen. Hoch interessanter Geschichtsunterricht sind die drei Folgen allemal.Der Kommunismus - Geschichte einer Illusion; 3 Teile, Do., 23.45 Uhr, ARD