Tech-Experte Hartmut Esslinger: Warum das iPhone ein Dinosaurier ist

Tim Cook

Runderneuert mit technischen Gimmicks, so soll das neue iPhone werden. Tim Cook wird es vorstellen. Recycling spielt keine Rolle. 

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Er gehört zu den Pionieren der Computer-Welt: Schon in den 80er-Jahren arbeitete Hartmut Esslinger mit Apple-Gründer Steve Jobs zusammen. Eines der Ergebnisse war der Heimcomputer Apple IIc, der mit dem Design-of-the-Year-Award des Time Magazine ausgezeichnet wurde. Inzwischen ist Esslinger 70 Jahre alt und lehrt am Institut für strategisches Design in Shanghai.

Herr Esslinger, Sie haben schon vor fast 40 Jahren zusammen mit Steve Jobs Computer entwickelt. Haben Sie damals geahnt, dass große Rechner eines Tages von viel kleineren Geräten abgelöst werden?

Ja, das konnte und musste man wissen. Bei Apple war ein Tablett-Macintosh schon in der Projektion, es gab auch Studien für mobile Telefone als Computer. Als Designer ist man seiner Zeit immer um zehn bis zwanzig Jahre voraus.

Wie gefallen Ihnen die Smartphones, die in den vergangenen zehn Jahren auf den Markt gekommen sind?

Inzwischen sind die leider langweilig. Es gab mit dem ersten iPhone ein grundsätzlich revolutionäres Konzept, aber dies ist im Laufe der Jahre nur kopiert und nicht weiterentwickelt worden. Außerdem sind diese kleinen Geräte nicht sehr angenehm zu halten – fast schon glitschig.

Nicht eher glatt und metallisch-kalt?

Nein, glitschig. Zweimal sind mir iPhones schon aus der Hand gerutscht, die ich danach nicht mehr gebrauchen konnte. Jetzt benutze ich eine hässliche Hülle.

Das passiert vielen Menschen. Ließe sich das mit klugem Design ändern?

Sicher! Ich will nicht zu viel verraten, aber mit meinen Studenten hier in Shanghai arbeite ich auch daran.

Kommen wir zur Zukunft: Was wird generell aus dem Smartphone?

Es gibt in der Produktwelt immer drei Zyklen: Die Innovationsphase, die Wachstumsphase und die Sättigungsphase. Das Smartphone hat die dritte Stufe erreicht. Verfeinerungen sind nun der Fokus. Das Konzept der kleinen Schiefertafel wird sklavisch beibehalten, egal welche Marke. Die Geräte kommen auch prinzipiell aus drei bis vier Fabriken in China. Es wird nun immer mehr Technik reingepackt, die den Nutzern durchaus mehr Service bietet. Umwelt, Gesundheit, Ernährung – das werden drei wichtigen Bereiche sein. Mit neuen Funktionen und Sensoren werden wir mit dem Smartphone prüfen können, ob uns Gammelfleisch angeboten wird, bei Diabetikern der Zuckerspiegel in Ordnung ist und der Grad der Luftverschmutzung nicht bedrohlich ist. Und noch viel mehr.

Gefällt Ihnen das?

Im Design wird dies nicht sichtbar und das User-Interface wird immer verwirrender. Aber das Hauptproblem ist ein ganz anderes. Es werden jedes Jahr über eine Milliarde Smartphones und andere Tech-Produkte produziert. Zur gleichen Zeit werden dann ähnlich viele Geräte ausrangiert und auf den Müll geschmissen, obwohl sie noch voll funktionsfähig sind – sie sind eben nur nicht mit dem neuesten Prozessor ausgestattet. Und auch nicht recycelbar. Das macht sie zu technischen Dinosauriern.

Die sind irgendwann ausgestorben.

Auch diese Art von Smartphones ist auf Dauer nicht nachhaltig. Berge von Mineralien wie Seltene Erden für Displays oder Kupfer oder Kautschuk und wo weiter werden für die Herstellung benötigt – Wahnsinn, was alles in so einem Gerät steckt und dann auf absurde Weise verschwendet wird. Wenn man von Peking Richtung Mongolei fliegt, sieht man die Riesenkrater, in denen Seltene Erden abgebaut wurden – diese Ressourcen gehen auch mal zu Ende.

Und dann?

Es ist doch so: Bekommen die Geräte einen neuen Prozessor, ist das ganze Produkt veraltet, auch die eingebaute Digitalkamera landet auf dem Müll, obwohl sie noch gut funktioniert, ebenso das Display, die Batterie und das Gehäuse. Modularität wäre die Lösung, also die Möglichkeit, Komponenten mit asynchronen Lebenszyklen auszutauschen oder zu erhalten. Wichtig ist auch ein Design, das Reparaturen ermöglicht. Recycling erfordert auch Zugang und Trennung von verschiedenen Werkstoffen, also wäre es sinnvoll Schrauben statt Klebstoff zu verwenden.

Warum passiert das nicht längst?

Wir leben immer noch in einer Verbrauchsgesellschaft und nicht in einer nutzungsfokussierten Gebrauchsgesellschaft. Ich würde mein erstes iPhone gerne immer noch benutzen. Hoffnungsvoll stimmt mich allerdings die Entwicklung bei den Autos. Elektromotoren halten eine Ewigkeit. Und wenn nach 50 Jahren etwas ausgetauscht werden muss, dann funktioniert danach alles wieder wie neu – nur das Design muss flexibler werden. Die Industrie muss umdenken.

Sie haben am Anfang gesagt, dass Designer die nächsten zehn bis zwanzig Jahre im Blick haben sollten. Wodurch werden die Smartphones denn in Zukunft abgelöst?

Mensch und Maschine werden noch enger zusammenrücken. Das Smartphone ist – anders als früher der Personal Computer – schon jetzt immer dabei. In Indien, Afrika und China besitzen die Menschen keinen stationären Rechner oder einen Laptop. Die machen alles mit dem Smartphone. Diese Nähe des Menschen zu den Geräten wird zunehmen.

In Science-Fiction-Filmen sind Mischwesen aus Mensch und Maschine schon zu sehen.

Ja, zum Beispiel Arnold Schwarzeneggers „Terminator“. Wer weiß, vielleicht werden wir uns Microchips implantieren lassen, vielleicht werden Fingerringe eine technische Funktion bekommen. So wie das bei der Armbanduhr schon heute der Fall ist. Die ist ein Schmuckstück und gleichzeitig Technik am Handgelenk. Bei der Entwicklung von Computerspielen werden den Menschen, um ihre Körperbewegungen aufzuzeichnen, kleine Pflaster mit Sensoren aufgeklebt, das könnte es in der Zukunft auch für alle geben.

Haben Sie keine Angst, dass der menschliche Körper darunter leiden könnte?

Das muss sich entwickeln, aber ich will jetzt kein Frankenstein-Szenario entwerfen. Entscheidend ist, dass wir Designer neue Technologien menschlich und kulturell gestalten, bevor Ingenieure unmenschliche Monster schaffen. Dies gilt auch für künstliche Intelligenz. Niemand weiß genau, was in Zukunft passieren wird. Science-Fiction-Autoren haben das Smartphone auch nicht vorhergesehen.