Auch Abwesenheit kann ein Marktfaktor sein im Musikgeschäft. Und man kann zur Legende werden auch dadurch, dass man kein Konzertpodium betritt wie Glenn Gould, das Aufnahmestudio meidet wie Sergiu Celibidache oder statt zu dirigieren lieber gar nichts tut wie Carlos Kleiber. Aber damit ist es ein eigen Ding. Die in Uruguay geborene Dinorah Varsi, in den 60er Jahren zu internationalem Ruhm gelangt, zog sich Ende der 70er für lange Zeit völlig zurück, und man kann sagen, dass sie vom Geschäft vergessen worden ist.Seit einigen Jahren spielt Dinorah Varsi nun wieder und nimmt auch Schallplatten auf, am Dienstag gab sie einen höchst eigenartigen Chopin-Abend im Kammermusiksaal der Philharmonie. In der Zeit ihres selbstgewählten Schweigens muss Varsi alle Überredungskünste, alle virtuose Selbstdarstellung abgestreift haben. Ihr Chopin-Spiel hat etwas Erdiges, schwer Lastendes; wäre die Pianistin ein Orchester, es hätte einen dunklen Klang, gemischt aus den tiefen Streichern, den Klarinetten und Fagotten. Wo andere nur Begleitfigurationen murmeln lassen, da entdeckt Varsis linke Hand im As-Dur-Impromptu op. 29 oder im Des-Dur-Nocturne op. 27,2 eine unruhige, Widerworte gebende Stimme.Niemals schwingt sich der Gesang auf; niemals, auch nicht im virtuosen Lauf, klingt der Flügel hell oder brillant, und im so genannten Regentropfenprélude aus op. 28 gewinnt der pochende Ton im Mittelteil geradezu bedrohliche Insistenz. Spielen Sie Bach, riet Chopin seinen Schülern, und so, verinnerlicht, vielstimmig-herb, fast grüblerisch hat Dinorah Varsi diesen Rat verstanden, als wäre sie immer noch allein mit ihrem Flügel in der selbstgewählten Einsamkeit.