Am Freitag hat Angela Merkel wieder einmal mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko telefoniert. Am Abend vorher waren François Hollande und Wladimir Putin mit Merkel zusammengeschaltet, wie schon mehrfach in den vergangenen Wochen. Einmal dauerte das Dreiergespräch zwei Stunden, ein andermal holten sie auch noch Poroschenko in die Leitung. Das Thema war stets das gleiche: Der Konflikt um die Ukraine.

Während Außenminister Frank-Walter Steinmeier in den vergangenen Monaten immer wieder ins Flugzeug stieg, um mit Konfliktparteien oder zu sprechen oder mit Amtskollegen zu beraten, ist das Hilfsmittel Nummer 1 der Kanzlerin in der Ukraine-Krise der Telefonhörer.

Geskypt wird noch nicht

Über die Umstände der Telefonate schweigen die Beteiligten. Es ist nicht bekannt, ob Putin unter einem Kurzwahlknopf in Merkels Telefon gespeichert ist, und ob sie den Knopf selber drückt. „Das Gespräch wird von den Regierungszentralen aufgebaut“, heißt es nur zugeknöpft im Kanzlerumfeld. Nur so viel ist bekannt: Es gibt nur etwas zu hören, nichts zu sehen. Zwar haben Konferenzschaltungen Einzug gehalten, nicht aber die Bild-Telefonie. Merkel und Putin skypen also nicht, zumindest nicht miteinander.

Horst Teltschik, zu Helmut Kohls Kanzlerzeiten dessen Berater im Kanzleramt, findet das nachvollziehbar: „Man kann da leichter verkrampfen“, sagt er. Auch unter Kohl ist viel telefoniert worden, vom Schreibtisch im Bonner Kanzleramt aus, wo das Telefon neben den Akten und vielen großen akkurat aufgereihten Gedenkmünzen Platz fand. „Zu Zeiten der Wiedervereinigung mussten viele dringende Fragen geklärt werden“, erzählt Teltschik. Oft seien rasche Entscheidungen nötig gewesen. „Da kann man nicht sagen: Ich komme schnell mal rüber.“ Eine der ersten sei die Einrichtung einer ständigen Leitung zur DDR-Regierung gewesen. Sicherheit? Spionage? „Wir sind davon ausgegangen, das der KGB und die Stasi mithören. In solchen Krisenfällen kann man darauf keine Rücksicht nehmen“, sagt Teltschik.

Und es habe ja einen Vorteil gegeben: die Trägheit der Nachrichtendienste. „Bevor die ihre Auswertungen fertig hatten, waren die Entscheidungen schon gefallen.“ Das kann man glauben oder nicht.

Belegt scheint dagegen, dass die berühmteste aller diplomatischen Telefonverbindungen nie existiert hat: Das rote Telefon, das angeblich Moskau und Washington verband, war tatsächlich nur eine Telexleitung.

„Eine direkte Sprechverbindung zwischen den beiden Staatsoberhäuptern hat es nie gegeben“, sagt der Erfurter Medienwissenschaftler Tobias Nanz, der über das „Rote Telefon“ forscht. Man habe auf diese Weise Fehler beim Simultandolmetschen vermeiden und Zeit zum Überlegen gewinnen wollen. Eingerichtet worden war die Verbindung nach der Konfrontation zwischen Russland und den USA in der Kuba-Krise von 1962 als „Direct Communication Link“. Der erste Satz der 16 000 Kilometer von West nach Ost über den Atlantik ging war angeblich: „The quick brown fox jumps over the lazy dog’s bed“ (Der schnelle braune Fuchs springt über das Bett des faulen Hundes), der alle Buchstaben des englischen Alphabets enthält. Ein Test, wie ihn heute noch Nachrichtenagenturen nutzen, um die Leitungsqualität zu prüfen.

Zum Telefon wurde die Verbindung in Spielfilmen und Wahlwerbespots. „Ein ratterndes Telex ist weniger spannend als ein klingelndes Telefon“, sagt Forscher Nanz, der dafür einige Beispiele zusammengetragen hat. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Walter Mondale etwa ließ 1984 in seinem Vorwahl-Wahlwerbespot die Kamera um ein rotes Telefon kreisen, auf dem ein rotes Lämpchen drohend leuchtete. „Die bedeutendste, größte Verantwortung der Welt liegt in der Hand, die diesen Telefonhörer aufnimmt“, ließ sich dazu eine eindringliche Stimme vernehmen. Unsicher sollte diese Hand deswegen also besser nicht sein.

Hillary Clinton ließ ihrerseits in den Vorwahlen im Jahr 2008 ein Telefonklingeln über Bilder von selig schlafenden Kindern legen. Clinton verlor seinerzeit gegen Barack Obama.

Nur wenn es wirklich dringend ist

Der wiederum nutzte das Rote Telefon zu einem Spaß: Bei einem Besuch des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew im Weißen Haus im Jahr 2010 verkündete Obama auf der Pressekonferenz, er habe jetzt ja einen Twitter-Account. „Vielleicht können wir endlich die roten Telefone rausschmeißen, die hier schon so lange rumstehen.“

Twitter statt Telefon – auf die Idee ist Merkel bislang noch nicht gekommen. SMS sind da etwas privater. Für richtig Privates ist in der Telefondiplomatie allerdings wohl eher selten Zeit. „Man telefoniert ja nur, wenn es wirklich dringend ist“, sagt Ex-Kanzlerberater Teltschik. Kohl habe mit Frankreichs Präsident Francois Mitterrand auch mal geflachst oder sich nach dem Wohlergehen der Frau des Ex-Präsidenten erkundigt. „Aber eigentlich hat man keine Zeit für Nebensächlichkeiten.“ Noch nicht einmal, um die Stimmung etwas zu heben? „Stellen Sie sich mal vor, Putin erkundigt sich bei Merkel, ob die Erdbeeren in ihrem Garten schon reif sind“, sagt Teltschik.