Wenn es darum geht, andere für sein Lieblingsprojekt zu begeistern, regt Joachim Trettin gern die Fantasie an. "Stellen Sie sich vor", sagt der Konzernbeauftragte der Deutschen Bahn (DB) dann, "es ist Freitag und die Sonne scheint. Nach der Arbeit steigen Sie im Berliner Hauptbahnhof in den Zug und sind nach etwas mehr als zwei Stunden an der Ostsee, um den Sonnenuntergang zu genießen. Wäre das nicht schön?" Schon hat Trettin wieder Mitstreiter geworben - für das Projekt, die 1945 unterbrochene direkte Bahnverbindung zwischen Berlin und Usedom wieder einzurichten. Je nach Ziel könnten die Reisenden im Vergleich zu heute bis zu zwei Stunden sparen: "Ein enormer Fahrzeitgewinn wäre möglich."Zwar gibt es zwischen Berlin und der sonnenreichen Ostseeinsel heute stündlich eine Zugverbindung. Doch die Reise führt auf einem Umweg über Wolgast. Bis die Berliner zum Beispiel in Ahlbeck Meeresluft schnuppern können, müssen sie vom Hauptbahnhof aus ungefähr vier Stunden Eisenbahnfahrt hinter sich bringen. Joachim Kießling von der DB: "Im Ostsee-Verkehr können wir in puncto Fahrzeit nicht immer mit dem Auto konkurrieren - vor allem, seit es die Autobahn A 20 gibt."1939 brauchte der schnellste Zug vom alten Stettiner Bahnhof an der Invalidenstraße nach Ahlbeck nur zwei Stunden und 59 Minuten. Aber damals verlief die Reise auch über den direkten Weg, der in Ducherow abzweigte, und war rund 40 Kilometer kürzer. Mit Tempo 100 donnerten die Züge über die Hubbrücke, die bei Karnin die Peene überwand, um nach Swinemünde (das heutige Swinoujscie) zu fahren. Von dort aus ging es weiter zu den übrigen Bädern, direkt oder im Anschluss.EU-Förderung in SichtEnde April 1945 sprengte die Wehrmacht den Peene-Übergang. Die Hubbrücke blieb stehen - und kündet weithin sichtbar von der alten Trasse nach Berlin. Zu dieser Anlage, die heute DB Netz gehört, lädt Trettin gern ein, um für den Wiederaufbau zu werben. Die rund 35 Meter hohe Konstruktion aus dunklem Baustahl gibt einen eindrucksvollen Hintergrund ab. "Auch mit Gästen aus Polen bin ich schon mal dort hinaufgeklettert" - nur was für Schwindelfreie, denn durch die Stufen fällt der Blick auf die Peene."Im Vergleich zu anderen Projekten wäre der Wiederaufbau der Strecke von Ducherow ins heutige Swinoujscie eine relativ einfache Angelegenheit, geradezu ein Klacks", so der DB-Manager. Die Brücke ließe sich in den neuen Peene-Übergang integrieren. Auf dem Festland sind die Bahndämme fast überall noch da. Sie wurden nicht entwidmet, was das Vorhaben juristisch erleichtert. Die bis Heringsdorf elektrifizierte Neubaustrecke würde eingleisig 110 bis 120 Millionen, zweigleisig 160 Millionen Euro kosten.Laut DB gibt es Signale, wonach sich die Europäische Union mit bis zu 45 Prozent beteiligt - schließlich handele es sich um ein internationales Projekt. Als solches schaffte es die Usedom-Bahn auch 2004 in den Bundesverkehrswegeplan. "Sie ist Teil des Verkehrsentwicklungskonzepts Usedom-Wollin, das wir jetzt auswerten", teilte eine Sprecherin von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) jetzt mit. "Dabei geht es auch um die Wirtschaftlichkeit." Die sehen nicht nur die boomende Touristikregion Usedom und die DB gegeben - auch die Polen befürworten das Projekt und prüfen, ob sie ihre Fernzüge nach Swinoujscie über die Bahn leiten.Als "Zünder" für den 42 Kilometer langen Lückenschluss sieht Trettin die Verlängerung der Usedomer Bäderbahn über Ahlbeck Grenze hinaus nach Swinoujscie, die im Januar 2008 eröffnet werden soll. Als nächstes soll bis 2012 der Wunsch der Polen erfüllt werden, die Trasse zum Insel-Flughafen Garz weiterzuführen, sagte Bäderbahn-Chef Jörgen Boße. Von dort aus sind es nur knapp 30 Kilometer bis Ducherow.Bis 2015 könnte der gesamte Lückenschluss fertig sein. Trettin: "Der Druck ist da, alle wollen das Projekt voranbringen. Wir schaffen das."