In der Firma Stiller Entertainment sieht es nicht anders aus als in anderen Büros. Keine kreative Unordnung auf dem Boden, kein Bonmot an der Wand, kein Gag unterm Tisch. In den Räumen jenes Humorlabors in Berlin-Wilmersdorf entstehen Gags, die deutschlandweit in Radio- und Fernsehsendungen und auf Bühnen präsentiert werden. Hier wird hart daran gearbeitet, ein großes Publikum gut zu unterhalten. Alles Technik, sagt Dirk Stiller, Humor ist lernbar.Warum lachen Menschen?Ganz einfach: Weil sie enttäuscht werden. Weil sich eine Erwartungshaltung aufbaut, die sich nicht erfüllt. Wird man zu wenig enttäuscht, ist es einem egal. Wird man zu stark enttäuscht, ist man sauer. Liegt die Enttäuschung jedoch dazwischen, kann man darüber lachen. Weil man einen paradoxen Ansatz, eine Unlogik in einer Geschichte erkennt.Wir lachen, weil etwas nicht logisch ist?Ja. Lachen ist ein Kapitulationsreflex, so nennen das die Psychologen. Und dabei passieren wunderbare Dinge im Körper.Welche?Beim herzhaften Lachen finden etwa 300 Reaktionen im Körper statt. Ich nenne mal drei: Da sind die Antistresshormone. Endorphine werden normalerweise ausgeschüttet, wenn man mindestens zwanzig Minuten Joggen hinter sich hat. Ein herzhaftes Lachen jedoch entspricht schon dem Lauf von einer Stunde. Desweiteren tränen die Augen und werden dadurch gesäubert, das Zwerchfell vibriert und massiert die Bauchdecke, die Bauchdecke wird besser durchblutet und dadurch ist die Verdauung besser. Solche Sachen passieren. Lachen bewirkt nur Positives. Schließlich bilden sich auch noch neue Synapsen.Macht Lachen also auch intelligenter?Wenn man einen Witz erzählt, und der andere kennt den Witz schon, ist er sehr enttäuscht. Da mutiert der Erzähler innerhalb von einer Sekunde vom Helden zum Anti-Helden. Das liegt daran, dass sich bei dem anderen schon eine Synapse gebildet hat. Man kennt diesen Witz und diesen nichtlogischen Ansatz. Dieses Wissen wird nun angewendet - und das ist Intelligenz.So einfach ist es, schlau zu werden?Wenn man zuhört. Egal, wie interessant ich rede, Ihre Gedanken gehen doch immer nach vorn und nach hinten. Wenn ich Ihnen gerade etwas sage, dann denken Sie darüber nach: Wie war heute morgen mein Frühstück? Was muss ich noch erledigen?Nein, ich überlegte ehrlich gesagt gerade, ob ich mit dem Joggen aufhören kann ...Ja eben. Aber warum ist das so? Weil wir schneller denken, als wir reden können. Außer beim Lachen! Wenn man herzhaft lacht, dann setzt sich das Denken in die Gegenwart. Solche Konzentrationsübungen werden beim Yoga oder der Meditation trainiert. Dabei kann es im Grunde jeder, in der Sekunde, wo er einmal herzhaft lacht. So viele schöne Dinge passieren also. Und der Körper findet schließlich raus, dass Lachen ihm gut tut.Ist mein Körper dann schlauer als ich?Der Körper sucht von sich aus jedenfalls immer Situationen, die einem gefallen, oder zum Lachen bringen. Deswegen mag man humorvolle Menschen. Deswegen mag man Witze, Comedy, lustige Situationen. Sie sollten auf Ihren Körper hören.Wann haben Sie zuletzt herzhaft gelacht?Kürzlich bei dem Autor Sebastian Fitzek. Er hat den Psychothriller "Der Augensammler" vorgestellt, und er erzählte, dass er kritisiert worden ist - weil er angeblich durch bombastische Premieren seine Bücher aufzuwerten versucht. In dem Moment als er sagte: Ich verspreche Ihnen, diesmal gibt es keinen Firlefanz! - ging laute Sambamusik los und original brasilianische Tänzerinnen machten eine Riesenshow. Etwa 30 Sekunden lang, und er saß ganz ruhig da, beteuerte weiterhin, es werde keine Ablenkungen geben. Fand ich komisch.Was ist eigentlich komisch?Komisch ist immer die komische Prämisse, der Konflikt. Wenn man eine ernste Figur in eine komische Situation bringt. Oder wenn eine komische Figur in eine ernste Situation gerät. Komisch ist es immer, wenn man zwei Dinge zusammenpackt, die nicht zusammengehören.Und wann wird aus komisch ein Gag?Wenn die Menschen lachen. Da reagiert jeder anders. Lachen kann vieles sein: eine Befreiung, ein Missverständnis, ein Ausdruck von Wahnsinn, eine soziale Geste. Humor ist immer zielgruppenabhängig. Wenn man sich mal die Partnerschaftsanzeigen anschaut, dann wird dort sehr oft ein humorvoller Mann beziehungsweise eine Frau mit Humor gesucht. Da steht nie drin, suche Mann mit zwei Beinen oder Frau mit zwei Augen. Das wird vorausgesetzt - Humor aber offenbar nicht. Frauen haben es übrigens immer einfacher, humorvoll zu wirken. Da gilt die alte Regel: Ein Mann findet eine Frau schon humorvoll, wenn sie über seine Witze lacht.Aber jeder wird doch von sich behaupten, humorvoll zu sein.Natürlich, und das stimmt sogar: Jeder hat Humor - aber nicht jeder denselben. Sie und ich haben dabei einen anderen allgemeingültigen Humor als zwanzig Zahnärzte. Und zwanzig Zahnärzte haben wiederum einen anderen als zehntausende Radiohörer oder hunderttausende Fernsehzuschauer. Wenn man fürs Fernsehen Humor oder Comedy liefern möchte, dann muss man anders herangehen als bei einer Kabarettbühne. Das gilt es, herauszufinden.Wie? Muss man als Gagschreiber jedes Mal ein anderes Publikum vor Augen haben?Man muss seine Zielgruppe kennen - und seinen Sendeplatz. Wer einfach lustiges Zeug macht, mag zwar begabt sein, aber bekommt ohne Adressaten kein Profil. Geschweige denn, wird eine Marke. Das ist das Problem vieler Komiker.Aber muss ein Komiker außer dem Publikum nicht vor allem sich selbst kennen?Genau, die Gesamtfigur muss glaubhaft sein. Würde man den Großteil der Gags, die Mario Barth bringt, durchsinnieren, dann wären die wahrscheinlich gar nicht so lustig. Aber weil es eben Mario Barth ist, und dadurch, wie er es macht, werden die Gags zu brillanten Standups. Auch Hape Kerkeling darf vieles, denn er ist immer sympathisch und charmant. Der führt nicht vor, der zeigt Herz. Oder Harald Schmidt. Der kommt ja mit ganz wenigen Gags aus. Als ich anfing, da mitzuschreiben, dachte ich, jetzt werde ich reich. Dann stellte ich fest, dass Schmidt nur wenige Vorlagen braucht und damit eine ganze Show füllen kann. Der Mann hat einfach funny bones, also Humor und Satire im Blut. Hab ich nicht. Ich bin jemand, der eher strategisch denkt.Sie geben Comedy-Unterricht. Kann eigentlich jeder Gags schreiben?Theoretisch könnte jeder Gags verfassen. Talent kann da nicht schaden, aber es hilft nur für die Schnelligkeit. Das meiste ist Technik. Man muss nur das Verfahren beherrschen und schnell zu einer Pointe kommen. Es gibt so lustige Menschen in Deutschland. Der kleinste Teil von diesen lustigen Menschen steht auf der Bühne - der größte Teil sitzt in den Wohnzimmern und unterhält Familienfeste.Aber sind das gleich Humoristen? Oder vielleicht einfach nur gute Witzeerzähler?Humor ist eine Charaktereigenschaft, die im Wesen der Person begründet ist. Hier zählt auch der Instinkt. Während der Witz eine konstruierte Form ist. Deshalb ist Humor persönlicher und der Witz allgemeiner.Ist denn umgekehrt auch jeder empfänglich für Humor?Nicht überall. Ein Beispiel: Ich war letzte Woche beim Arzt, eigentlich ging es mir gut, ich hatte bloß keine Stimme, hab halt ganz tief geröchelt. Ich ging also amüsiert ins Behandlungszimmer und sage keuchend, Sie werden meine Stimme von heute Nacht am Telefon wieder erkennen - schließlich klang ich wie ein obszöner Anrufer. Aber die Ärztin hat überhaupt nicht reagiert und mich ganz ernst als Patient abgearbeitet. Es ist doch vollkommen grotesk, das Lachen zu verweigern, weil es ja eine heilende Wirkung hat. Privat wird diese Ärztin vielleicht durchaus viel lachen.Aber ist so eine Trennung zwischen Berufs- und Privatleben nicht alltäglich?Genau, man lacht nicht. Das ist ja ohnehin in vielen Firmen so. Wenn irgendwo Mitarbeiter zusammenstehen und lachen, dann denkt der Chef sofort...... über ihn wird gelacht?Nein, er denkt, die haben nichts zu arbeiten. Dabei ist Lachen ein echter Motivationsschub. Ein guter Chef weiß das. Weil man eine Chance hat, durch Humor und durch das Sich-lustig-machen, Probleme oder Tabus zu normalisieren. Für mich sind das die größten Leute, die eine Katastrophe durch Humor entkrampfen. Man muss natürlich der Katastrophe ein bisschen Zeit lassen. Aber irgendwann kommt der Moment, um Ängste zu lösen.Wenn Krisen den Humor beflügeln, dürften wir derzeit - mit der Eurokrise, Schuldenmisere oder Köhlers Rücktritt - aus dem Lachen doch gar nicht rauskommen?Das kommt darauf an, wie sehr die Krise als solche wirklich begriffen wird. Bei Köhlers Rücktritt gab es bisher nur professionelle Pointen im Fernsehen, keine aus dem Volk.Aber über Missbrauchsvorwürfe oder die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko könnte ich nicht lachen...Da gibt es schon Witze. Doch es ist viel einfacher, über Personen des öffentlichen Lebens zu lachen als über Katastrophen.Verona Feldbusch, Wolfgang Thierse, Guido Westerwelle werden besonders gern veralbert. Warum?Ein Thierse, weil der sich gerne weit raushängt, sehr ernst nimmt und humorfrei zu sein scheint. Ein Witz ist oft die Antwort auf eine Vorlage. Wie viel bietet die Person durch ihr Verhalten? Wie stark könnte sie sich wehren, wäre sie vor Ort?Kann sich Verona Feldbusch wehren?Ja, die wehrt sich, indem sie ihre Schwäche zum Markenzeichen gemacht hat.Und Westerwelle? Sind Guido-Witze nicht irgendwann ermüdend?Ich würde gar keine Westerwelle-Witze machen, weil ich den nicht so ergiebig finde. Wenn man ihn zitiert, weil es satirisches Potenzial hat - gut. Wenn man sich aber nur an seinem strahlenden Gesicht abarbeitet, wirkt es eher hinterhältig.Was sind für Sie Geschmacksverletzungen?Wer sich über Leute lustig macht, die sich nicht wehren können, agiert grenzwertig. Menschen, die körperlich oder geistig eingeschränkt sind oder keine Lobby haben - sind kein Gegenstand für Witze. Wenn man einfach nur ein netter Kerl ist und versehentlich in ein falsches Umfeld gerät, darf man nicht zum Daueropfer werden. So konnte ich überhaupt nie über Witze über Rex Gildo lachen. Weil der einfach nur eine tragische Figur war, der hat sein Leben lang versucht, Menschen Freude zu bringen. Egal, ob auf großen Bühnen oder bei Kaufhauseröffnungen. Solche Witze würden in meiner Firma nicht passieren. Das ist mir zu hämisch.Was sind die größten Tabus? Religion, Hautfarbe, Sex, Tod, Markennamen?Marken am wenigsten. Ich muss da ehrlich sagen, für mich ist alles tabu, was es mir erschwert, Geld zu verdienen. Ich schreibe nur Texte, die ich verkaufen kann. Ich arbeite nur mit Leuten, mit denen sich Geld verdienen lässt. Das klingt jetzt wenig idealistisch, aber das ist das Geschäft. Und ich weiß, dass es in den Redaktionen und bei meinen Kunden sehr viel vorauseilenden Gehorsam gibt. Meine Meinung ist, man darf über vieles Witze machen. Die Frage ist, wie? Ein Beispiel: Es gibt Witze mit Schwulen und Witzen über Schwule. Ich würde nie Witze über Schwule machen.Warum machen eigentlich viele Witze über sich selbst?Weil es unglaublich sympathisch ist. Ich könnte ungestraft Witze über blonde Männer machen und so signalisieren, ich bin komisch. Da nehme ich dem anderen den Wind aus den Segeln. Oder dicke Leute. Dicke bewegen sich wunderbar auf der Kommunikationsebene - und sind sehr oft humorvoll. Sie beherrschen die Klaviatur der ironischen Rechtfertigungen wie kaum eine andere Gruppe. Als ich vorhin sagte, ich möchte gern ,günstig' fotografiert werden, da mussten Sie doch schmunzeln.Ja, das stimmt. Aber, nur, weil dies meist eine weibliche Ansage ist.Sie haben keine Sekunde an etwas anderes gedacht? Zum Beispiel an ein sich anbahnendes Doppelkinn?Nicht im Traum!Sehen Sie, Sie schmunzeln schon wieder. Was heißt denn das jetzt? Schlank oder fett? Und genauso ist das mit Randgruppen. Wenn jemand auf die Bühne geht und über Juden Witze macht, dann bleibt einem sofort das Lachen im Hals stecken, weil man unsicher ist. Wenn der aber wie Oliver Polak auf die Bühne geht und sagt, ich darf das - ich bin Jude und Comedian, und Sie brauchen nur zu lachen, wenn Sie es wirklich witzig finden, dann hat das Komik. Das funktioniert großartig. Würde ich das machen, hätte es wenig Niveau.Gibt es auch falsche Rücksichtnahme oder eine Schere im Kopf?Ständig. Überall. Da fragt man sich, wird das gesendet oder nicht? Ist man fest angestellt oder frei beschäftigt? All das beeinflusst die Selbstkontrolle. Und je mehr Kollegen an der Entscheidungsfindung beteilt sind, umso schwieriger wird's. Man kann auch Dinge totdiskutieren. Die große Regel lautet: Es ist leichter, um Verzeihung zu bitten, als um Erlaubnis zu fragen.Schreibt man für die öffentlich-rechtlichen Sender anders als für die privaten?Das lässt sich so nicht mehr unterscheiden, weil die öffentlich-rechtlichen immer privater werden und die privaten immer öffentlich-rechtlicher. Kürzlich wurde eines meiner Radio-Konzepte von einem Privatsender abgelehnt. Zu schlüpfrig. Die öffentlich-rechtliche Konkurrenz hat es gekauft.Durch wie viele Hände geht ein Gag, bevor er gesendet wird?Bei einer kleinen Pointe sind es bis zu vier Filter, bei einem größeren Konzept bis zu fünfzehn. Und jeder Filter kann einen rauskicken. Da muss man sich mit der Zeit ein Image erarbeiten und Vertrauen.So viele Filter. Warum gibt es trotzdem soviel Unlustiges im Fernsehen zu sehen?Das liegt an Ihrem Individualhumor. Sie finden es nicht lustig, andere schon.Das ist ja eine feine Ausrede. Es liegt also an einem selbst, nicht an den Schreibern?Es gibt verschiedene Ansätze beim Humor. Ich beschäftige mich ja mit dem Bereich des Lachens, der nicht zufällig entsteht, sondern hergestellt wird. Eine schöne Übung, die ich jedem empfehle, ist die unangemessene Reaktion. Das ist eine Technik. Sich in einer blöden Situation etwas Absurdes zu überlegen, womit keiner rechnet. Das entkrampft, wenn Sie es sich nur vorstellen.Wie viele Gags werden für große Shows eingesendet und wie viele ausgestrahlt?Eine tagesaktueller TV-Stand up benötigt ungefähr zehn Gags. Diese zehn Gags werden von 15 bis 20 offiziellen Autoren geschrieben. Diese offiziellen Autoren haben noch Autoren, die ihnen zuarbeiten. Es kann sein, dass am Ende von 2 000 Gags zehn ausgewählt und bezahlt werden.Geht es da noch kollegial zu?Klauen ist nicht unüblich. Da zitiere ich gern David Letterman, der sagt: Wer von mir klaut, klaut zum zweiten Mal! Manche klauen wie die Raben, besonders die lustigen Kollegen aus dem Karneval. Die Karnevalisten gehen ja in der Hoch-Zeit zehn bis zwölf Mal pro Tag auf die Bühne. Wenn einer da einen guten Gag erzählt, klaut das sofort ein anderer. Und dann kann es passieren, dass ein Riesenbrüller, der vor einer halben Stunde im anderen Saal noch super funktioniert hat, plötzlich verreckt. Weil ein Kollege ihn indes geklaut hat und das Publikum ihn schon kannte.Wurde schon von Ihnen geklaut?Natürlich. Ich hab vor einiger Zeit einem TV-Sender ein Konzept gegeben, das dann abgelehnt wurde, und heute sehe ich es im Fernsehen. Nun könnte ich ganz traurig sein, kann aber auch sagen, mein Gott, so genial warst du. Warst halt bloß zu früh. Vielleicht lag dieses Konzept sogar in der Luft und zufällig sind wirklich zwei Leute auf das Thema gekommen.Was passiert, wenn mehrere Autoren am selben Tag auf dieselbe Pointe kommen?Also bei zwei Autoren wird das Honorar unter beiden aufgeteilt. Wenn aber drei auf dieselbe Pointe kommen, kriegt keiner etwas. Dann sagen die Redaktionen, das ist ein Gag, da könnte jeder drauf kommen.Kann man vom Gag-Schreiben leben?Es gibt Autoren, die verdienen 10 000 Euro, ganz grandiose auch 30 000 im Monat. Es gibt aber auch sehr viele, die sehr wenig verdienen, obwohl sie brillant schreiben. Das liegt mitunter am Auftreten; oft wirken die ängstlich oder anstrengend. Erfolgreich sind die Unkomplizierten. Die, die rausgehen, anbieten und keine Furcht vor Redakteuren haben.Hat Comedy also ziemlich ernste Regeln?Es ist harte Arbeit. Wenn ich Texte verfasse, um die Leute zum Lachen zu bringen, starre ich vollkommen ernst auf meinen Monitor und keiner darf mich stören. Manchmal arbeite ich von morgens um sieben bis abends neun Uhr an Texten. Ab Mittag lässt die Konzentration nach. Gleich werden ganz viele sagen, mein Gott, was für ein Horror, - aber meine Arbeit hat dann nichts mehr mit Talent zu tun, sondern nur noch mit Technik.Es gibt also eine Theorie des Witzes?Ja natürlich. Der Witz ist immer ein unvorhergesehener Richtungswechsel. Also eine scheinbar vorhersehbare Geschichte, - und plötzlich schlägt sie einen gedanklichen Haken. Mehr passiert nicht.Neben Ihren Comedykursen haben Sie auch schon Sympathiekurse gegeben. Ist Sympathie erlernbar?Ich hab zwar gerade eine Anfrage aus dem Bundestag, aber eigentlich mache ich das nicht mehr. Es ist nicht lukrativ.Was ist denn lukrativ?Die Reden. Da bekomme ich Manuskripte und baue Bonmots ein. Oder wenn eine Persönlichkeit auf dem Podium sitzt oder ein Interview gibt, dann baue ich eine catchy line ein, etwas, womit sie zitierfähig ist. Dabei ist es wichtig, dass derjenige versteht, was passiert. Es gibt ja viele Leute, die erkennen Pointen nicht und bringen die dann nicht richtig. Inzwischen arbeitet ein Schüler von mir damit in den Regierungsetagen. So etwas freut mich, aber das ist noch keine Normalität. Hierzulande setzt man noch stark auf Reputation. Wenn ich einen Doktor hätte, dann wäre es wohl einfacher. Aber ich bin ja nur Comedy-Produzent, also so ein alberner Kerl. In den USA nutzt die Regierung die Kreativität aus Hollywood. Da engagieren viele Politiker ihren Comedy-Autor. Selbst die Töchter von George Bush hielten mal eine Rede, die war saukomisch - und zu 100 Prozent geschrieben.Lässt sich so jedes Image aufpolieren?Nein. Im Moment könnte dem Vorstand von BP auch keiner helfen.Können Sie sich Witze merken?Leider nein. Und die paar, die ich mir merke, kann ich nicht erzählen. Ich verhaue oft die Pointe.Muss ein Komiker ein besonders gutes Gedächtnis haben?Das gehört zur professionellen Vorbereitung. Die meisten Comedians sind nicht präzise genug und haben ein schlechtes Timing. Dabei muss man Pointen hundertprozentig formulieren. Manche sind wenigstens noch schlagfertig. Es gibt einige Leute in der Branche, die gelten als komisch, lernen aber nur auswendig.Und? Wer?Sag ich jetzt nicht. Dann krieg ich auf einen Schlag nie wieder Geld.Gibt es ein unangefochtenes Vorbild?Ja, Loriot. Der wurde noch nie veralbert, der wird verehrt. Von allen. Der Mann ist einfach großartig, arbeitet perfekt. Heute betrachtet sind Loriots Texte zwar ein bisschen langsam erzählt, aber sie funktionieren zeitlos.Und grenzenlos. Loriot war einst auch im Osten sehr beliebt. Gibt es eigentliche lokale Humor-Unterschiede?Angeblich. Da wird gesagt, dieses funktioniert in Bayern nicht, jenes nicht im Norden. Als ich Mitte der 90er beim Mitteldeutschen Rundfunk als Unterhaltungsredakteur anfing, hat man mir gesagt, es gibt einen DDR-Humor. Und ich hab gesagt, jaja - und einfach durchgezogen. Denn ich glaube an den universellen Humor.Und warum kommen in Berlin Büttenreden nicht gut an? Hier ist man trotz vieler Bemühungen ziemlich karnevalsresistent.Bei diesem Thema geht's doch eigentlich um Lokalpatriotismus. Mundart und lokales Liedgut gehören zum Grundgesetz der fünften Jahreszeit, der katholischen Vor-Fastenzeit im Rheinland. Natürlich ist das anders im protestantischen Berlin.Stimmt es, dass Frauen das dankbarere Publikum sind?Absolut. Es gibt Komiker, die lassen sich in ihre Verträge schreiben, dass sie nur auftreten, wenn Frauen im Publikum sind. Denn nur Männer im Publikum, das ist bitter, weil die sich so gern unter Kontrolle haben. Frauen aber lösen jede strenge Atmosphäre auf, weil sie emotionaler sind.Die Deutschen attestieren sich oft Humorlosigkeit. Ausländer sehen das oft anders. Wie lustig sind denn die Deutschen?Ich weiß nicht, warum die Deutschen glauben, sie hätten keinen Humor. Deutschland hat zwar im Ausland kein großes Entertainment-Image, es ist schwierig, Produktionen ins Ausland zu verkaufen, aber humorlos sind die Deutschen nicht. Seit es Privat-Fernsehen und -Rundfunk gibt, wird mehr Comedy gesendet. Jetzt entsteht der Eindruck, die Deutschen haben erst in den letzten zwanzig Jahren Humor gelernt. Aber sie waren schon immer humorvoll, bloß jetzt ist es auch offiziell.Warum sind besonders morgens viele Menschen schlecht gelaunt?Die Leute sind ja eigentlich acht Stunden nicht auf dieser Welt gewesen. Und dann wachen sie morgens auf - das weiß man aus der Forschung - und müssen sich erst mal orientieren, wie jedes andere Lebewesen auch. Sie verarbeiten noch Träume, und gucken erst langsam von innen nach außen. Dann fragen Sie sich manchmal, wie überlebe ich den Tag? Abends sind dieselben Leute viel entspannter: Arbeit erledigt, Tag überstanden, jetzt gönnen sie sich Spaß.Im Radio gilt ja die Morningshow als das Flaggschiff eines jeden Senders ...Weil morgens die meisten Menschen Radio hören.Was haben Sie gemacht, wenn Sie mal schlechte Laune hatten, aber eine lustige Sendung vorbereiten mussten?Ich hab meine Techniken angewandt. Ich kann nicht sagen, mir geht's heut' nicht so, hab irgendwas, tut mir leid. Da leg ich doch lieber ein paar Glückshormone frei.Erwartet man von Ihnen, dass Sie bei Partys die Gäste unterhalten?Ja, immer wieder. Und als Sie mich angerufen haben, sagten Sie ja auch: Ich freu mich auf das Interview, endlich mal was Lustiges. Und nun müssen Sie feststellen, dass Humor eine ernste Angelegenheit ist. Jetzt lachen Sie schon wieder. Ist das ein Verlegenheitsschmunzeln?Nein, ich bin nur eben eine Frau, eine aus dem dankbaren Publikum.Das war ja auch eine Voraussetzung für unser Gespräch.------------------------------Dirk StillerGeboren 1969 in Berlin, Publizistikstudium an der Freien Universität, anschließend beim Radio. Bis 1998 war Stiller Chefredakteur des Berliner Senders 104.61999 machte er sich selbstständig und arbeitet seitdem als Programmberater, Autor, Coach und Entwickler von Comedy-Formaten. Seine Firma beliefert die meisten deutschsprachigen TV- und Radiosender, zu seinen Kunden gehören und gehörten u.a. Harald Schmidt, Stefan Raab, Kaya Yanar, Rudi Carrell, Anke Engelke.Als Comedy-Dozent ist Stiller zudem tätig. Er hat sein Wissen bereits an 1 000 Schüler vermittelt, zu denen Manager, Programmdirektoren, Redakteure, Werbetexter und Comedians gehören. In seinen Kursen kann man lernen, mit diversen Techniken den Zuschauer unterhaltsam zu enttäuschen - also, nach Stillers Definition, witzig zu sein.Stiller doziert deutschlandweit, seine Seminare an der Volkshochschule Berlin-Mitte sind immer schnell ausgebucht. Demnächst bietet seine Firma auch eigene Kurse an, in denen die Schüler von der ersten Idee bis zur fertigen Produktion begleitet werden sollen.------------------------------Ich weiß nicht, Warum die Deutschen glauben, dass sie keinen Humor haben. Sie waren schon immer humorvoll, bloß jetzt ist es offiziell.Hierzulande setzt man noch stark auf Reputation. Wenn ich einen Doktor hätte, dann wäre es wohl einfacher. Aber ich bin ja nur Comedy-Produzent, also ein alberner Kerl. In den USA engagieren viele Politiker ihren Comedy-Autor.

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