POTSDAM. Die Landeshauptstadt Potsdam ist die ostdeutsche Stadt mit der höchsten Kaufkraft. Das haben Statistiker soeben errechnet. Durchschnittlich 15 567 Euro hat jeder Potsdamer jährlich zur Verfügung. Im Potsdamer Norden, in der noblen Berliner Vorstadt, liegt diese Summe noch um ein Vielfaches höher. Denn in dieser Villengegend, umschlungen von Havelseen, wohnen bekanntlich die betuchten Potsdamer, zu denen auch der TV-Moderator Günther Jauch gehört. Totz des vielen Geldes, das hier vorhanden ist, gab es in dem Viertel bisher keinen Supermarkt. Nun aber ist Aldi gekommen. Der Lebensmittel-Discounter mit dem "Geiz ist Geil"-Image hat seine bundesweit wohl nobelste Filiale direkt am Ufer des Tiefen Sees aufgemacht.Schon der Kundenparkplatz ist eigentlich ein Seegrundstück. Von hier aus schweift der Blick über den See hinüber zum hügeligen Schlosspark Babelsberg. Auf dem See schippern die Boote gemählich herum. Und am Ufer hat Aldi einen eigenen Bootssteg und Holzpflöcke zum Schiffevertäuen anbringen lassen. "Hier kommen viele Boote vorbei", sagt Aldi-Regionalleiter Jörg Michalek. "Gerade erst war ein Skipper da, der aus Lübeck kam und weiter nach Polen wollte." Der machte nun hier Station und kaufte sich Aldi-Würstchen, Wasser und natürlich was zum Knabbern.Aldi hat seine Investition am Tiefen See wohl überlegt: "Potsdam ist für uns insgesamt ein guter Standort", sagt Aldi-Mann Michalek. "Und hier in der Berliner Vorstadt war bisher überhaupt niemand vertreten." Kein Einzelhändler weit und breit. Gewerbegrundstücke sind rar. Inzwischen hat allerdings auch der Discounter Lidl hier eine Filiale aufgemacht. Dabei war es gar nicht so leicht für die Discounter, sich hier im reinen Wohngebiet anzusiedeln. Denn der Vorstadt-Verein, in dem sich die Besitzer der schmucken Villen, zusammengeschlossen haben, wollte gegen den Discounter-Bau vorgehen. Die Anwohner befürchteten eine Zunahme des Autoverkehrs und wollten zunächst wohl auch eine "Aldisierung" des exklusiven Wohngebietes vermeiden.Nun kommen die Anwohner aber ganz gerne zu Aldi. Ein Kunde will sogar Günther Jauch schon mal hier gesehen haben: "Nach dem Joggen war der da", sagt der Rentner, der mit dem Fahhrad zu Aldi gefahren ist. Ein anderer Herr - karierte Golferhose, runde Brille - fährt mit seinem BMW vor. "Ich bin Firmengründer", sagt der Mittfünfziger. "Das heißt, ich gründe Firmen für andere Leute." Er kommt aus Bayern, wohnt seit fünf Jahren in der Berliner Vorstadt und kauft heute mehrere Pack Wasser. "Früher sind wir hier alle zu einem kleinen türkischen Kiosk gegangen, wenn wir mal was brauchten", sagt er. Heute geht auch der Villenbewohner zu Aldi. Die stellvertretende Filialleiterin kommt aus Werder/Havel und arbeitet schon seit zehn Jahren bei Aldi. Die blonde Frau betont, dass das Sortiment das gleiche sei wie in allen anderen Aldi-Filialen. Allerdings würden die Kunden von den angebotenen Produkten schon eher die teureren nehmen, zum Beispiel bei den Spirituosen. Der umsichtige Firmengründer mit der karierten Hose hat aber einen Unterschied zu anderen Aldi-Filialen festgestellt: "Hier gibt es viel mehr Tiefkühltheken als anderswo, hier ist mehr Fisch im Angebot", sagt er. Die anwohnenden Familien wollen schließlich umsorgt sein. Aldi hat das Seegrundstück von der Stadt kaufen können, weil der Discounter sich verpfichtet hat, die Industriebrache zu sanieren und darauf ein Gewerbe zu betreiben. In dem Gebäude, wo Aldi jetzt sein Lager hat, war einmal eine alte Kerzenfabrik. Auch einige Wohnungen sind dort entstanden. Aldi versteht es, Geld zu machen. Nicht umsonst sind die Brüder Karl und Theo Albrecht, die Aldi-Gründer, die reichsten Deutschen.------------------------------Aldi für Reiche // Berliner Vorstadt: Der exklusive Potsdamer Stadtteil beginnt gleich hinter der Glienicker Brücke. Havelseen und Parkanlagen, die zum Weltkulturerbe gehören, rahmen diese idyllische Wohnlage ein. Günther Jauch, Wolfgang Joop oder auch TV-Moderator Ulrich Meyer besitzen hier prachtvolle Häuser. Aldi: Von den Gebrüdern Karl und Theo Albrecht gegründeter Discounter, der auf Grund seiner niedrigen Preise einen gewissen Kultstatus genießt. Aldi stellt keine Marken zur Schau, setzt stattdessen auf No-Name-Produkte. In den vergangenen Jahren verkaufte Aldi neben Lebensmittel zunehmend auch Technik-Produkte wie Computer.------------------------------Foto: (2) Der Aldi-Bootssteg: Schüler des nahen Oberstufenzentrum kaufen dort per Ruderboot fürs Wochenende ein.