Die Zuschauer sitzen auf billigen Bürostühlen im Prater und schauen in die Zimmer einer Hotelsuite, in der die Übergänge zwischen Arbeiten und Wohnen fließend sind. Drei Frauen schreien sich die Lungen aus dem Leib, sie wirken müde und abgekämpft. Sie sind gekleidet wie Nutten, aber doch schräger. Als ob sich noch ein Restchen Individualität erhalten hätte in dem Zwang, Körper oder Seele zu verkaufen, sich anzupassen an die globalen Standards. Die Frauen schreien in dem verzweifelten Versuch, sich selbst zu behaupten und die Verhältnisse wenigstens zu verstehen, in denen sie gefangen sind. "Da ist doch ein Widerspruch!" sagen sie z. B. und sehen sich flehend an. Die Frauen sind keine Nutten, sondern Journalistinnen, die nach New York gereist sind, um an einer Konferenz zum Thema "Überbevölkerung" teilzunehmen. Eine von ihnen versucht, ihr Kind auf dem Schreibtisch zu wickeln und gleichzeitig etwas in ihren Laptop zu tippen. Dass es sich um ein hypermobiles Kind handelt, erschwert die mobile Betriebsführung. So bleibt das eigene Kind eben ungewickelt, während sie über die unterentwickelten Kinder in den Ländern der Dritten Welt schreibt. Nach bitteren Sprachspielen dieser Art fragt eine Kollegin, warum sie überhaupt eine Familie gegründet habe: "Weil ich an der Kinderarbeit bei der Produktion von persönlicher Anteilnahme an meinem Scheiß-Leben interessiert bin." René Pollesch hat eine Möglichkeit gefunden, zeitgenössisches politisches Theater zu machen. Er nimmt die kalte Sprache der Technologie und des Marketings, um sie auf die bedrohte Privatsphäre seiner Figuren zu übertragen. In jeder seiner Inszenierungen gibt es eine Hand voll Vokabeln, die in immer absurdere Zusammenhänge gestellt werden. Seine Sätze kann man sich nicht merken; auch die Schauspielerinnen Christine Groß, Nina Kornjäger und Claudia Splitt müssen oft warten, dass die Souffleuse ihnen auf die Sprünge hilft. Doch überraschen sie mit immer neuen Angriffen auf die Euphemismen der neoliberalen Welt: "Die Mobilität der Müllwagenfahrer ist nämlich nicht so hoch bewertet." In dieser Folge seines Diskurstheaters geht es René Pollesch um den Verlust von Heimat. Von hoch qualifizierten Arbeitskräften wird erwartet, dass sie durch die Weltgeschichte fliegen und die Hälfte der Woche in Hotels leben, in denen jede Spur des Persönlichen getilgt ist. Ob sie nun in London sind oder in Tokio, immer erwachen sie mit demselben Jetlack in demselben Zimmer. Die Einrichtung ist von einer berechnenden Dezentheit, die es mit keinem Geschmack verderben will. Und die Angestellten sind darauf dressiert, eine familiäre Atmosphäre zu produzieren, indem sie Freundlichkeit heucheln und Mitgefühl. Das ist eine Frage, die sich die Frauen von René Pollesch immer wieder stellen: Wie kann man in der Dienstleistungsgesellschaft erkennen, ob man in den Augen der andern Mensch ist oder lediglich Kundin. Es gibt eine großartige kleine Szene mit Rollkoffer im Stroboskoplicht: Eine Frau zieht ihn an unsichtbaren Fäden hinter sich her, lässt ihn durch die Luft fliegen, tanzt und dreht sich, bis ihr schwindlig wird. Schließlich wird sie von dem Koffer verfolgt, überrollt. So können wir uns im Jetset als Herrscher der Logistik aufspielen und gleichzeitig die Wunde fühlen, die jeder Ortswechsel uns schlägt. In einem Nebenzimmer der Suite läuft der Fernseher: Man sieht Afghanen, die an der Leine vorgeführt werden von ihren fettleibigen Züchtern. Sie laufen über die Wiese mit ihren schönen schmalen Windhundkörpern, lassen die Bürsten über sich ergehen, die ihr frisch schamponiertes Fell frisieren. Später schüttet eine Frau eine Packung Frolic über den Fernseher und wirft winzige gelbe Fallschirme ins Publikum. "Die Gerechtigkeit der U.S.A. kennt keine Grenzen." Das ist ein fieses, ein präzises Bild für den Abwurf von Lebensmitteln über Afghanistan. Ein paar Kekse mit Erdnussbutter sollen eine Million Flüchtlinge ernähren, die seit Tagen, Wochen, Monaten und Jahren Hunger leiden. In einem Clip sieht man eine leere Bierflasche, in der sich ein Propeller dreht. Dazu hört man den Walkürenritt von Richard Wagner. Mehr bedarf es nicht, um das amerikanische Vietnam-Trauma aufzurufen, die Szenen des Films "Apocalypse Now", der jetzt wieder in allen Kinos zu sehen ist. Auf dass die Zuschauer das Gefühl haben, sich vorstellen zu können, was man sich nicht vorstellen kann: den Krieg. Aber es ist kein Zufall, dass der Fernseher im Nebenzimmer läuft. Im Zentrum des Geschehens steht der Alltag mit seinen Sorgen. Volksbühne Prater, Kastanienallee 7-9, ab 30.10. um 20 Uhr.