BERLIN. "Du hast den Dreck von der Gosse geleckt, du weißt, wie Scheiße schmeeeheckt", Robert Harting dreht die Schrammelmusik in seinem Mercedes-Geländewagen noch ein bisschen lauter, er sinkt in seinen beigefarbenen Ledersitz hinein und gibt Gas. Es passt natürlich zu diesem Mann, dass er die Böhsen Onkelz hört. Böse sein - oder zumindest dagegen - gehört zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Wer sich mit dem Berliner Diskuswerfer unterhält, der hört früher oder später Sätze wie diesen: "Es sind überall zu viele Weicheier unterwegs. Das macht ja gar keinen Spaß mehr."Robert Harting aus Hohenschönhausen ist kein Weichei, so viel steht schon einmal fest. Auf seiner Webseite lässt er sich von einer resoluten Brünetten in Ketten legen. Wer ihm nicht in den Kram passt, bekommt mehr Kraftausdrücke zu hören, als er sich merken kann. Und wenn es im Trainingslager in Kienbaum keinen Parkplatz gibt, stellt er sein Auto eben auf dem Rasen ab. Anarchie als Lebensmotto, so gefällt sich Harting. Er zieht den Schlüssel ab, er sagt: "Die Formel 1 fährt jetzt mit Zwei-Liter-Motoren. Ich meine, ich habe vier Liter und bin auch nicht schneller." Die Welt ist auch wirklich ungerecht.Dass Harting kein gewöhnlicher Sportler ist, sah und wusste man schon länger. Nun findet aber diese WM in Berlin statt. Er begreift sie als seine WM. Das ist wichtig, um zu verstehen, weshalb er sein Rabauken-Image vor dem Diskus-Finale am Mittwoch (20.10 Uhr) zur Perfektion treibt. Harting sagt: "Ich werde meine Stadt verteidigen. Da will jemand kommen und hier Weltmeister werden."Gerd Kanter, zum Beispiel, der hat schließlich acht der zehn besten Weiten in diesem Jahr geworfen. Der heitere Este setzte Harting vor einigen Wochen in seinem WM-Tipp auf Platz vier, weswegen der bis heute gekränkt ist: "Gerd Kanter hat mich nicht wirklich mit Respekt bedacht. Mal sehen, ob ich dem am Mittwoch was auf den Tisch knallen kann." Harting liegt derzeit auf Rang fünf der Weltrangliste.Vor nichts und niemandem macht sein Selbstverteidigungs-Reflex in diesen Tagen halt. Er sammelt Feindbilder wie andere Leute Bonusmeilen. Manchmal wirkt er dabei erfrischend ehrlich, immer häufiger übertritt er allerdings die Grenzen des guten Geschmacks. Zum Beispiel am Dienstag, nachdem er die Qualifikation mit einem einzigen Wurf souverän gemeistert hatte. Diesmal hatte Harting die organisierten Dopingopfer im Visier, die während der WM 20 000 Pappbrillen verteilen lassen, um auf verbotene Antriebsstoffe aufmerksam zu machen. "Ich hoffe, dass der Diskus aufkommt und gleich gegen eine der Brillen springt, damit die dann auch wirklich nichts mehr zu sehen haben." Manchmal wäre es schön, weit weg zu sein, wenn Harting redet.Der Dopingopfer-Hilfe-Verein hatte zuvor kritisiert, dass der Diskuswerfer eine Aussage seines Trainers Werner Goldmann auf seine Homepage gestellt hatte, in der der frühere DDR-Staatsdoper über einen von ihm betreuten Athleten gesagt hatte: "Das sieht ja conterganmäßig aus." Wenn Harting so etwas tue, sei er unwürdig, der Nationalmannschaft anzugehören, wurde das staatlich anerkannte Dopingopfer Uwe Trömer zitiert.Aus der Sicht Hartings, der sich mal als Rammbock des Antidopingkampfes geriert, nur um wenig später über die Freigabe aller Substanzen zu schwadronieren, war das eine offene Kriegserklärung. Er lässt sich nicht gerne kritisieren. Er glaubt, dass er sich alles leisten kann. Was der 24-jährige Berliner offenbar noch nicht verstanden hat, ist die Tatsache, dass es von einer widerborstigen Imagekampagne bis zum kommunikativen Freitod nur ein kleiner Schritt ist.Das mit den Dopingopfern wird noch so manche Welle schlagen, und wenn die Zeichen nicht trügen, dürfte sich der Fall Harting spätestens auf der Pressekonferenz nach seinem Wettkampf zur größeren Flut ausweiten. Der Mann ist offenbar wild entschlossen, sich endgültig mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zu überwerfen. Er schimpft über die medizinische Betreuung ("Wir haben diesen Doc Hollywood, der ist um 18 Uhr da. Und wenn du ihn um 20 Uhr brauchst, ist er wieder weg"). Er lacht über den viel beschworenen Teamgeist. Er verfolgt eine WM-Doppelstrategie: "Jetzt muss ich erst einmal eine gute Leistung bringen. Dann fange ich am Donnerstag mit den Reformen an."Böser Onkel sucht warmes NestHarting findet, dass Clemens Prokop und Frank Hensel an der Verbandspitze eine Fehlbesetzung sind. "Die haben keine eigene Meinung, die verkaufen alles und jeden. Es fehlt die Idee, die Liebe", sagt er. Es hat schon eine gewisse Komik, wenn sich der böse Onkel von Hohenschönhausen nach Nestwärme sehnt. Und es hat eine gewisse Tragik, dass er glaubt, den Machtkampf mit dem Rest der Welt aus seinem kleinen Diskusring heraus gewinnen zu können. Er ist der festen Überzeugung: "Als Weltmeister kannst du dich auch nackt hinsetzen, da vorne."Kleinere Scharmützel zwischen dem DLV und Harting haben ja Tradition. Schon die WM in Osaka hätte der spätere Silbermedaillengewinner beinahe boykottiert. Inzwischen ist die Männerfeindschaft mit DLV-Präsident Clemens Prokop allerdings so fest verwurzelt, dass eine Versöhnung ausgeschlossen zu sein scheint. Fast immer geht es um Hartings Trainer Goldmann, dessen Vertrag auf Grund seiner schattigen Vergangenheit vom DLV zunächst nicht verlängert wurde. Harting sagt: "Prokop hat schon im Winter die Gelegenheit versäumt, sich auf unsere Seite zu stellen." Prokop sagt, er wolle Äußerungen auf diesem Niveau nicht mehr kommentieren. Man darf gespannt sein, ob er das am Donnerstag noch immer so sieht.Harting räumt ein, dass er die Kraft des Wortes manchmal unterschätze. Macht aber nichts: "Alle Fehler, die ich gemacht habe, waren wichtig. Und deshalb auch richtig." Der Mann, der diesen Riesen davon abhält, mit einem Lächeln im Gesicht weiteres Porzellan zu zertrümmern, muss erst noch gefunden werden.------------------------------708 v. Chr. fand der Diskuswurf erstmals als Teil des Fünfkampfes bei den Olympischen Spielen der Antike statt. Geworfen wurde mit einer 5 Kilo schweren Scheibe aus Eisen, Blei, Bronze oder Stein.Foto: Robert gegen den Rest der Welt: Diskuswerfer Harting hat noch nicht verstanden, dass es von einer widerborstigen Imagekampagne bis zum kommunikativen Freitod nur ein kleiner Schritt ist.Foto: Er kann auch anders: Robert Harting präsentiert sich als Maler.