Mehr als 500 Katholiken sind gestern abend zur Kirche "Maria Frieden" in Mariendorf gepilgert. Kardinal Joachim Meisner war zu dieser 100. Wallfahrt extra aus Köln angereist. Maria wird auf einem Flügelaltarbild von Otto Dix zwischen Trümmern und Stacheldraht dargestellt."In Mariendorf will Maria den Berlinern eine Berlinerin sein", sagte Kardinal Meisner in der überfüllten Kirche. Viele alte Menschen und Nonnen sowie geistig und körperlich Behinderte waren zu der heiligen Messe gekommen. Die Kirche dürfe nicht fremd bleiben, sondern müsse Heimat werden, sagte Meisner weiter. "Das ist Berlin unserer Stadt und unserem Volk schuldig.""Die große politische Wende in unserem Land", sagte der Kardinal, "hat ihre tiefen Ursachen vielleicht im abgelegenen Fatima in Portugal." Dort sei kurz vor der russischen Revolution 1917 Maria drei Hirtenkindern erschienen und habe ihnen befohlen, für die Umkehr Rußlands zu beten. "Obwohl damals noch niemand ahnte, daß dort bald das Licht der Religion verlöschen werde." Keine religiöse Wende Er ist davon überzeugt, daß die Gebetsbewegung, die von Fatima ausging, letztlich auch für die politische Wende in Deutschland entscheidend gewesen ist. Leider stehe die religiöse Wende noch aus. "Nur Maria kann unserem Land eine neue Glaubenskultur schenken."Auf Kardinal Meisners Initiative hin, der damals noch Bischof des Bistums Berlin war, hat der Senat 1987 das Flügelbild von Dix für 650 000 Mark erworben und der Kirche als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Seit 7. Januar 1988 findet nun an jedem ersten Donnerstag im Monat eine Wallfahrt nach "Maria Frieden" statt. Wegen des Gründonnerstages wurde sie diesmal vorverlegt.Otto Dix (1891-1969), der von den Nazis als "entarteter Künstler" verfemt war, hat das dreiteilige Bild in französischer Kriegsgefangenschaft gemalt. Bis 1987 galt es als verschollen. Auf dem mittleren Teil des Triptychons sitzt Maria inmitten von Stacheldraht und Trümmern. Der Maler wollte damit seine Situation als Gefangener dokumentieren. Probe für den Papst Aus Anlaß der 100. Wallfahrt nahmen an der Messe auch der Berliner Kardinal Georg Sterzinski, Weihbischof Wolfgang Weider und sieben weitere Priester teil. "Das ist heute wie eine Vor-Generalprobe für den Besuch des Papstes", meinte Meisner im Angesicht der Würdenträger.Traditionell betete er mit den Gläubigen um Frieden in der Welt, die Erneuerung der Kirche und um geistliche Berufungen - schließlich leidet die Kirche unter Nachwuchssorgen für ihre Priesterämter. Die meisten Gläubigen waren gerade wegen dieser Gebete und nicht so sehr wegen des Flügelbildes gekommen. "Als das Bild hierherkam, ist es nicht von allen geliebt worden", sagte der in der Gemeinde aktive Bernhard Scholz (60). Erst nachdem die Mauer gefallen und eingetreten sei, was niemand mehr geglaubt habe, nämlich in einer Stadt ohne Stacheldraht zu leben, hätten es viele liebengelernt. +++