Im Februar 1937 rechtfertigt Theodor W. Adorno seine Kritik an Karl Mannheims Soziologie in einem Brief an Max Horkheimer, der ihm vorgeworfen hatte, zu sanft mit dem Begründer der Wissenssoziologie umgesprungen zu sein: "Prinzipiell scheinen mir Mannheim gegenüber nur zwei Verhaltensweisen möglich. Die eine wäre die des politischen Pamphlets, wie sie etwa von Lenin in ähnlichen Fällen gewählt ist. Sie schied natürlich aus. Verzichtet man aber einmal darauf, Mannheim sogleich mit dem rechten Wort als einen Verräter der Arbeiterklasse und zugleich als Rindvieh zu bezeichnen, so scheint mir nur eine andere Möglichkeit gegeben. Man muss sich dann, angesichts der Gewalt seiner Dummheit, selber dumm stellen; unbeirrt von allem Lachen noch den größten Blödsinn ernst erwägen und sich zwingen, zu beweisen, dass es wirklich Blödsinn ist - die eigentliche polemische Beweislast aber ihm selber aufbürden, d.h. dort, wo man in seiner Qual verstummt, ihn reden lassen und mit einem Zitat vernichten."Adornos berühmte immanente Kritik erscheint hier nicht als eine Technik, die den Gegner erst einmal stark macht, ihn ernst nimmt, weil sie davon ausgeht, dass er ernst zu nehmen ist. Sie ist vielmehr ein Verfahren, das vor allem dazu dient, das Gefühl der eigenen Überlegenheit gleichzeitig zu kultivieren und zu kaschieren. Sie ermöglicht es dem Kritiker, seine Aggressivität zu verbergen, sie verhindert die Identifikation des Publikums mit dem Angegriffenen. Die immanente Kritik ist nicht so sehr Camouflage einer von reaktionären Kräften bedrohten kritischen Vernunft als vielmehr der Paravent, hinter dem eine maßlose Selbstüberschätzung um so ungehemmter über Gerechte und Ungerechte herfallen kann. "Hector Rottweiler" war das damals von Adorno gerne verwendete Pseudonym. Der Illias- und Hundekenner wusste warum. Karl Mannheim, dem Adornos Kritik vorlag, antwortete mit einem Brief, den die exzellenten Herausgeber in den Anmerkungen auszugsweise abdrucken. Darin bemerkt er: "Da es für Sie von vorn herein fest steht, dass konkret nur jene Sozialanalyse ist, die die Schuld vor allem auf die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zurück zu führen imstande ist, ist ihnen jede sonstige Analyse ,formal und abstrakt ." Von der "heimlichen Orthodoxie" der Kritischen Theorie sprach der junge Habermas. Er hatte Recht. Wie orthodox und wie heimlich bis zur Verlogenheit - das macht dieser Briefwechsel deutlich. Er ist ein erschütterndes Zeugnis dafür, wie größte Intelligenz, wachester Verstand und äußerste Sensibilität sich in den Dienst einer Sache stellen können, die an gerade diesen Qualitäten überhaupt keinen Bedarf hat. Man begreift die Kritische Theorie nicht, wenn man sie nicht als eine der Formen des "Verrats der Intellektuellen" erkennt. Der Briefwechsel zwischen ihren beiden Hauptprotagonisten wird auch den energischsten ihrer Verteidiger darüber die Augen öffnen.Es ist nicht nur das Festhalten am Marx schen Klassenbegriff, an der Wertanalyse, am Begriff der Revolution, es ist auch die durchweg positive Haltung zu Lenin und die jede Einsicht in die wirkliche Lage beiseite schiebende Treue zur Sowjetunion, die die kritischen Theoretiker jener Jahre - fast 500 der 600 Seiten des Bandes bringen Briefe aus den Jahren 1936 und 1937 - zu Bilderbuchvertretern jener Intellektuellen machten, die bereit waren, ihre Fertigkeiten in den Dienst einer Sache zu stellen, die, wäre es hart auf hart gekommen, ihnen den Garaus gemacht hätte.Man lese dazu nur, was Horkheimer am 14. November 1936 an Adorno, die Sowjetunion betreffend, schreibt und dessen Replik vom 28.11., in der er bemerkt, "dass mir trotz allem scheint, dass man in der gegenwärtigen, wahrhaft verzweifelten Situation wirklich, sei es auch um den schwersten Preis (und niemand kennt ihn besser als ich!) Disziplin halten soll und nichts publizieren, was Russland zum Schaden ausschlagen kann."Adorno und Horkheimer hatten mit den Kommunisten fast nichts zu tun, waren keinesfalls - auch nicht ökonomisch - abhängig von ihnen. Adorno ging jedes Jahr mehrmals aus seinem Exil in Oxford zurück nach Hitlerdeutschland - "geschäftlich scheint es übrigens nach wie vor zuhause recht gut zu gehen", erklärt er am 30.10.1936, "habe in Berlin eine sehr hübsche Zeit gehabt", schreibt er am 21.1.1937. Sie unterwarfen sich freiwillig dem neuen Glauben. Das ging einher mit der größten Arroganz, mit dem stolzen Gefühl absoluter Überlegenheit. Nicht nur gegenüber den "Feinden", sondern auch gegenüber den Mitkämpfern. Über Herbert Marcuse etwa schreibt Adorno am 13. Mai 1935: "Es wird Sie nicht wundernehmen, wenn es mich traurig macht, dass Sie philosophisch unmittelbar mit einem Mann arbeiten, den ich schließlich für einen durch Judentum verhinderten Faschisten halte; denn weder konnte er sich über Herrn Heidegger Illusionen machen, dem er laut dem Vorwort des Hegelbuches alles zu verdanken hat, noch etwa über seinen Verleger, Herrn Klostermann aus dem Tatkreis." Adornos "denn" macht an dieser Stelle auch aus seinem begeistertsten Schüler einen erschrockenen Kritiker. Es war dann ja aus dem Kreis der Kritischen Theorie auch Marcuse, der die energischste Kritik am Sowjetmarxismus formulierte. Der Briefwechsel gibt keine Antwort auf die Frage nach dem Warum des Verrats der Intellektuellen. Man schaut nur einigen der Protagonisten beim Verrat zu. Die kommenden Bände werden davon handeln, wie sie sich langsam aus dieser Position befreiten, um 1968 ihren Schülern gegenüber zu stehen, die ihnen eben jenen Klassenverrat vorwarfen, mit dem sie, als sie Anfang Dreißig waren, Karl Mannheim konfrontiert hatten. Adorno betrachtete sich inzwischen freilich als einen der vom jungen Marx so heftig geschmähten "kritischen Kritiker". In diesem ersten Band aber haben wir es mit Doktrinären zu tun, denen Karl Mannheim ganz zu Recht schrieb: "Da Sie sehr streng zu mir sind, werden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich Ihnen ganz offen sage, dass Dialektik ohne Kausalforschung, Generalisierung ohne bewusst gemachte Grundbegriffe in eine Art Rechtferigungsdenken versinken wird, das, wenn es noch so kompliziert wird, immer auf das einfache Schema zurück zu führen sein wird: Hier ist diese oder jene kapitalistische Tatsache gegeben, es werde deduktiv gezeigt, dass sie infolge der Existenz von Ausbeutung, Verdinglichung, schlecht ist, und so bald diese verschwinden werden, sie wieder gut sein wird. Wenn man das auf diese Weise weiter macht, kommt keine Wissenschaft zustande, sondern eine kontinuierliche Selbstbefriedigung des Erlöserkomplexes, wonach der Kritiker brav und heroisch ist, nur weil er das Wort Dialektik ausspricht und der andere es nicht tut."Theodor W. Adorno, Max Horkheimer: Briefwechsel 1927-1969. Band 1: 1927-1937. Hrsg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 608 S. , 44,90 Euro.AP 13. August 1969: Max Horkheimer (3. v. r. ) beim Begräbnis Theodor W. Adornos.

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