Drei Mobiltelefone und sieben Paar Schuhe hat er im Gepäck für seinen Kurzbesuch in Berlin. Dr. Don Pedro Agbonifo-Obaseki ist ein Multitalent. Als Tänzer, Sänger, Radio-DJ und Schauspieler spielte er in sehr vielen Filmen mit. Von ihm geschriebene und inszenierte Theaterstücke tourten auf Festivals von London bis New York. Seit einigen Jahren betreibt er eine eigene Fernsehstation, die über Satellit von Lagos aus in die ganze Welt sendet. Gerade hat er sechs alte Kinos in Lagos gekauft, die er zu Multiplexkinos für Digitalfilme umrüsten will. Eine Menge davon produziert er selbst. Und seit seinem Aufenthalt in Berlin anlässlich der Vorführung des Dokumentarfilms von Dorothee Wenner über "Nollywood", die boomende Filmindustrie Nigerias, befasst er sich mit der Idee, für die chaotische Megalopolis Lagos ein öffentliches Verkehrssystem aus Straßenbahnen und Schiffen zu entwickeln. Vielleicht geht er demnächst in die Politik? Wundern würde einen nichts bei diesem vor Energie berstenden Charmeur.Sie haben einen lustigen Namen. Don Pedro klingt eher spanisch als nigerianisch. Woher kommt der?Bei meiner Geburt studierte mein Vater in Wales und hatte einen spanischen Zimmergenossen, der Pedro hieß. Der gab ihm das Telegramm, in dem stand, dass meine Mutter in Nigeria mich geboren hat. Pedro bedeutet Peter, der Fels, mein Vater meinte wohl, dass ich das sei.Und Sie können sich damit identifizieren, ein Fels zu sein?Ich bin sehr stark und beharrlich. Weil ich ein vergleichsweise ziemlich kleiner Mann bin, versuche ich, so groß wie möglich zu sein, der beste, in dem, was ich tue.Ihre Biografie sieht schon sehr beeindruckend aus. Wie schaffen Sie das alles zugleich?Ich versuche, alles wie ein Buchhalter zu organisieren. Alles hat seine Zeit und seinen Raum. Der Künstler ist eine andere Person als der Universitätsprofessor und als der Geschäftsmann. Jedem widme ich eine eigene Energie, ich versuche, alle drei Personen parallel zu sein. Ich hoffe, diese Aufsplittung führt nicht irgendwann zu einer Persönlichkeitsstörung.Fangen wir mal mit dem Künstler in Ihnen an. Sie sind Tänzer, Performer, Autor von Theaterstücken...Ich möchte der vollkommene Künstler sein. Schon als Kind habe ich in Nachbarschaftswettbewerben getanzt, ich liebe Musik, und Tanz ist die Antwort auf Rhythmus (schnalzt). Ich schreibe nicht, weil ich das will, sondern weil ich so veranlagt bin. Ich bin ruhelos, ich will verstehen, was in meinem Kopf vorgeht, Träume, Vorstellungen, Halluzinationen, positiv oder negativ, das ist ganz nah beieinander. Als ich zwölf war, habe ich einen Aufsatz für einen landesweiten Wettbewerb eingereicht, der als brillant galt. Mit 14 schrieb ich meinen ersten Roman, der veröffentlicht und seinerzeit recht populär wurde. Aber spannender als meine Subjektivität auszudrücken, fand ich, anderen Leuten Worte in den Mund zu legen, also fing ich mit Stücken an. Für mich selbst kann ich leichter in Gedichten sprechen, aber für mehrere Figuren besser in Form von Dramen. In den letzten fünf Jahren habe ich nichts Starkes oder Wesentliches geschrieben, nur Skripte fürs Fernsehen und Filme. Das ist Lohnarbeit, eher Pulp Fiction als Kunst. Im Hinterkopf habe ich ein paar abstrakte Ideen, die mit Worten ausgemalt werden müssten.Auch die Nollywood-Filme gelten ja eher als Pulp, mehr als Seifenopern denn als Kunst.Je mehr ich herumreise, desto besser kann ich diesen Vorwurf nachvollziehen. Aber diese Kritik missversteht den kulturellen Hintergrund unserer Filme. Das ist wie mit den Japanern: Sie sollten niedere Kameraeinstellungen vorziehen, einfach weil die Leute dort meist auf dem Boden sitzen. Der Afrikaner ist traditionell ein Geschichtenerzähler. Da steht ein Mann in der Mitte und die Zuhörer im Kreis um ihn herum. Er wählt dazu lieber Worte als Bilder. So sind auch unsere Filme, ein bisschen soapie, ziemlich langsam und voller Worte, Worte, zu vieler Worte. So war das schon immer. Wir haben sieben oder acht Arten, etwas zu beschreiben, man findet wenig genau zugeschnittene Wörter, wir sprechen sehr blumig, bildhaft, idiomatisch und figurativ.Das ist doch sehr literarisch.Ja, die Sprachlastigkeit unserer Filme geht auf die orale Natur der afrikanischen Dichtung zurück. Was die Trivialität angeht: Viele Afrikaner, und besonders die Nigerianer, wollen sich gerne selbst im Kino sehen. Ich persönlich finde, Kunst sollte nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft sein. Aber es stimmt schon, viele Filme, die aus meiner Produktion stammen, reproduzieren die Sehnsucht nach großen Häusern, dicken Autos, einer schicken Szenerie...Das ist der Grund für Ihren Erfolg. Sie zeigen ein schönes Wunschbild des afrikanischen Alltags.Sehen Sie, das afrikanische Umfeld wird von den angloamerikanischen Medien immer nur negativ abgebildet. Illegale Einwanderung, Kinderhandel, Waffen, Drogen, Korruption... Unsere Filme zeigen ein positives Bild, sie erzählen afrikanische Geschichten ohne Referenzen zu den negativen Seiten. Es ist einfach eine gute Erfahrung, wenn man bislang nur indische, chinesische, amerikanische Filme gesehen hat, und dann treten plötzlich Leute auf, die wie du sind, wie du reden, wie du fühlen und in einem normalen Dorf oder einer Stadt wie deiner leben. Wenn ein Afrikaner irgendwo in der Welt ein Nollywood-Homevideo kauft, ist das die direkteste oder billigste Anrufung von Zuhause. Nollywood ist die afrikanische Antwort auf die negative Repräsentation durch ausländische Medien. Und Thriller über Gewalt und Verbrechen und Problemfilme gibt es inzwischen natürlich auch von uns. Aber - wir feiern das Verbrechen nicht. Am Ende siegt immer das Gute.Aha, und der Böse wird bestraft. Ist das eine Art moralische Erziehung?Wir sind eine sehr moralische Gesellschaft mit festen, tadellosen Werten. Wir stellen die nicht besonders hervor, sie sind einfach da. Wenn jemand von der Norm abweicht, ist jeder verärgert. Filme über Homosexuelle zum Beispiel sind ziemlich selten. Es gibt dafür viele über Religiosität.Stimmt es, dass der Nollywood-Filmboom ursprünglich von den Kirchen ausgelöst wurde?Nein, das ist ein Irrtum. Die Geschichte Nollywoods begann eher durch Zufall als durch Planung. Die Kirchen stiegen erst ein, als sie merkten, dass die Homevideo-Industrie eine Massenplattform darstellte, mit der man sehr viele Menschen erreichen kann. Es gab bereits ein nigerianisches Film-Environment, ich möchte es nicht Industrie nennen, das noch auf Zelluloid, auf Super-8, basierte. Aber 1978/79 verabschiedete die alte Militär-Verwaltung des späteren, inzwischen abgedankten Präsidenten Obasanjo das Gesetz zur Nationalisierung, das sich zunächst gegen das Apartheid-Südafrika von Pieter Botha richtete. Alle multinationalen Unternehmen, die mit Südafrika Geschäftsbeziehungen hatten, mussten diese entweder abbrechen oder sich aus Nigeria zurückziehen. British Petroleum wurde zu African Petroleum, Standard Bank wurde zu First Bank, Barcleys Bank zu Union Bank. Diese Nationalisierungspolitik betraf auch die Filmindustrie. Die 35 Kinos, die es damals in Lagos gab, wurden von Libanesen betrieben, und die importierten amerikanische, indische und Hongkong-Filme. Nun sollte ein Viertel aus Nigeria kommen, aber das schaffte man nicht. Parallel zum Übergang zu einer Zivilregierung 1979 etablierten die 16 föderalen Staaten ihre eigenen regionalen Fernsehstationen. Zeitgleich gab es die Ölrezession, der Naira (die nigerianische Währung) fiel von einem je Dollar auf 39 je Dollar. 1983/85 gab es eine Marktöffnung, was die Sender betraf. Universitäten bildeten Schauspieler und Regisseure aus, die dann ihre Serien und Seifenopern produzierten. Diese sehr populären Telenovelas eröffneten neue Sichtweisen und Ausdrucksformen für die Jugend. Ende der 80er Jahre bekamen diese jungen Filmproduzenten Probleme mit dem staatlichen Fernsehen NTA. Ihre Soapies flogen aus den Programmen. Aber inzwischen gab es eine Menge professioneller Darsteller und Regisseure. Zur gleichen Zeit geschah aber auch eine Metamorphose in technischer Hinsicht: Video! Der Heimvideorekorder war erschwinglich geworden. Dieselben Leute, die vorher fürs nationale Fernsehen Serien gedreht hatten, produzierten diese nun auf VHS-Kassetten und brachten diese direkt unter die Leute. Das war der Beginn der Nollywood-Industrie.Warum waren die Produzenten denn in Schwierigkeiten mit dem Staatsfernsehen geraten?Es war weniger ein inhaltlicher Konflikt als einer über das Eigentum und die Verwertungsrechte. Gehörten die Sendungen den unabhängigen Produzenten oder den Sendern? Im Grunde war es ein von Gott gesandtes Problem, ein glückliches Treffen der Umstände. Der ehemalige Fernsehproduzent, der jetzt auf Video produzierte, der Händler von Video-Rekordern und leeren Tapes und der Straßenverkäufer von bespielten Videokassetten schlossen sich zusammen, damit jeder mehr Geld verdienen kann. Und die TV-Stars aus den Serien migrierten auch zum Video. Das brachte wiederum die Kinos in Schwierigkeiten, sie wurden überflüssig, denn die aktuellen Storys wurden mit Amateurkameras gedreht und die VHS-Kassetten zu Hause geguckt. Es gab noch nicht die digitalen Kameras von heute.Inzwischen aber haben Sie viele private Fernsehsender...Stimmt, und im Februar 1995 gründete ich die erste davon. Wir begannen mit 18 Stunden täglich, von 6 bis 24 Uhr. Jetzt haben wir allein in Lagos zehn Privatsender neben dem staatlichen Fernsehen, landesweit um die 25.Was ist das Profil Ihres Senders, wie unterscheidet er sich von den anderen?Es ist ein Satellitenkanal, anders als lokale Sender ist er weltweit zu empfangen, und unsere Zielgruppe sind Afrikaner in der Diaspora. Unser Konzept ist: strikt afrikanische Unterhaltung und Inhalte. Was wir präsentieren, soll den afrikanischen Zuschauer stolz machen.Ist das eine Mission - "Say it loud, I'm black, I'm proud"?Ja, das ist vielleicht ein Grund, weshalb ich nicht im Westen leben könnte. Man schätzt nur, was man nicht jeden Tag hat. Ich glaube, die Afrikaner spielen in der Weltpolitik eine total untergeordnete Rolle. Aber Fakt ist, dass Afrika der zweitgrößte expandierende Markt der Welt ist. Man sollte mit uns reden - aber vor allem müssten wir untereinander reden. Die Entwicklung muss dahin gehen, dass alle klugen Köpfe Afrikas nach Hause gehen können und wollen, noch besser: zu Hause bleiben und sich überlegen, wie sie den Kontinent nach vorne bringen. Wer hat denn Vorteile davon, dass solche Figuren wie Mugabe immer noch am Ruder sind? Wenn die Probleme nicht blieben, könnten die G8 Staaten keinen Schuldenerlass verkünden... Ich will nicht, dass mir etwas erlassen wird. Gib mir keinen Fisch, lehre mich zu fischen.Jetzt hören Sie sich an wie ein Botschafter Afrikas.Nein nein, ich bin ein kultureller Gladiator. Überall in der Welt versuche ich, es meinen Leuten ins Gehirn zu hämmern: Wir sind Meinungsführer! Einen Film nur um des Film willens zu machen, ist nicht gut genug. Wenn ich eine Kamera auf die Straße stelle, um zu zeigen, wie die Leute angezogen sind, reicht mir das nicht. Ich will herausfinden, warum sind sie so angezogen und was geschehen muss oder was man tun kann, damit sie bessere Menschen werden. Denn das müssen wir: verantwortlicher werden für die Misere der Menschheit. Ich habe kein Problem mit Kriegen, die werden immer weitergehen. Die Geschichte Europas ist eine der Kriege, aber nach alledem ist Europa heute ein besserer Platz zu leben. Mir kommt Deutschland vor wie das Paradies. Wenn du dich als Deutscher über die Zustände in Deutschland beschwerst - komm zu uns! Die Nollywood-Filme können über die Unterhaltung zu einer mentalen Kolonisierung beitragen und die politische Agenda der Nation vorwärts treiben. Die Hälfte der Ehrfurcht vor Amerika wird über amerikanische Filme vermittelt. Passiert ein Verbrechen, ist im nächsten Moment die Polizei zur Stelle. Das ist nicht in Wirklichkeit so, aber im Film, und deshalb glauben wir es.Meinen Sie, der nigerianische Film kann zur Dekolonisierung beitragen?Nein, ich meine "kolonisieren". Vielleicht ist das zu krass ausgedrückt. Unsere Filme können den Afrikanern helfen, sich selbst in einem neuen Licht zu sehen. Man könnte einwenden, dass er sich in einem nigerianischen Licht sieht. Ich habe damit kein Problem. Wenn ich einen Birmesen sehe, denke ich auch, er ist ein Chinese, einen Pakistani oder Bangladeshi bezeichne ich als Inder. Wenn du also einen Ghanaesen oder Guayanesen als Nigerianer bezeichnest, ist das auch okay. Tatsächlich ist Ghana für uns so etwas wie ein Bruder, wir verbringen unsere Ferien dort, wir heiraten ihre Frauen, und wenn ich Ghana nicht in meinen Geschäftsplan einbeziehe, stimmt etwas nicht.Sie haben über Bertolt Brecht gearbeitet. Was bedeutet er für Sie?Ich liebe Brecht. Die Examensarbeit für meinen ersten Universitätsabschluss hieß "Brechts Einfluss auf die nigerianischen Dramatiker". Wenn man als ein Stückeschreiber fürs Theater beginnt, sucht man nach einer Orientierung, einem Zuhause. Ich bewegte mich zwischen den Vorbildern der Avantgarde wie Luigi Pirandello, Sartre, Beckett, Ionesco und Brecht. Die Überraschung für mich war: Brecht schrieb wie ein Afrikaner. Der Verfremdungseffekt, die Art der Geschichtenerzählung, die direkte Ansprache des Publikums, Drama durch Präsentation und nicht Repräsentation, das alles ist sehr afrikanisch. Der Kaukasische Kreidekreis ist strukturiert wie eine afrikanische Geschichte, auch wenn es ursprünglich auf eine chinesische Geschichte zurückgeht. Es gibt den Sänger, das ist bei uns der Griot, der Vorsänger, und die Gemeinschaft spielt die Geschichte aus. Die Avantgardisten wie Beckett exerzieren abstrakte Gedankenspiele durch. Bei "Warten auf Godot" oder "Endspiel" hatte ich den Eindruck, der Mann traut sich nicht zu sagen, worum es geht. Brecht dagegen spricht unmittelbar zu den gewöhnlichen Menschen, direkt, realistisch, und er öffnet ihnen einen Zugang zur Dialektik. Gefühle benebeln den Verstand. Je mehr ich von Brecht kennen lernte, besonders die kurzen Stücke, desto mehr verstand ich, warum afrikanische Schriftsteller so schreiben, wie sie schreiben. Brecht, so könnte man sagen, ist überhaupt der erste afrikanische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der "Kreidekreis" war für mich eine Epiphanie, ein Meisterwerk, es ist für mich das perfekte Kunstwerk. Ich kann mich völlig damit identifizieren. Auch die kollektive Arbeitsweise seines Ensembles mit Helene Weigel, das ist wie bei uns. Als er Mutter Courage schrieb, war die Weigel in seinem Hinterkopf. Das machen wir genauso, wir schreiben Rollen für konkrete Darsteller, Stücke für unseren inneren "Kreidekreis". Und er schreibt über Themen, die uns angehen. Ihr Deutschen von heute kennt den Krieg nicht mehr, aber wir hier schon. Und Mutter Courage gibt es bei uns immer noch, im Niger-Delta, wo ich herkomme, in Liberia, in Somalia, in jedem Dorf gibt es eine Mutter Courage, die jeden Tag überleben und für ihre Kinder kämpfen muss. Und die Fragen des Materialismus sind ohnehin sehr gegenwärtig in der Wirklichkeit von Nigeria. Außerdem liebe ich Brecht, weil er ein Raucher war.Sie haben ein Zwei-Personen-Stück geschrieben, das auf Theaterfestivals in London und Kairo aufgeführt wurde.Es handelt von Selbstmord. Ich schrieb es, nachdem ich 1994 im Gefängnis gewesen war.Wieso und wie lange waren Sie da?Vier Monate. Ich war für eine Menschenrechtsbewegung engagiert, wir demonstrierten gegen die Regierung, die Diktatur von Sani Abacha, ich war ein Gewerkschaftsführer. Da war ich 26 Jahre alt. Als ich rauskam, beging ein Mann vor meinen Augen Selbstmord. Er sprang von einer dieser Fußgängerbrücken. Ich habe mich gefragt, warum hat er sich nicht zu Hause umgebracht? Wieso öffentlich, wieso mitten in der Stadt? Vielleicht, so dachte ich mir, war das sein stiller Protest gegen die Nation? Darum geht es in meinem Stück. Eigentlich war es eine schwarze Komödie, wie bei Beckett, wo die Personen endlos über ihren seelischen Tod und die Sinnlosigkeit des Lebens herumgrübeln, aber sich vor der letzten Konsequenz fürchten. Auch bei mir geht es darum, dass derjenige, der auf die Brücke geht, sich nicht traut zu springen, und der Augenzeuge ihn möglicherweise am Ende hinuntergestoßen hat. Vielleicht hat er darauf gewartet, dass ihn einer schubst? Das gehört nicht zur Filmwelt, das ist der abgesplitterte Teil des Künstlers in mir.Sie bewegen sich mehr und mehr weg vom Künstler und hin zum Geschäftsmann, zum Manager.Das wird mir aufgenötigt durch eine Art kollektiven Bedarfs. Wir befinden uns an einer Kreuzung, an einer Verkehrsampel, und du denkst, es könnte in die total falsche Richtung gehen. Jetzt kommt es darauf an, die Strukturen für die richtige Entwicklung zu legen. Ich meine ökonomische Strukturen, das können sogar Investitionen in Grundbesitz, in Firmengelände, in Produktionsmittel, in Vertriebsunternehmen sein. Es geht darum, die richtigen Strukturen für eine Professionalisierung der Nollywood-Filme zu schaffen. Nollywood ist eine Industrie geworden, es sind Tausende von Leuten darin beschäftigt.Wie viele Filme werden pro Jahr in Nollywood gedreht?Früher waren es mal bis zu 2 000. Inzwischen um die 15 pro Monat, dank staatlicher Restriktionen mit abnehmender Tendenz auf etwa 10 pro Monat. Das ist okay für jetzt. Die Leute können Geld verdienen, und die einzelnen Filme werden besser. Man kann aus den Erträgen in die nächsten Produktionen investieren. Seit 2004 kommen wir zur Berlinale, einige von uns nehmen am Talentcampus teil, wo man Ideen mit anderen Filmemachern austauscht. Seitdem werden unsere Filme technisch besser, die Drehbücher auch, wir entwickeln uns vorwärts, sodass wir hoffentlich bald auch international konkurrieren können. Wir schreiben und produzieren unsere Filme nicht mehr allein für den afrikanischen Markt. Es gelingen uns inzwischen Filme mit höherer Qualität, aber wir behalten das Video-Format bei, das ja selbst einen riesigen technischen Fortschritt gemacht hat.Ist die Anarchie des Beginns nun also vorüber?Sie nimmt ab. Die Regierung gibt inzwischen striktere Regeln vor. Es kann nicht mehr jeder daherkommen und einfach einen Film produzieren. Er kann schon noch, aber damit sein Film öffentlich gezeigt und verkauft werden kann, muss er ein gewisses Minimum an Standards erfüllen. Es gibt inzwischen eine nigerianische Film- und Medien-Zensurbehörde, die auch darauf achtet, dass keine ethnischen und religiösen Gruppen verletzt werden. Damit keine sozialen Implosionen ausgelöst werden. Außerdem versucht man, die Raubkopiererei einzudämmen.Hat nicht die Piraterie der Raubkopien zum Boom beigetragen?Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, unsere Filmindustrie hätte sehr unter lokalen Raubkopien gelitten. Aber wie soll man die grenzüberschreitende Piraterie verhindern? Wir haben keine Exportregelungen, die unsere Produktionen schützen würden. Aber bei uns leidet beispielsweise eher die amerikanische Filmindustrie durch Raubkopien. Ein Film aus den USA kostet legal etwa 20 Euro. Dagegen sind die Nollywood-DVDs billig, für zwei Euro bekommt man einen lokalen Film legal, das können sich die Leute gerade leisten, und die Gewinnmargen bei Raubkopien sind gering.Was ist Ihr nächster großer Plan?Das klassische Kino wiederbeleben! Ich will sechs verwahrloste große Kinos in Lagos zu digitalen Multiplexen ausbauen lassen, mit Kino-Atmosphäre, Popcorn und so. Und dann afrikanische Filme für Afrikaner zeigen. Und ab und zu, wenn er synchronisiert ist, vielleicht sogar auch mal einen deutschen.------------------------------Don Pedro Agbonifo-ObasekiDer Theaterwissenschaftler schrieb seine Examensarbeit über den Einfluss von Bertolt Brecht auf die nigerianischen Dramatiker. Er hat an den Universitäten von Benin, Kopenhagen und Manhattan unterrichtet und selbst Gedichte, Theaterstücke und viele Drehbücher verfasst.Der Besitzer eines Satelliten-Fernsehsenders hat über 15 Filme produziert. Für den ORB drehte er den Dokumentarfilm "Oshogbo and Adunni Olorisha Susanne Wenger". Er ist Präsident der Kooperative nigerianischer Filmemacher und Berater in vielen Gremien von Washington über New York bis Las Vegas.Der 41-Jährige ist mit der Radiomoderatorin Uchenna Obaseki verheiratet und hat zwei Töchter, Eki und Osayame.