BERLIN, 13. Oktober. Uta Pippig ist nur der vorerst letzte Name in der langen Reihe dopingüberführter Spitzensportler. Sie beteuert ihre Unschuld, und sie weiß doch, daß sie auch damit nicht aus dem Rahmen fällt. In ihrem Urin wurde zuviel Stoff des gentechnisch hergestellten und somit von außen zugeführten männlichen Sexualhormons Testosteron nachgewiesen. Testosteron steigert die Leistung und verbessert die Wiederherstellung der Systeme nach hartem Training sein Einsatz macht auch im Marathon Sinn.Als der Heidelberger Wurftrainer Werner Heger angesichts der verschärften deutschen Trainingskontrollen einmal spottete, "ein bißchen Testo geht noch", wollte er den Unterschied zu den stärker wirkenden Anabolika herausarbeiten. Testosteron macht nicht so viel her, kann aber schon sechs Stunden nach seiner Einnahme für die Probe unsichtbar gemacht werden. Der Sportler kann nur auf frischer Tat ertappt werden.Franke: Quarantäne-TestUta Pippig argumentiert, sie habe nach 15 Jahren die Antibabypille abgesetzt, da sei in ihrem Hormonhaushalt einiges auf desaströse Weise durcheinandergeraten. Der Zellbiologe und Krebsforscher Werner Franke, ein unabhängiger Dopingexperte, schlägt ihr nun etwas sehr Einleuchtendes vor: "Das erste Gesetz lautet in diesem Fall: Wiederholung. Sie kann sagen: Ich unterwerfe mich unter absoluter Quarantäne dem Test. " Das wäre ein großer Schritt nach vorn. Vielleicht hat die Medizinstudentin diese Möglichkeit bisher nur übersehen.Uta Pippig behauptet unermüdlich, einer Marathonläuferin bringe das Testosterondoping gar nichts. In der ewigen Weltrangliste tauchen unter den ersten zwanzig jedoch zwei bereits des Dopings überführte Rennerinnen auf, die Russin Madina Biktagiowa und die Tschechin Alena Peterkova. Im Urin der deutschen Läuferin Iris Biba (TV Gelnhausen) wurde während eines Trainingslagers im April 1992 (auch im April, wie bei Pippig!) das Anabolikum Stanazolol nachgewiesen. Biba wurde bis Dezember 1995 gesperrt.Wie groß die Dunkelziffer der dopenden, aber nicht erwischten Marathonläufer ist, weiß niemand. So zitierte der "Spiegel" im August aus der Stasiakte des Sportarztes Hans-Jürgen Schmid (alias IM "Gloria"), der seinem Führungsoffizier einst vom angeblichen Doping der Leipzigerin Katrin Dörre berichtet hatte. In den Unterlagen der DDR-Chefdoper wird auch der zweifache Olympiasieger Waldemar Cierpinski belastet. Mit diesen Informationen ausgerüstet will Frank Shorter (USA) seine 1976 entgangene Goldmedaille einklagen.Saisonplanung MittelstreckeNun scheint Uta Pippig plötzlich auch zu verdrängen, daß sie in diesem Sommer überhaupt nicht auf die 42,195 km gehen wollte. Vielmehr plante sie Bahnrennen mit Distanzen von 1 500 m bis 5 000 m. Auf den kürzeren Strecken nun finden sich überführte Doperinnen sehr viel zahlreicher als im Marathon. Acht sind es allein in der 1 500-m-Liste der 50 Besten aller Zeiten. Man denke nur an die "Ma-Armee", die Wunderläuferinnen des chinesischen Trainers Ma Junren, die 1993 in Stuttgart WM-Titel absahnten und später sämtliche Mittelstrekken-Weltrekorde pulverisierten. Vorbei der Spuk.Wie einen letzten Trumpf spielt Uta Pippig die Meldung aus, daß der Nachweis von körperfremdem Testosteron durch die Isotopenmethode vom IOC noch nicht zugelassen sei. Gleichwohl wurde diese Methode bei den Winterspielen in Nagano angewandt. Auch Kugelstoß-Olympiasieger Randy Barnes (USA) wurde 1998 damit als Doper überführt. Inzwischen hat der Wiederholungstäter seine lebenslange Sperre angenommen.Uta Pippig hofft nun, daß der Rechtsausschuß des DLV die drohende zweijährige Sperre abwendet. Die Aussichten tendieren allerdings gegen Null.