Der Heidelberger Professor Werner W. Franke (Foto links). Abteilungsleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum, hat im Auftrag des Deutschen Bundestages die Expertise zur "Funktion und Insitrumentalisierung des Sports in der DDR" mit dem Thema "Pharmakologische Manipulationen und die Rolle der wissenschaft" erstellt. Der Wissenschaftler, der seit 25 Jahren seine Frau und Buchautorin Brigitte Berendonk ("Doping -- Von der Forschung zum BetrUg", 1992. rororo-Taschenbuch), in ihrem Kampf gegen das internationale Doping -- gleichermaßen in der früheren BRD als auch der ehemaligen DDR -- unterstützt. stieß dabei u. a. auch auf den Stasi-Informanten "IM Technik", den er als Dr. Manfred Höppner, Direktor des Sportmedizinischen Dienstes (SMD) der DDR. identifizierte.Nachdem Franke und Berendonk sich in Sachen Doping nunmehr schon in sechs Gerichtsverfahren durchgesetzt haben (zuletzt im "Lügen-Prozeß" gegen Heike Drechsler) und in weiteren sieben Fällen durch Anzeigen Straftataufklärung und auch -verurteilung erreicht haben (zuletzt etwa gegen die früheren Leichtathletik-Bundestrainer der BRD Jochen Spilker wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetzt und Karl-Heinz Steinmetz wegen Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung zum Betrug von Dopingkontrollen. sowie den Deutschen Kugelstoßmeister Kalman Konya. der wegen Meineides sogar zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde), veröffentlicht Professor Franke in dieser Serie der Berliner Zeitung zum erstenmal in großem Umfang seine Doping-Erkenntnisse.Nichts wollten die DDR-Verantwortlichen so sehr verhindern wie das Bekanntwerden von gesundheitlichen Schadensfällen von gedopten Sportlern. Man befürchtete, daß dadurch nicht nur im In- sondern auch im Ausland der Umfang und die staatliche Organisation dieser Manipulation offenbar wurden.Wenn Schadensfälle auftraten, bemühten sich Sportverbände, Sportmedizinischer Dienst (SMD) und Stasi mit allen Mitteln, diese zu bestreiten, herunterzuspielen, zu vertuschen, unter Schweigepflicht zu stellen oder sogar Beweismittel wie Krankenakten zu beschlagnahmen.Im Frühjahr 1977 war man besonders nervös, was~lie Geheimhaltung des Staats-Doping anging, noch Monate bevor die von Dr. Hans-Joachim Wendler zusätzlich mit Nandrolondecanoat ("Depot-Turinabol" des VEB Jenapharm) gespritzte Dynamo-Kugelstoßerin Ilona Slupianek bei einer internationalen Dopingkontrolle in Helsinki erwischt wurde.Weltweit war damals der DDRSport ins Gerede gekommen. Vor allem die tiefen Stimmen der muskelbepackten DDR-Schwimmerinnen. die 1976 bei den Olympischen Spielen zwölf von 13 möglichen Goldmedaillen gewonnen hatten. Außerdem hatten republlkfluchtige (Stasikürzel: "rf.") "Sportverräter" wie der Geräteturner Wolfgang Thüne (Vizeweltmeister am Reck) und der aus Halle gekommene SMD-Medlzlner Dr. Alois Mader Im Westen von den Anabolika-Bräuchen der DDR-Sportler berichtet.Und schließlich gab es im Frühjahr 1977 in der BRD Doping-Enthüllungen westdeuscher Sportler und heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit -- mit gezielten Vorwürfen gegen westdeutsche Sportmediziner, allen voran die Freiburger Professoren Jaseph Keul und Armin Klümper.Diese öffentlichen Diskussionen im West-Fernsehen wurden auch in der DDR verfolgt, und es kamen unbequeme Fragen auf, vor allem von Eltern. Unruhig gab daher das MfS am 26.4. an ihren -- nun auch operativ Im Westen wirkenden -- "IMV Technik" Dr. Manfred Höppner den speziellen Erkundungsauftrag bei einem Treffen der Vereinigung der Olymplaarzte in Italien:"Seitens der BRD ist Prof. Dr. Keul Mitglied ... und wurde erneut für eine Kandidatur vorgeschlagen. Aus vergangenen Auslandseinsätzen des IMV bestehen zu diesem gute Verbindungen. Beide unterhalten ein Duz-Verhältnis. Unter Ausnutzung dieses Umstandes erhielt der IM ., den Auftrag, ausgehend von den Sendungen im BRD-Fernsehen über die Anwendung von Anabolika im Leistungssport durch Gespräche mit Keul in Erfahrung zu bringen, wer die tatsächlichen Initiatoren dieser Sendung waren und in wessen Auftrag die ehemalige DDR-Bürgerin und Lelstungssportlerln Berendonk aufgetreten ist. Des weiteren muß der IM ., über Prof. Keul weitere Informationen zu Dr. Mader und dessen gegenwärtige Stellung sowie zum Persönlichkeitsbiid des Dr. Donlke IMV erarbeiten."Ausgerechnet in dieser kritischen Zeit gab es aber auch in der DDR schwere Doping-Schadensfälle, darunter auch Leberschäden. So etwa den Leipziger Leichtathleten Hubert Grabsch, der wegen eines durch Anabolika-Konsumes hervorgerufenen Leberkornas in das Krankenhaus Erlabrunn eingeliefert wurde.Der Kugelstoßer Grabsch, der damals -- 1977 -- unter Oral-Turinabol gerade seine Bestleistung von 17,52 m auf 18,32 m in der Halle gesteigert hatte, überstand die lebensbedrohende Krise und wohnt heute in Bad Dübe. Seine Leber hat sich merkbar erholt: "Ich ... spüre manchmal meine Leber, verzichte aber auf jeden Tropfen Alkohol."Tumore durch AnabolikaFunktionsstörungen der Leber sind nach Anabolika-Mißbrauch häufig. Unter seltenen Umständen können sogar Gewebeentartungen und Tumore entstehen, während mittelschwere Leberschäden nicht selten sind, oft erst nach Karriere-Ende bemerkt werden.Am 17.12 1984 berichtete Höppner:"Durch den IMB wurden entsprechend einer Vereinbarung mit dem VP-Krankenhaus zehn Leistungssportler zur Durchführung umfangreicher Untersuchungen stationär eingewiesen. Im Ergebnis muß eingeschätzt werden, daß aufgrund des zunehmenden Alkoholverbrauchs durch Leistungssportler in Verbindung mit der Einnahme von Anabolika Leberschäden, u. a. durch erhebliche Vergrößerung der Leber, eintreten. Bei weiblichen Athleten werden diese Auswirkungen noch zusätzlich durch die "Pille" gefördert.Bei zwei von den untersuchten zehn Athleten wurden bereits Leberschäden In einem solchen Stadium festgestellt, daß ein weiterer Verbleib Im Leistungssport nicht zu verantworten Ist. Es handelt sich dabei um den Gewichtheber Wyzuwa aus Meißen und den Hammerwerfer Günter Rodehau aus Dresden."So ziehen sich die Berichte über die Leberschäden von Sportlern -- von DDR-Sportmedlzlnern mitzuverantworten -- durch die Stasi-Akten des "IM Technik.Die Komplikationen führten sogar bis zum Tode. So starb 1993 im Alter von 35 Jahren Dynamo-Hammerwerfer Detlev Gerstenberg, dessen Leber zirrhotlsch wurde, da sie offensichtlich -- wie von Höppner für andere Sportler besprochen -- die Doppel-Belastung durch anabole Steroide und Alkohol nicht aushielt. An Gerstenbergs Grab gab der Berliner Spitzen-Hammerwerfer, Roland Steuk, "TV-Direkt" das folgende Fernseh-Kurzinterview:Frage: "War es Usus, daß Anabollka genommen wurden?"Steuk (zögerlich): "Sagen wir mal, es war verbreitet. Ob es Usus war, weiß ich nicht. Man kann nicht hinter jedem stehen. Allgemein war es üblich."Frage: "Haben Sie auch welche genommen?"Steuk (gibt sich einen Ruck): "Ja!" Frage: "Haben Sie Angst, daß Sie krank werden konnten? Haben Sie schon mal was mit der Leber gehabt?"Steuk: "Ich hatte zeitweilig mal Probleme mit der Leber, aber im Augenblick ist alles o. k. Aber ich bin unter ständiger Kontrolle."Nebenwirkungen wurden auch bei anderen Organen festgestellt. Etwa die auffälligen Veränderungen an der Brust bei Gewichthebern wegen der hohen Anabollka-Doslerung und der Gabe mehrerer verschiedener Präparate mit anabolen Wirkungen wie synthetischen Anabolika-Tabletten und Injektionen diverser Testosteron-Ester, eine als "Schwangerschaftshormon" bekannte Verbindung (HCG), und ein künstliches Antl-Östrogen: das Frauen als Eisprungauslöser gegebene "Clomlphen".VerschlußsacheSchon 1981 stellte der Chefverbandsarzt der Gewichtheber, der Leipziger Dr. Hans-Henning Lathan, In einer als "Vertrauliche Verschlußsache" geführten wissenschaftlichen Untersuchung resigniert die entsprechenden Veränderungen wie Brustgewebeveränderungen (Mastopathlen) bzw. weiblich erscheinende Brustvergrößerungen fest, ebenso wie Störungen im Sexualbereich, so bei dem Olymplavierten Jürgen Giezki:· "Mastopathiezeichen: Sie sind nach wie vor vorhanden, wobei das gehäufte Auftretenlängere Zeit nach dem Absetzen von Anabollka (bei zwei Sportiem besonders auffällig);nach Einsatz von HCG und Testosteronönanthateiner Klärung bedarf (Beeinträchtigung der .. Regelmechanismen sind dabei nicht ausgeschlossen).· Hlnsichtlich des ... Auftretens muskulärer Verspannungen und der durch sie geförderten Muskelverletzungen gibt es keine neuen Aspekte. · Nach wie vor wird gelegentlich über Libido- und Potenzstörungen ~eklagt, die bisher reversibel waren. Über den letzten Problemfall (Ciezki) wurde der Leitung berichtet."KatastropheIn ganz besonderer Weise aber haben sich die Sportmediziner ausgerechnet am stärksten Mann der DDR, dem Chemnitzer Superschwergewichtler Gerd Bonk, versündigt: Der Europameister hatte 1972 die olympische Bronzemedaile und 1976 die Silbermedaille gewonnen. Obwohl bereits damals bekannt war, daß er an Zuckerkrankheit (Diabetes) litt, wurde er klarer Verstoß gegen ärztliche Ethik -- mit noch größeren Dosierungen für ihn schädlicher Hormonpräparate für Moskau 1980 "fit" gemacht. Das Unternehmen endete in einer doppelten Katastrophe:Bonk, der jährlich bis zu 11,5 Gramm Oral-Turinabol und ganze Serien von Testosteron und HCGSpritzen bekommen hatte, wurde vom olympischen Start in Moskau plötzlich zurückgezogen. Und IM Technik meldete der Stasi, daß Bonk falsch gespritzt worden war und ein Sicherheitsrisiko darstellte: "Bei den Untersuchungen wurde festgestellt, daß Bonk mit Depotanabolika gespritzt war, und es besteht der Verdacht, daß dies durch den Kreissportarzt in Karl-Marx-Stadt erfolgte, der für die Betreuung des Bonk verantwortlich zeichnet. Der Verdacht wird des weiteren dadurch bestätigt, daß die gezeigten Leistungen des Bonk in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung Aufsehen erregten und nicht in Übereinstimmung mit seinen gezeigten üblichen Leistungen standen."2. Banks Diabetes verschlechterte sich infolge dieser Wahnsinnsbehandlungen so, daß er heute ein äußerst kranker Fruhinvalide ist.Lesen Sie morgen: Experimente mit MinderjNhrigen. Als die Kinder nicht mehr wuchsen: Was einem Charlt&Professor an KJS-Schulerinnen auffiel. Vitamin-Behandlung: Wie die Eltern von Sportkindern systematisch belogen wurden.Der Berliner Gewichtheber und Doping-Opfer Jürgen Ciezki (r.). Der ehemalige DDR-Spitzen-Hammerwerfer Roland Steuk gab in einem Fernseh-lnterview zeitweilige Leberprobleme zu. Foto: Oberst