Walter Benjamin. Ihn hätten wir im Kindertheater nun nicht erwartet. Der große Philosoph und Medientheoretiker hat mit seinen Analysen zum "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" von 1935 der kritischen Theorie der Kulturindustrie den Weg geebnet. Dass er selbst auch Praktiker der Massenmedien war, ist weniger bekannt. Das kann man nunmehr mit "Radau um Kasperl" entdecken, einer in Fragmenten erhaltenen Rundfunkarbeit Benjamins aus dem Jahre 1932, die das Theater an der Parkaue als Bühnen-Hörspiel "Radau!" (ab 7 Jahre) adaptiert. Und wie!Die Inszenierung des Musiktheater-Spezialisten Thomas Fiedler ist ein Glanzpunkt in dieser an lichten Momenten wahrlich nicht armen Spielzeit an der Parkaue, ein rasanter Katz-und-Maus-Trip: Kasperl, der spinnerte Held, hat Rundfunkleiter Maulschmidt (Lutz Dechant) düpiert, als er live auf Sendung seinen Freund Seppel als "Hundsbrut" verschimpfierte. Jetzt ist er auf der Flucht vor der Radiocrew zum Bahnhof über den Jahrmarkt bis in den Zoo, wo er Kindern die Sprache der Tiere übersetzt (dabei kommen Originalpassagen aus Benjamins Sendung zu Gehör).Wenn Kasperl eine "Respektsperson" sieht, gilt sie ihm als "Speckperson", wenn etwas nicht nach seinem Willen läuft, gibt'*s "Watschn". So ein Typ ist das - ein rüpelhafter, aber nicht unsympathischer Wort- und Hirnverdreher: "Was soll ich im Rundfunk. Da springen die Funken rundherum und ich fang Feuer, wenn ich einen fang." Fürwahr, dieser Kasperl von Johannes Hendrik Langer hat Feuer. Wie ein entfesselter Zauberbesen fegt er durch eine schillernde Welt. Hier steppt die chinesische Speisewirtin (Elisabeth Heckel), dort wird's gespenstisch beim Wahrsager Lipsuslapsus (Anton Berman) oder krawallig in der Schießbude von Dr. Knallböller (Andrej von Sallwitz). Soundeinspielungen und Musik vergrößern das sichtbare Geschehen zur weiten Hörlandschaft für Kopftheaterfreunde.Wenn "Radau!" als Schule der Sprachfantasie wirkt, dann bietet das Jugendstück "Verschwunden" (ab 14 Jahre) eine Schule des Herzens. Es schleicht sich ja immer wieder ein unangenehm zynischer, distanzierender Blick auf die so genannten "Unterschichten" in Debatten um Hartz-IV-Regelsätze und Schulmodelle ein. Da sind Innenansichten, wie sie der Brite Charles Way mit "Verschwunden (Looking for Grethel)" vorlegt, für das er den Deutschen Kindertheaterpreis 2010 gewann, die richtige Antwort. Das Stück basiert auf einem realen Fall: 2008 wurde in Nordengland ein Mädchen durch die eigene Stiefmutter und deren Bruder entführt, die aus dem Medieninteresse Kapital schlagen wollten.Way leuchtet die Psychologie dieses Vorgangs aus. Über Erzähltexte mit szenischen Einsprengseln entwirft er ein visionsloses Milieu voller Kommunikationshemmnisse und allseits diffusem Misstrauen. Der Vater (Helmut Geffke) ist ein arbeitsloser Trinker, die Stiefmutter führt ein knochentrockenes Regime. Die Kinder Hans (Paul Maresch) und Grete vegetieren so stumpf dahin, dass es die Eltern graust: Hans "starrt immer so" und Grete ist ohnehin "wie abwesend", da kann man sie auch wie eine Stück Menschenware fortschaffen.Hausregisseur Sascha Bunge kreiert aus diesem bittertristen Stoff mit einem Ensemble in Toppform einen konzentrierten, glasklaren Erzählabend. Britischer Punkrock erklingt, während auf drei Fernsehern über einer kahlen Mauer Manga-Comics als dunkle Kinderseelenspiegelungen flimmern. Mit bedrückender Wucht schleudert Corinna Mühle die schizophrenen Angstschübe ihrer Grete hervor. Und Birgit Berthold als Stiefmutter senkt sich schnodderig auf das Nulllevel der Empathie. So schrumpft in einer Welt ohne Kultur die zivilisatorische Kraft des Mitleids. Also: Kultur!-----------------------Radau! 13.-15. 4.; 23.-25. 5. (10Uhr)Verschwunden 22., 24. 3. (10Uhr), 4., 6. 5. (18Uhr), 5. 5. (19Uhr)Theater an der Parkaue, Tel.: 55775253------------------------------Foto: Hans (Paul Maresch) in dem Grimm-inspirierten Drama "Verschwunden"Foto: Rundfunkleiter Maulschmidt (Lutz Dechant, l.) und seine Mitarbeiter (Andrej von Sallwitz und Elisabeth Heckel) in Walter Benjamins "Radau!"