Bereits mehr als 80 000 Menschen haben in Schlesien einen deutschen Paß und die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Entgegen dem sonst üblichen Verfahren mußten sie ihre polnische Staatsbürgerschaft nicht aufgeben. Diese Menschen sind daher Deutsche und Polen zugleich.Bei den deutschstämmigen Polen macht die Bundesregierung aus historischen Gründen eine Ausnahme. Das Recht auf die - in allen anderen Fällen vehement abgelehnte - doppelte Staatsbürgerschaft haben alle Polen, die im Jahr 1937 in den Ostgebieten des Deutschen Reiches lebten, sowie deren Nachfahren. Potentiell sind das 500 000 bis 700 000 Menschen. Sie leben fast ausschließlich in Oberschlesien. Warschau ist dagegen Die deutschstämmigen Schlesier haben seit 1993 keine Aussichten mehr, den Aussiedlerstatus zu erlangen. Also wurde ihnen - quasi als Trostpflaster - das Recht auf doppelte Staatsbürgerschaft zuerkannt. Die Deutschstämmigen müssen lediglich mit dem Familienbuch zum Konsulat in Wroclaw, dem früheren Breslau, oder zur Außenstelle in Opole gehen und erhalten dann innerhalb weniger Monate den begehrten roten Paß.Diese Praxis geschieht gegen den Willen der polnischen Regierung. Polen lehnt ähnlich wie die Bundesrepublik aus Prinzip doppelte Staatsbürgerschaften ab. Der polnischen Vertretung in Berlin zufolge verstoßen doppelte Staatsbürgerschaften gegen die Verfassung. Polen duldet die Paßausgabe durch die deutschen Konsulate aber aus sozialen Gründen. Die Menschen mit dem begehrten deutschen Reisepaß können problemlos im Westen arbeiten. Sie entschärfen damit die sozialen Spannungen in Schlesien.Rechtlich ist die schlesische Extrawurst auch für Deutschland eine Gratwanderung. Die Bundesrepublik muß sich an das Europaratsabkommen zur "Vermeidung doppelter Staatsbürgerschaft" halten, das Ende der sechziger Jahre unterzeichnet wurde. Doch die Bundesregierung argumentiert, die Deutschstämmigen in Polen hätten ihre deutsche Staatsbürgerschaft nicht freiwillig aufgegeben, sondern nur "ruhen lassen". "Gewisse Schizophrenie" "Wir leben in einer gewissen Schizophrenie", sagt Daniel Kriener, deutscher Vizekonsul in Wroclaw. "Normale" Deutsche, die ins Ausland ziehen, sind heute schlechter gestellt als die Nachfahren deutscher Reichsbürger in Polen. Auslandsdeutsche, die sich über zehn Jahre nicht bei deutschen Behörden melden, nehmen nicht mehr an deutschen Wahlen teil. Polen mit doppelter Staatsbürgerschaft hingegen, die irgendwann seit 1949 mindestens drei Monate in der Bundesrepublik gemeldet waren, dürfen wählen.Unklar ist, ob die sogenannten Volksdeutschen - also Menschen deutscher Abstammung, die aber vor 1937 keine Bürger des Deutschen Reiches waren - ebenfalls den Anspruch auf doppelte Staatsbürgerschaft stellen könnten. Wäre dies der Fall, dann könnten Millionen von "Volksdeutschen" in Rußland, Kasachstan und anderen Ländern Osteuropas Anträge auf einen deutschen Paß stellen.Die jetzige Praxis in Schlesien schafft bereits heute Widersprüche und Probleme. Die Deutsch-Polen dürfen zum Beispiel in beiden Ländern wählen. Allerdings haben sie auch prinzipiell die Pflicht, in Polen und in Deutschland den Wehrdienst zu leisten. Wenn sie in Polen sind, müssen sie ihren polnischen Paß benutzen, in Deutschland ihren deutschen. In Drittländern dürfen sie ihre Identität nach Belieben wechseln. In die Ukraine können sie nur als Polen einreisen, in die USA nur als Deutsche.Für viele Deutschstämmige in Schlesien hat der deutsche Paß eine geradezu metaphysische Bedeutung. Die Angehörigen der Minderheit erhalten damit nach Jahren der Unterdrückung unter den Kommunisten die Bestätigung, daß sie wirklich Deutsche sind. Oft allerdings sprechen diese Menschen wenig deutsch. Konservatives Potential "Wir dürfen hier die Folgen des zweiten Weltkrieges aufarbeiten", sagt Lars Kühne vom deutschen Vizekonsulat in Opole. Alte Menschen würden oft in Tränen ausbrechen, wenn sie ihr Deutschtum schwarz auf weiß bestätigt bekämen. Für die jüngere Generation hingegen hat der deutsche Paß eine rein pragmatische Bedeutung. Die jungen Schlesier können mit dem Paß in Deutschland arbeiten, müssen aber nicht wie Spätaussiedler endgültig ihre Heimat verlassen.Der Bundesregierung kann man neben historischer Rücksichtnahme auch politisches Kalkül unterstellen. Die Oberschlesier, soweit sie an deutschen Wahlen teilnehmen, sind fast ausnahmslos "national" und konservativ eingestellt. Dieses Wählerreservoir würde daher hauptsächlich der CDU/CSU zugute kommen.Auf Umwegen realisiert sich in Oberschlesien außerdem eine alte Forderung des Bundesverbandes der Vertriebenen: Oberschlesien als 16. Bundesland. Wenn die meisten Deutschstämmigen wie erwartet einen deutschen Paß beantragen, dann gibt es in Oberschlesien potentiell eine Bevölkerungsmehrheit mit deutscher Staatsangehörigkeit und überdies erheblich mehr Bundesbürger als im kleinsten Bundesland Bremen. +++