Die Kinder sind fort. Das soll vorkommen im deutschen Osten, doch wo sind sie geblieben? Abgewandert gen Westen oder versunken in der Elbe, wie der Film es will? Sehr verrätselt und verwunschen ist der angeblich sächsische Ort, an den eines der Kinder nach Jahrzehnten zurückkehrt. Als tropfte ihm noch das Wasser aus den Schuhen, wird der neue Kantor Marcus (Alexander Beyer) angesehen wie ein Geist. Mutter und Vater erkennen ihn nicht. Die Zeit ist stehen geblieben, mit der Zukunft starb auch die Vergangenheit. Der ungewollte Kantor gräbt nach Orgelpfeifen und dunklen Geheimnissen, stößt aber nur auf leere Gesichter, leere Gräber und natürlich leere Kirchen. Die Menschen agieren höchst seltsam, spielen Schach im Dunkeln oder kochen Flusssteine. Nur im Waisenheim "Frohe Zukunft" scheint sich etwas abzuspielen, aber sicher nichts Gutes.Vom Regisseur Thomas Wendrich immerhin weiß man, dass er 1971 in Dresden geboren wurde, nach der Wende nach Berlin ging und hier nun für sein Debüt zurückkehrt in die Heimat. Das schreit nach Entschlüsselung, aber sein Film legt es nicht darauf an. Was genau er eigentlich will, wird im Gegenteil mit fortschreitender Dauer immer unklarer. Wäre "Maria am Wasser" besser gelungen, würde man ihn in eine Tradition stellen mit den Filmen eines Béla Tarr oder Fred Kelemen. Ihr apokalyptisches Kino aus einem sterbenden Osteuropa, schwer mit Allegorien beladen, füllte ein atmosphärisches Vakuum zwischen Wende und neuem Jahrtausend mit sehr eigenen Bildern. Auch der Westdeutsche Veit Helmer suchte und fand damals in bulgarischen Ruinen morbiden Reiz, brachte mit "Tuvalu" eine leichtere, exotisierende Variante. All das liegt komischerweise näher als etwa Christian Petzolds moderne Gespenstergeschichten, zu denen sich "Maria am Wasser" als Alternative anböte. Aber die erdigen Farben, die barocken Metaphern, die filmischen Mittel können ihren Anspruch metaphysischer Schwere nicht einlösen.Die um Märchenmagie bemühte Handlung ist eher verworren als verrätselt; die schrägen Sachsen in ihrem vormodernen Niemandsland erscheinen kaum wunderlicher als der verlorene Sohn, der statt irgendeinem Sinn doch nur wieder die Liebe findet, mit einem Mädchen aus dem noch fremderen Tschechien. Zum Liebesakt zerlegt der Schnitt einen Karpfen, warum auch immer. Smetanas "Moldau" ertönt wohl, weil es passt und schön klingt. Über die Moldau dichtete der Komponist, dass sie am Ende ihres majestätischen Laufs in die Elbe "entschwinde" - wie die Kinder, wenn man so will, ob sie nun einem Rattenfänger anheim fielen, längst im süßen Jenseits schlummern oder eben doch einfach woanders Orgeln bauen. Derart symbolisch kann man sich die Bilder zurechtzimmern, leer bleiben sie trotzdem.Maria am Wasser Dtl. 2006. Buch & Regie: Thomas Wendrich, Kamera: Istvan Imreh, Darsteller: Alexander Beyer, Annika Blendl, Marie Gruber, Falk Rockstroh, Hermann Beyer, Wladimir Tarasjanz, Louis El-Ghussein u. a.; 99 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Ein junger Mann mit Vergangenheit: Marcus (Alexander Beyer) am Altar der Kirche.