Sara A. macht gern Urlaub im Ferienhaus ihres Vaters. Es liegt ruhig und vorteilhaft direkt am Ufer der Ägäis etwas außerhalb der kleinen Stadt Assos an der Westküste der Türkei. Mindestens ein Mal im Jahr fährt die 29-jährige Lehrerin aus Berlin in das Strandhaus. Wenn sie vor die Tür tritt, und auf den Strand schaut, beobachtet sie seit knapp vier Wochen dramatische Szenen. „Es ist Wahnsinn“, sagt A. „Jeden Tag kommen mindestens 300 Flüchtlinge an unserem Strand an, die weiter nach Griechenland in die EU wollen. Hier spielen sich Tragödien ab.“

A. sagt, sie habe mit ihrem Vater in den vergangenen Jahren immer wieder vereinzelte Flüchtlinge gesehen. Was sie zurzeit jedoch beobachtet, kommt ihr organisiert vor. „Das ist so eine Art Mafia. Zeitweise laufen Männer mit Maschinenpistolen über den Strand. Sie laden die Leute in Schlauchboote, die dann Richtung Lesbos fahren. Knapp 50 Menschen passen in ein Schlauchboot.“ Wegen dieser Aussage möchte sie nicht, dass ihr voller Name genannt wird.

Führungslos im Meer

Die griechische Insel Lesbos liegt nur sieben Kilometer südlich von Assos. Eine Überfahrt dauert nicht lang, aber zwischen Festland und Insel liegt die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland, also die Außengrenze der EU. Wer rüber will, muss EU-Bürger sein oder braucht ein Visum. Für Schlepper ist diese Route trotzdem attraktiv. Im Vergleich ist diese Überfahrt sicherer als zum Beispiel eine Fahrt von Libyen über das offene Mittelmeer Richtung Italien.

Zwischen Assos und Lesbos patrouillieren zwar Schiffe der Küstenwachen beider Staaten. Aber nur selten bringen sie Flüchtlingsboote auf. A. sagt, sie habe einige Male bei den türkischen Behörden angerufen, wenn der Motor eines Flüchtlingsboots ausfiel und es führungslos im Meer trieb. Bis zu vier Stunden dauere es, bis die Küstenwache eintreffe.

Das eigentliche Drama beginnt jedoch schon vor der Fahrt aufs Meer. A. sagt, dass die Leute ohne Dach über dem Kopf im Unterholz der Böschung am Strand lebten. Es gibt keine sanitären Anlagen, und die Menschen lassen die Sachen liegen, die sie nicht mit aufs Schlauchboot nehmen dürfen oder wollen. „Es stinkt bestialisch“, sagt A., „am Strand türmt sich überall der Müll.“

Vor ein paar Tagen hat A. eine etwa 70 Jahre alte Frau beobachtet, die kollabiert war, nachdem sie drei Tage lang bei 36 Grad kaum Trinkwasser bekommen hatte. Die Familie der Frau habe die Polizei gerufen. „Die kam aber erst, nachdem sie sagten, es habe eine Schießerei gegeben. Das war erfunden. Aber sonst wäre wohl keiner gekommen.“ Als die Polizei da war, hat sie alle Flüchtlinge abtransportiert. Am nächsten Tag waren neue da.

A. sagt, es gebe in der näheren Umgebung des Strandes lediglich eine öffentlich zugängliche Wasserstelle – einen Brunnen. Um dorthin zu kommen, müsse man an ihrem Haus vorbei. Sie und ihr Vater sprechen die Leute an, die vorbeilaufen. „Die Menschen kommen aus Syrien, Irak, Afghanistan und Pakistan“, sagt sie. „Es sind ganze Familien – Frauen, Männer und Kinder. Aber auch Einzelne.“ A. sagt, in den Gesprächen wirkten viele traumatisiert, wenn sie von ihren Erfahrungen mit den Taliban und dem sogenannten Islamischen Staat (IS) erzählen. „Die Menschen treten die lebensgefährliche Reise nicht zum Spaß an.“

Laut A. berichten die Flüchtlinge davon, dass sie mit Bussen gebracht werden. Sie werden meist nachts an der Hauptstraße wenige Kilometer nordöstlich von Assos rausgelassen. Dort warten Männer auf sie und bringen sie an den Strand. „Die Nachbarn erzählen, dass sie nachts Stimmen hören und Menschen an ihrem Haus vorbeischleichen“, berichtet A. Die Flüchtlinge sagen, dass sie 1 500 bis 3 000 Euro für eine Überfahrt bezahlen müssen. Dafür erhalten sie eine Rettungsweste – manchmal aber auch nur einen alten Autoreifenschlauch als Rettungsring – und bis zu drei Versuche, mit dem Boot nach Lesbos zu kommen, falls der erste Versuch scheitert.

Überfordert auf Lesbos

Die griechischen Behörden teilten zuletzt mit, dass wöchentlich bis 9 000 Flüchtlinge auf Lesbos anlanden. Der EU-Grenzschutzagentur Frontex zufolge wurden bis Ende Juli 130 500 Migranten an den Grenzen Griechenlands entdeckt – fünfmal so viele wie im Vorjahreszeitraum. Der UN-Flüchtlingskommissar für Griechenland, Giorgos Tsarbopoulos, sagt, Behörden und die Hilfsorganisationen seien überfordert.

A. und ihr Vater haben in der vergangenen Woche tagsüber 15 Boote beobachtet haben, die von der türkischen Küstenwache aufgegriffen wurden. 17 weitere Schlauchboote haben sie gesehen, von denen sie vermuten, dass sie es in griechische Gewässer geschafft haben. Genau könne sie es beziffern. „Bis auf die andere Seite reicht unser Fernglas nicht.“