In Bagdad gibt es eine Heavy-Metal-Szene und Hip-Hop-Fans. Eminem und Britney Spears sind dort genauso bekannt wie hier. Techno-Clubs existieren noch nicht, aber auf Partys in Privathäusern tanzen die jungen Bagdadis die Nächte durch. Und am Tag kümmern sie sich um ihre Karrieren.Hiba Jafar, Ahmed Youssif und Nawar Anwar müssen das wissen: Die drei kommen aus Bagdad, gehören zu dieser Szene und sind überzeugt, dass ein eigenes Radioprogramm genau das ist, was irakische Jugendliche jetzt wollen. Auf einem Dachboden in Berlin-Mitte wird dieses Programm gerade vorbereitet: in einem neu eingerichteten Studio, geleitet von den Projektinitiatoren Anja Wollenberg und Klaas Glenewinkel, mit Unterstützung diverser Medienleute und Musiklabels aus Berlin, mit Geld vom Auswärtigen Amt und vor allem unter Mitwirkung von Ahmed, Hiba und Nawar. Vor zwei Wochen sind sie in Berlin angekommen. Alle drei haben Rundfunkerfahrung: Nawar und Hiba arbeiteten schon seit dem Ende des Krieges für die BBC in Bagdad, Ahmed für den beliebten Sender Bagdad-FM. Das Angebot aus Berlin war für sie erst einmal ein Abenteuer - eingefädelt über Satellitentelefon und Internet.HipHop und Heavy MetalDie Berliner verließen sich bei der Auswahl auf ihren Kontaktmann Dawud in Bagdad. Der hatte so etwas wie "Bagdad sucht den Supermoderator" initiiert, dann dutzende Bewerbungen gesichtet und Eignungstests durchgeführt. Anja Wollenberg und Klaas Glenewinkel vertrauten seinem Gespür, dass die Ausgewählten nicht zu den üblichen Selbstdarstellern und Polit-Profis gehörten. Hiba, Ahmed und Nawar wiederum hatten keine Zweifel an der Seriosität des Angebots. "Wir haben dem Berliner Team von Anfang an vertraut", sagt Hiba. Der Anfang liegt ungefähr ein Jahr zurück. Klaas Glenewinkel hatte im Juni vergangenen Jahres einen befreundeten Journalisten in Bagdad besucht. Er lernte dort die Hip-Hop-Gemeinde und Heavy-Metal-Szene kennen, ging in die Universität, in Musikläden und Internetcafés und stellte fest, dass die Interessen der Jugendlichen in Irak gar nicht so anders sind als die der Gleichaltrigen in Deutschland. Außerdem fand er eine zu diesem Zeitpunkt geradezu explodierende Medienvielfalt vor. Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen jedoch waren von den diversen politischen, ethnischen und religiösen Fraktionen in Irak okkupiert. Es waren und sind Propagandasprachrohre - davon aber hatten die in der Saddam-Zeit aufgewachsenen Iraker die Nase voll. Ein Rundfunksender für Iraker zwischen 20 und 30 Jahren, der ihre Musik bringt, über Erfahrungen von Gleichaltrigen berichtet und Szene-Tipps gibt, existierte nicht. Das alles fiel Klaas Glenewinkel auf. Mit Anja Wollenberg hatte er zuvor an einem anderen Projekt gearbeitet. Die ersten Konferenzen zwischen Bagdad und Berlin fanden per Internet und Satellitentelefon statt.Glenewinkel ging in Bagdad zur amerikanischen Zivilverwaltung und zur Uno: "Hi, ich bin der Klaas und möchte einen Radiosender für Bagdad machen." Dass die ihn ernst genommen haben, darüber staunt er heute noch. In Berlin begann Anja Wollenberg, sich ein Konzept zu überlegen und Sponsoren zu suchen. Nach der Rückkehr von Klaas Glenewinkel wurde es konkret: Die Abteilung "Islamischer Dialog" im Auswärtigen Amt fand die Idee überzeugend und stellte für das Projekt 83 000 Euro zur Verfügung. Die Friedrich-Ebert-Stiftung übernahm die Schirmherrschaft, der irakische Freund Dawud in Bagdad die Moderatorensuche. Die Idee, von Bagdad aus zu senden, wurde dann jedoch verworfen, da sich die Sicherheitslage extrem verschlechterte. Deshalb wird von Berlin aus gesendet, per MP3-Streaming über das Internet live nach Bagdad. Dort wird das Signal von einem UKW-Sender übernommen und ausgestrahlt. Und Nawar Anwar, Ahmed Youssif und Hiba Jafar kamen nach Berlin. Jetzt reden sie mit ihren Berliner Freunden über das Profil der Programme. Sie wählen die Trailer aus, die Erkennungsmelodien für die einzelnen Formate. Sie denken über Gesprächspartner nach, die entweder per Telefon zugeschaltet oder ins Studio eingeladen werden sollen. Politiker und Nahostexperten werden selten dazu gehören. Hiba, Nawar und Ahmed wollen vor allem mit Gleichaltrigen über Lebenswege und Erfahrungen sprechen, Musik aller Stilrichtungen senden und Service bieten: Von Veranstaltungstipps bis zu Hinweisen, wo es was in Bagdad zu kaufen gibt.Geld bis AugustAm 10. Juli wird "Telefon FM" auf Sendung gehen. Vorerst bis Anfang August, solange reicht das zugesagte Geld. Über Erfolg oder Misserfolg des Projekts aber entscheiden letztlich weder Hiba, Ahmed und Nawar, auch nicht die Berliner Teamkollegen oder die Qualität der Sendungen. Alles hängt davon ab, wie sich die Sicherheitslage in Irak in den kommenden Wochen und Monaten entwickelt. Denn die Zahl der Zuhörer entscheidet - ob sie neben dem täglichen Überlebenskampf auch den Wunsch nach Ablenkung verspüren. Wird der Testlauf aber ein Erfolg, gibt es Geld für weitere Programme aus Berlin - bis Redaktion und Studio nach Bagdad verlegt werden können.------------------------------Die ersten Konferenzen zwischen Bagdad und Berlin fanden per Internet und Satellitentelefon statt.------------------------------Foto: Anja Wollenberg im Dachbodenstudio des Radioprojekts "Telefon FM". Sie leitet drei irakische Jungjournalisten an.