Drei Jahrzehnte nach Marktdebüt der CD erfreut sich die Schallplatte noch großer Beliebtheit: Und sie dreht sich doch

RÖBEL/BERLIN. Es beginnt immer mit einem Klumpen aus Kunststoff. 25 Sekunden braucht die alte schwedische Toolex-Alpha-Maschine, um den cremedosengroßen und 130 Grad heißen Batzen platt zu machen. Millionenfach hat sie das schon gemacht, und sie kann es noch immer. Die Maschine ist eine Plattenpresse. Sie fertigt jene Tonkonserve, die lange Zeit als das Achselhaar des Musikgeschäfts galt und von der Generation iPod als Fossil aus einer Zeit belächelt wird, in der es noch Diodenkabel und Telefonapparate mit Wählscheiben gab. Doch die Scheibe aus Vinyl gibt es noch. Tot war sie nie und wird es womöglich nie sein.Der Ort, an dem die Schallplatte am Leben erhalten wird, heißt Röbel an der Müritz. Hinter einem Baumarkt und leer stehenden Siloanlagen liegt unvermutet ein mit Architekturpreisen dekorierter Industriebau aus Stahl, Glas und Beton. Darin stehen die Herz-Lungenmaschinen des Analog-Zeitalters. Die Optimal Media Productions GmbH ist einer der größten Schallplattenproduzenten Europas, und der Bedarf wächst.Tatsächlich verläuft die Kurve im weltweiten Vinylgeschäft seit Jahren aufwärts. Kaufte etwa der deutsche Musikkonsument im Jahr 2003 noch 200 000 Exemplare der heiß gepressten Scheiben, so waren es im vergangenen Jahr immerhin 600 000. Das ist gegenüber knapp 100 Millionen verkauften CDs zwar bescheiden. Dafür kann die Vinylsparte mit zweistelligen Zuwachsraten prahlen. Zuletzt legte der Absatz in Deutschland um 20 Prozent zu. In den USA ging es gar um 25 Prozent auf vier Millionen Verkäufe nach oben. Traumraten in einer Branche, die seit Jahren von illegalen Downloads an den Rand der Wirtschaftlichkeit gedrängt wird.Das Mecklenburger Unternehmen, das 1991 entstand, hat heute 630 Mitarbeiter und fertigt für alle großen Label von EMI über Universal bis Warner. Den Schritt zum Vinyl wagte man bei Optimal Media Productions allerdings erst 1995. Damals gab es die CD bereits 13 Jahre, und alle großen Hersteller hatten längst aufgehört, Platten zu pressen."Das war Mut zur Lücke", sagt Peter Runge. Der 42-Jährige ist Produktionschef des Unternehmens. "Wir haben an die Schallplatte geglaubt und wollten da sein, wenn die Nachfrage wieder anzieht." Und sie waren da. Zwar fertigt Optimal nach wie vor allem CDs und DVDs, doch entstanden im vorigen Jahr pro Tag auch 25 000 Platten aus Vinyl. Insgesamt waren es fast fünf Millionen Scheiben. Eine Million mehr als im Jahr zuvor.Mit vier Plattenpressen hat Optimal einst angefangen, jetzt sind es 19 - blass grüne Ungetüme aus einer Epoche, in der Maschinen kaum mehr Elektronik hatten als ein Hühnerei. Es sind die letzten Überlebenden des Analogzeitalters in der Musikindustrie. Die jüngste Presse ist 32 Jahre alt. Die schwedische Firma Toolex Alpha, die die Maschinen schuf, gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Wer heute Platten pressen will, ist auf alte Bestände angewiesen. Eine der Pressen in Röbel ist eine Leihgabe des Technischen Museums in Berlin. Die anderen wurden in alten Lagerhallen und Schrottplätzen in England, Frankreich oder Skandinavien aufgestöbert. In den Kellern der Firma stehen noch 26 Maschinen zur Ersatzteilgewinnung.Auf den Packtischen sortieren Frauen große bunte Plattencover in Kartons. Kalkbrenner, Ramones, Beatsteaks, Abba. In Vinyl geht offenbar alles. Peter Runge ist mit dem ersten Halbjahr zufrieden und erwartet für das Gesamtjahr wieder einen Ausstoß von fünf Millionen Platten. Die Renaissance der großen schwarzen Scheibe, die wohl auch eine zunehmende Sehnsucht nach Entschleunigung befriedigt, hält also an. Zelebrierter Musikgenuss mit 33 statt 500 Umdrehungen pro Minute und ein großes Cover als Bonus. "Auf lange Sicht halte ich ein Ende der CD für wahrscheinlicher als ein Ende der Schallplatte", sagt er. Der Mensch werde sich seine Sammelleidenschaft bewahren, und außerdem sei es sozialer, eine Platte zu verschenken als einen Download-Code.Das Comeback der Vinylscheibe lässt sich mittlerweile vielerorts ablesen. Wer im Internet-Kaufhaus Amazon Vinyl als Suchbegriff eingibt, bekommt mehr als eine Million Angebote. Plattenläden entstehen allerorts, und bei Ebay werden in diesem Jahr voraussichtlich 1,7 Millionen Schallplatten den Besitzer wechseln.Und längst floriert auch wieder die kleine Sparte der Hersteller von Plattenspielern. Im vorigen Jahr wurden hierzulande 119 000 Geräte verkauft. Gesamtvolumen: 14 Millionen Euro, wobei gerade bei hochwertigen Geräten die Nachfrage steigt, während gleich bei Ebay die Plattenspieler zu einem Durchschnittspreis 56 Euro vertickt werden.Und auch bei dem Unternehmen Pro-Ject in Wien ist man in bester Stimmung. Vor 16 Jahren begannen zwei österreichische Unternehmer in dem ehemaligen Werk des staatseigenen Unterhaltungselektronik-Herstellers Tesla im tschechischen Litowel mit der Fertigung von Plattenspielern. "Pro-Ject ist heute Weltmarktführer in der Preisklasse ab 200 Euro", sagt Günther Rathmann, der das Auslandsgeschäft von Pro-Ject leitet. "Seit 2001 produzieren wir jährlich zehn Prozent mehr", sagt er. Und so soll es weiter gehen.Britta Lüerßen, die beim hiesigen Bundesverband Musikindustrie den Bereich Marktforschung und Entwicklung leitet, sieht die neue Euphorie der Vinylbranche indes mit Skepsis. Die Entwicklung gehe nicht rückwärts. "Dass das Alte das Neue ablöst, das gab es noch nie".Aber möglicherweise arrangiert sich das Alte mit dem Neuen. Bei Optimal Media Productions in Röbel hat man gerade erst in eine neue Druckmaschine investiert, um Langspielplattencover mit Downloadcodes drucken zu können. Runge rechnet mit "bemerkenswerten Steigerungsraten".------------------------------Grafik: Plattenspielerverkauf in Deutschland, Umsatz in Millionen, von 2004 bis 2010.Grafik: Verkaufte CDs in Deutschland in Millionen von 2005 bis 2010.Grafik: Verkaufte Vinylplatten in Millionen von 2005 bis 2010.