Dass die Türkei entgegen anders lautenden Stimmen kulturell und historisch zu Europa gehört, beweist nichts besser als der Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/16. Drei Neuerscheinungen zu diesem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts führen vor Augen, wie erschreckend "europäisch" dieses Verbrechen gewesen ist.Am eindrücklichsten gelingt das Rolf Hosfeld mit seinem spannenden Buch "Operation Nemesis", das mit der Ermordung des Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talaat Pascha, in Berlin im März 1921 beginnt und dann zurückblendet. In seiner knappen Gesamtdarstellung erhellt Hosfeld auch die geistigen und kulturellen Hintergründe der Täter. Er zeigt, wie stark die zunächst oppositionellen "Jungtürken" im französischen Exil um 1900 von dem modernen Nationalismus geprägt wurden, der soeben in den rechtsextremen Kreisen von Paris und Berlin in Mode kam. An die Stelle des traditionellen osmanischen Konservatismus trat ein biologistisch fundierter Chauvinismus, der 1904 einen ersten Höhepunkt erreichte, als die Zeitschrift "Türk" erstmal den Begriff einer "türkische Rasse" in die Debatte warf.Die Armenier, die immer stärker auf politische Teilhabe und Gleichberechtigung im Osmanische Reich pochten, wurden nicht mehr nur als Störenfriede gesehen, die sich durch gelegentliche gewaltsame "Strafaktionen" in die Schranken weisen ließen. Sie galten den pantürkischen Ideologen als Fremdkörper, den es aus dem Staatskörper zu entfernen gelte. Der Erste Weltkrieg bot den mittlerweile die Regierung beherrschenden Jungtürken die Gelegenheit, dieses aus dem Geist der "ethnischen Säuberung" entstandene Projekt umzusetzen.Hosfeld zieht zwar semantische Parallelen zum Holocaust, doch er tut dies, wenn er etwa die türkischen Mordeinheiten als "Einsatzgruppen" bezeichnet, bloß illustrativ. Die strukturellen Ähnlichkeiten und Unterschiede der beiden Genozide muss der Leser selbst suchen. Dabei sind manche Parallelen frappierend: Beide Verbrechen wurden von hochgebildeten und noch verhältnismäßig jungen Männern konzipiert, die sich als überaus rational und nach "modernen" Kriterien handelnd sahen. Beide Völkermorde nahmen ähnliche Stufen: Von der rassistischen Stigmatisierung der Minderheiten über die Radikalisierung des Vertreibungs- und Mordgeschehens bis hin zu den staatlich gelenkten Enteignungen im großen Maßstab, von denen in erster Linie der "einfache Mann" profitierte.Doch bauten die Jungtürken keine Vernichtungslager, sondern überließen nach der Erschießung der Männer die Frauen und Kinder in der mesopotamischen Wüste ihrem Schicksal. Hierin gleicht der Genozid an den Armeniern eher dem Umgang der Nationalsozialisten mit den "slawischen Untermenschen", die ebenfalls dem Hungertod überantwortet werden sollten.Die türkischen Akten über den Völkermord sind bislang weitgehend unzugänglich. So kommt dem von Wolfgang Gust herausgegebenen Dokumentenband mit Berichten deutscher Diplomaten über dieses Verbrechen besondere Bedeutung zu. Erschütternd ausführlich schildern sie das Leid der Deportierten. Leider erfährt man in der Einleitung wenig über die Art der Quellen und die Biografien ihrer Autoren. Sehr deutlich wird, dass die deutsche Führung detailliert über die vielen Massenhinrichtungen informiert war, ohne je dem osmanischen Verbündeten ernsthaft in den Arm fallen zu wollen: Als der Botschafter in Konstantinopel Paul Graf Wolff-Metternich seine Regierung zu einem Kurswechsel drängte, wurde er 1916 kurzerhand abberufen.Den Missionsleiter Johannes Lepsius, der wegen seines 1919 erschienenen Buches über den Völkermord als wichtigster Ankläger dieses Verbrechens in der westlichen Welt gilt, zeigen Gusts Dokumente von einer unbekannten Seite. So konnte Lepsius der Deportation der Armenier nach Mesopotamien anfangs Positives abgewinnen: Er sah in deren Ansiedlung entlang der von Deutschen erbauten Bagdad-Bahn eine Stärkung des Kaiserreiches in der Region. Erst als er erkannte, dass die meisten Deportierten nicht dem Landesausbau dienen sollten, sondern dem sicheren Tod entgegengingen, setzte er sich in Berlin für entschiedene Schritte gegen die Politik der türkischen Regierung ein.Nicht nur die deutsche, auch die Haltung Frankreichs und Großbritanniens zum Völkermord war zu großen Teilen machtpolitisch motiviert. Das zeigt die neu aufgelegte Untersuchung des in den USA lehrenden Historikers Taner Akçam über die "Istanbuler Prozesse", die nach Kriegsende gegen die Verantwortlichen geführt wurden. Schon vor 1914 hatten die Westmächte die "Armenien-Frage" benutzt, um den Zerfall des osmanischen Reiches zu beschleunigen. Dies trug dazu bei, dass die radikalen Vertreibungspläne der Jungtürken im Krieg von den türkischen Eliten mitgetragen wurden und dass die von Großbritannien erzwungenen Kriegsverbrecherprozesse nach 1919 scheiterten: Zu deutlich waren die politischen Ziele der Entente mit der humanitär begründeten Ahndung des Völkermordes vermengt worden. Wie in Deutschland, wo auf Druck der Entente Offiziere vor dem Reichsgericht wegen Kriegsverbrechen angeklagt wurden, wurden auch in der Türkei nur nachgeordnete Angeklagte bestraft, während viele Täter auch in der 1920 konstituierten neuen Republik bis in höchste Ämter gelangten. Die Folgen dieser Mischung aus personeller Kontinuität und dem Gefühl, der Westen messe mit zweierlei Maß, prägt die offizielle türkische Haltung zum Völkermord an den Armeniern bis heute.------------------------------Wolfgang Gust (Hrsg.):Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts. Zu Klampen, Springe 2005. 675 S., Broschiert 39,80 Euro.------------------------------Rolf Hosfeld:Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 351 S., 19,90 Euro.Taner Akçam:Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung. Hamburger Edition, Hamburg: 2004. 429 S., 16 Euro.------------------------------Foto: Opfer eines Massakers an Armeniern in Aleppo, 28. Februar 1919