Dem deutschen Spießbürger und dem katholischen Frauenbund Frankfurt am Main hat Paul Hindemith viel zu verdanken. Sie liefen in den zwanziger Jahren Sturm gegen die obszönen Operneinakter "Mörder, Hoffnung der Frauen", "Das Nusch-Nuschi" und "Sancta Susanna" mit Eingaben beim Polizeipräsidenten und Sühneandachten. Da hatte Hindemith seinen Ruf als Bürgerschreck weg. Und das war ein tüchtiges Kapital. Von dem ließ sich noch zehren, als er längst zum konservativen Kulturpessimisten mutiert war und sogar selbst ein Aufführungsverbot für die unter Blasphemieverdacht geratene "Sancta Susanna" verfügte.Zum ersten Mal gelangte nun besagtes Triptychon am Freitag im Hebbel-Theater auf eine Berliner Bühne. Die Initiative ging vom RIAS-Jugendorchester aus; Regie führte Kai-Bernhard Schmidt; das in seinen geometrischen Formen zwar strenge, gleichwohl opulent wirkende Bühnenbild stammte von Monika Rupprecht; und die besonders im "Nusch-Nuschi" fröhlich bunten Kostüme entwarf Regina Schill. Ob man Hindemith damit einen Dienst getan hat, ist fraglich. Um Kunst geht es in den Stücken kaum, allenfalls um die des Beischlafs. Wobei die Geschichte einer Nonne, die in "Sancta Susanna" die Schönheit ihres Körpers und sexuelles Verlangen (mehr aber nicht) entdeckt, mittlerweile in jedem "Tatort" besser erzählt wird. Und auch in Oskar Kokoschkas Unterleibsdramolett "Mörder, Hoffnung der Frauen" begegnet man allenfalls ermüdenden Klischees von "Frau und Mann." Die Regie hatte dieser künstlerischen Einfallslosigkeit am Freitag wenig entgegenzusetzen. Immerhin war Hindemith an dieser Stelle schon so weit, dass er die Musik von den platten Handlungsverläufen abstrahierte. "Mörder" ist als viersätzige Sinfonie komponiert, "Sancta Susanna" nach Taktzahlen in symmetrischer Kreuzform auskalkuliert. Diese Dissoziation von Musik und Fabel hätte die Regie hervorragend nutzen können zu einer streng formalisierten Choreografie der Personenführung. Aber auf der Bühne sah man nur ein sehr durchschaubares Erzähl-Theater mit allerlei Brunst- und Verlegenheitsgestik von bisweilen rührender Hilflosigkeit.Dass der Obereunuch des Kaisers von Burma im "Nusch-Nuschi" als Karl Lagerfeld daherkam, kann noch als witziger Einfall durchgehen. Demzufolge war die Treppe des ersten Bildes, auf dem die vier lüsternen Frauen des Kaisers der Reihe nach herabschritten, keine Anspielung auf die Revue (was musikalisch bei dieser Nummernoper Sinn gemacht hätte), sondern ein Laufsteg. "Prêt à porter" lautete das Motto also, genauer wohl "prêt à baiser", wie eigentlich der berüchtigte Film schon meinte. Und kopuliert wird denn auch in dem Stück reichlich, in wechselnden Positionen, zu sehen als chinesisches Schattentheater hinter hübschem Batik-Vorhang. Hindemith schreibt einen Variationszyklus dazu. "Is ja Schweinkram!", würde Frau Tetzlaff sagen; und Recht hätte sie. Wir aber lernen: Gesang ist nur Maske des Begehrens, solang es unerfüllt bleibt. Der kopulierende Mensch singt nicht mehr. So hat Hindemith die Oper denunziert. Aus dem Gesangsensemble von Studierenden ragen besonders Nina von Möllendorff (Susanna) und Marta Rózsa (Klementia) heraus. Annekathrin Laabs (Twaïse) hat eine viel versprechende Alt-Stimme, und Dirk Marth (Tum-Tum) ist ein quicklebendiger Darsteller. Das RIAS-Jugendorchester gibt unter Hermann Bäumer klanglich sein Bestes, davon aber gelegentlich so viel, dass der Gesang auf der Bühne zur Pantomime wird."Is ja Schweinkram!", würde Frau Tetzlaff sagen; und Recht hätte sie.