Geheimes Rußland: Nowaja Semlja - Der Archipel der Angst, 21 Uhr, ZDF. Nachrichten und Informationen "abseits vom kurzlebigen Tagesjournalismus" sind für ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser die Hauptaufgaben eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das sich gegen die Konkurrenz privater Anbieter behaupten will. Bresser betonte zudem die Verpflichtung des Fernsehens, auch auf potentiell bedeutsame Gefahrenherde in aller Welt hinzuweisen. Klassisches Beispiel dafür soll der Programmschwerpunkt "Geheimes Rußland" sein, der heute beginnt.Unter diesem Motto zeigt das ZDF drei anspruchsvolle Reportagen des Ausnahmedokumentaristen Jurek Sladkowski, die die entlegensten Regionen der ehemaligen Sowjetunion beleuchten. Im ersten Beitrag "Nowaja Semlja" begleitet Jurek Sladkowski den ehemaligen Atomsoldaten Jewgenji Galagut auf seiner Spurensuche nach der eigenen Vergangenheit: Jewgenji arbeitete zwei Jahre lang unter extremsten Bedingungen auf der 900 Kilometer langen Atomtestinsel im Eismeer. Zwischen 1961 und 1963 erlebte er über 80 Testexplosionen mit, die stärkste - zu Ehren des 22. Parteitages der KPdSU ausgelöst - hatte die dreitausendfache Wucht der Hiroshima-Bombe. Jewgenji stünde als Strahlen-Geschädigtem eine höhere Rente zu, doch sein Name und die Namen seiner Kameraden wurden von den Militärbehörden ausradiert - aus Gründen der Geheimhaltung gibt es ihn in den offiziellen Akten nicht mehr. Regisseur Sladkowski erging es beim Drehen seines Filmes wie dem Ex-Soldaten: Überall stieß er auf Mauern des Schweigens, wurde sogar eingesperrt. Das Resultat der hartnäckigen Recherchen ist daher eine kleine journalistische Sensation: Erstmals konnte ein ziviles Filmteam die Insel betreten und dort drehen, darüber hinaus verarbeitete Sladkowski, der erst kürzlich mit dem Arte-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, bisher nie gezeigte Aufnahmen aus Militärarchiven. Der Grund aller Geheimhaltung ist offensichtlich: "Objekt 700", wie das Militär die Insel nennt, ist eine ökologische Zeitbombe. Ganze Reaktorkerne, Container und Fässer mit Nuklearmüll rosten in den Gräben nahe der Küste vor sich hin und werden der Nachwelt in zwanzig, dreißig Jahren ein "spätes Kind des Kalten Krieges" bescheren - eine Verseuchung von globalem Ausmaß.Sladkowskis Film ist in diesem Sinne nicht nur ein perfekt gemachter, gleichwohl ungewöhnlich packend erzählter Dokumentarfilm, sondern auch die dringend fällige Anzeige eines der größten Umweltskandale aller Zeiten. Ingo Zingler Teil 2 am Donnerstag, 22.15 Uhr, Teil 3 am Sonntag, 22.25 Uhr. +++