DRESDEN, im Februar. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Buchhandlung ein bestimmtes Buch nicht vorrätig hat. Es gibt zu viele Bücher und zu wenig Lagerraum. In der Kreuzstraße, schräg gegenüber der Dresdner Kreuzkirche, liegt die kleine Buchhandlung Ungelenk. Auch hier, wie überall in der Stadt, steht viel Dresden-Literatur in den Regalen. Aber ein Buch gibt es nicht. Es heißt "Das Massaker von Dresden" und stammt von einem gewissen Franz Kurowski. "Nein", sagt die Verkäuferin, "das haben wir nicht. Das wollen wir auch nicht." Eine kurze Bemerkung, eine klare Ansage. Kurowski schreibt in der Regel Bücher, die "Endkampf um das Reich" heißen, "Adler ruft Führerhauptquartier" oder "Sturmgeschütze vor". Die Bemerkung der Verkäuferin handelt von mehr als von einer buchhändlerischen Entscheidung. Sie handelt von dieser Stadt Dresden an der Elbe, von der Bombennacht am 13. Februar 1945, von 35 000 Toten oder 200 000 Toten, sie handelt von der Erinnerung und wie man jetzt, kurz vor dem 60. Jahrestag, damit umgehen soll.In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 wurde Dresden von englischen und amerikanischen Bombern zerstört. Seither ist die Stadt das Symbol für den Schrecken, mit dem der Zweite Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte. Viele andere deutsche Städte sind von den Alliierten zerbombt worden, aber nur Dresden ist, selbst international, ein Mythos geworden.Der Stadtarchivar heißt Thomas Kübler und hat sein Büro im Ge-bäude der ehemaligen königlich-sächsischen Heeresbäckerei. Er ist so schwarz gekleidet, als würde der 60. Jahrestag in wenigen Stunden anbrechen. An einer Wand seines Büros steht ein Gemälde, das die Zerstörung von Hamburg, Köln und Dresden zum Thema hat. Hamburg und Köln sind am Rand des Bildes dargestellt, Dresden, der Mythos, nimmt die Mitte ein. Dass das gar nicht anders sein kann, gehört offenbar auch zum Selbstbild der Bürgerschaft. "Die Mythen über den Grad der Zerstörung und die Opferzahlen sind in den Familien hier von Generation zu Generation weitergegeben worden", sagt Thomas Kübler. "Meine Großmutter hat diese Nacht in der Stadt überlebt, und seit ich sieben Jahre war, hat sie mich am Jahrestag zum Gedenken an die Ruine der Frauenkirche mitgenommen und von ihren Erlebnissen erzählt." Er weiß, dass die ziemlich gesicherte Zahl der Opfer 35 000 lautet. Aber er weiß auch, dass die Menschen damals durch die brennende Stadt irrten, überall Tote sahen und dachten, das müssen hunderttausend sein. Oder zweihunderttausend. Oder noch mehr. Kurz nach Weihnachten kam ein Bekannter des Stadtarchivars aus Südostasien wieder, der dort der Flutwelle entronnen war. Er hatte noch keine Zahlen gehört, aber er kam wieder und erzählte, dass es Hunderttausende Opfer gegeben habe. "Wie viel starben? Wer kennt die Zahl?" So fragt eine Gedenktafel im Ehrenhain des Dresdner Heidefriedhofs, auf dem die meisten Opfer 1945 begraben worden sind. Spätestens zum Jahrestag 2006 soll das nun endgültig geklärt sein, weil viele der umlaufenden Zahlen auf bloßen Gerüchten oder noch von der Nazi-Propaganda gefälschten Informationen beruhen. Thomas Kübler gehört zu der eigens dafür berufenen Kommission. "Zum ersten Mal", sagt er, "werden von uns weitere Experten hinzugezogen. Gerichtsmediziner, Feuerwehrleute, Vermesser, Kartografen, Stadtplaner, die Polizei." Die Akten aus seinem Archiv liegen jetzt schon in einem Beratungszimmer gegenüber seinem Büro. Es sind blaue Mappen, gelbe Mappen, weiße Mappen, es sind Akten vom Bestattungsamt, von der Abteilung Inneres aus DDR-Zeiten, vom Ernährungsamt, auch eine alte Luftschutzakte. Als Ergebnis der gerade beginnenden Forschungen könnte eine Karte für Dresden entstehen, auf der die jeweiligen Opferzahlen in den Straßen und Stadtteilen für immer vermerkt sind.Es geht darum, dass die Mythenbildung ein für alle Mal beendet wird. So sagt es Matthias Neutzner von der Interessengemeinschaft 13. Februar 1945. Auch er wird an dem Historiker-Projekt mitarbeiten. Er ist kein Wissenschaftler, sondern Geschäftsführer eines Kommunikationsunternehmens, aber in den letzten zehn Jahren hat er zu dem Thema geforscht. Neutzner will aber nicht nur über Opferzahlen reden, sondern auch um ein nicht bewältigtes Trauma. Die Dresdner Bürger sind nach seinen Erkenntnissen nicht fertig mit der Bombennacht. "Anfang Februar 1945 hatten sie noch die fast unversehrte Stadt. In ihrem Selbstbild haben sie sich weit von den Verbrechen der Nazis distanziert. Sie sahen sich als friedliche Bewohner der bürgerlichen Residenzstadt, die nur bekannt war durch Kunst und Eierschecke. Plötzlich aber kommen die Bomber, und am nächsten Tag ist die Stadt weg, und dazwischen liegen zehn Stunden." Diese Katastrophe habe ein Trauma hinterlassen, das heute noch in der Stadt zu spüren sei.Vielleicht verkauft sich gerade deshalb das Buch von Franz Kurowski in Dresden so gut. Außer in der Buchhandlung Ungelenk. Auch Matthias Neutzner weiß, dass "Das Massaker von Dresden" ein Renner ist. "Dabei ist das rechtsradikaler Unsinn. Da wird von zweihunderttausend Toten fabuliert, aber es wird nicht eine einzige Quelle belegt, und es gibt nicht einmal ein Quellenverzeichnis." Der 60. Jahrestag nähert sich, und damit nähern sich hunderte Journalisten aus aller Welt. Es gibt etwa sechzig Veranstaltungen in der Stadt, die sich mit dem Thema befassen. Stilles Gedenken an die Opfer, so wünscht es sich die Stadt, soll im Vordergrund stehen, um weiterer Mythologisierung vorzubeugen. Aber gerade in dieser Zeit geschehen auch seltsame Dinge. Wenn denn "seltsam" das richtige Wort ist. Matthias Neutzner erzählt davon, wie die Bild-Zeitung in Dresden im Januar ein Thema gewittert und sich darauf geworfen hat. Der britische Historiker Frederick Taylor kam auf Einladung des Hannah-Arendt-Instituts in die Stadt, um über sein neues Buch zu sprechen. Es heißt "Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945". "Die Zeitung", sagt Neutzner, "hat eine Kampagne losgetreten. Sie legte nahe, dass da jemand aus England kommt und die Luftangriffe auf Dresden rechtfertigt. Aber das ist einfach falsch, das schreibt er nicht in seinem Buch. Doch sie zitieren nur, was in ihre Argumentation passt."Neutzner, der schmale Mann mit der leisen Stimme ist wütend, wenn er davon spricht. Auf die Zeitung. Auf Geschäftemacher, die sich ihre Schlagzeilen organisieren und ihre Events, über die sie dann am nächsten Tag wieder mit großen Lettern berichten können. Über die künstliche Erregung bei einem für Dresden außerordentlich sensiblen Thema. Künstliche Erregung kann hilfreich sein, sagten sich im Anschluss an die Schlagzeilen über den "Skandal-Autor" und die "Frechheit des Jahres" ein paar Lokalpolitiker. Ein CDU-Mann teilte mit, "mit Taylors Auftritt wird man dem Andenken der Verstorbenen nicht gerecht. Da fehlt die Sensibilität". Und Matthias Neutzner erzählt von einem FDP-Mann auf Profilierungstour, der die Frage stellte, warum jemand wie Taylor im Dresdner Rathaus sprechen dürfe, nur tausend Meter vom Altmarkt entfernt, wo die Scheiterhaufen für die Toten brannten. Für das Forum mit dem britischen Autor ist dann ein Sicherheitsdienst engagiert worden.Nicht weit vom Rathaus, nicht weit von der Kreuz-Kirche und der Buchhandlung Ungelenk steht das langjährige Symbol für die Zerstörung Dresdens, die Frauenkirche. Daneben, im ehemaligen Palais der Gräfin Cosel, hat der Frauenkirchen-Pfarrer Stephan Fritz sein Büro. Fritz ist 44. Er trägt einen Pullover. Früher war er Studentenpfarrer. An der Wand stehen zwei Entwürfe für Medaillons mit neutestamentarischen Szenen, die noch in die Kuppel der Kirche gemalt werden müssen. Die Szenen sind die Berufung des Petrus und das Gleichnis vom Sämann. Auch Fritz spricht vom Mythos Dresden. "Die Stadt", sagt er, "ist durch ihre Zerstörung unsterblich geworden. Aber zugleich müssen wir unsere Form des Erinnerns kritisch hinterfragen." Zum Beispiel sollten sich die Dresdner fragen, ob sie zu selbstverliebt sind in das eigene Unglück. Oder zu selbstbezogen. Die Bürger der Stadt neigen nach dem Empfinden von Stephan Fritz dazu, sich selbst als Nabel allen Geschehens zu sehen.Aber es geht ihm auch um andere Dinge. Die Journalisten werden kommen. Besonders nach dem, was im Januar im Dresdner Landtag geschah. NPD-Abgeordnete hatten von einem "Bomben-Holocaust" und "kaltblütig geplantem Massenmord" gesprochen. Auch zum Jahrestag werden nun wieder Bilder aus Dresden in die Welt gehen. Und Pfarrer Fritz hofft, dass sie nicht von den Rechten bestimmt werden. Er erinnert an ein Ritual in der Stadt, das es seit ein paar Jahren gibt. NPD-Vertreter und andere Rechtsradikale marschieren mit ihren Kränzen zum Heidefriedhof, um sie dort abzulegen. Auf den Schleifen steht dann zum Beispiel "Wir klagen an: Völkermord bleibt Völkermord". Oder es wird erinnert an dreihunderttausend oder auch fünfhunderttausend "wehrlose Zivilisten des anglo-amerikanischen Bombenterrors", diesen "Massenmord an Deutschen". Wenn die Rechten mit ihren Kränzen kommen, auch das gehört zum Ritual, verlassen die Vertreter der Stadt in dieser Zeit die Gedenkstätte. Pfarrer Stephan Fritz weiß, dass die Rechtsextremen auch in diesem Jahr wieder die Straße besetzen wollen. Die Junge Landsmannschaft Ostpreußen hat einen Aufmarsch angekündigt, und die NPD-Fraktion will ihre Abschlusskundgebung auf dem Landtagsvorplatz ausrichten. Mehrere tausend Neonazis aus ganz Deutschland werden erwartet. "Das wird das eine Bild sein", sagt Fritz. "Aber das andere, stärkere Bild soll aus der Innenstadt kommen. Verschiedene Gruppen haben die Gegend um Frauenkirche und Altmarkt mit ihren Veranstaltungen blockiert. Damit müssen die Rechten außen herum ziehen. Und wenn um 21.45 Uhr, als der Angriff begann, die Glocken läuten, werden tausende Dresdner still in der Innenstadt stehen und verharren." Damit soll in diesem Jahr nicht nur an die Zerstörung der Stadt, sondern auch an die Terrorherrschaft der Nazis erinnert werden.Und noch etwas wird neu sein. Eine weiße Rose, die die Menschen an ihrer Kleidung tragen, soll die Dresdner Erinnerungskultur zum 60. Jahrestag symbolisieren. Matthias Neutzner von der Interessengemeinschaft 13. Februar 1945 sagt, dass dies ein Zeichen sein werde gegen Krieg, Rassismus und Gewalt. Die Kunstblumenfabrik im sächsischen Sebnitz hat darauf bestanden, die Rosen zu liefern. Sebnitz galt im Jahr 2000 wochenlang als Nazi-Hochburg, weil Neonazis angeblich einen kleinen Jungen im örtlichen Freibad ertränkt hatten.------------------------------"Die Mythen über den Grad der Zerstörung und die Opferzahlen sind in den Familien hier von Generation zu Generation weitergegeben worden."Thomas Kübler, Dresdens Stadtarchivar------------------------------Foto: "Sie sahen sich als friedliche Bewohner der Residenzstadt, die nur bekannt war durch Kunst und Eierschecke. Plötzlich aber kommen die Bomber, und am nächsten Tag ist die Stadt weg." Dresdner Silhouette 2005.