Drogenkartelle: Mexikos mutiger Kampf gegen die Drogen

Mexiko-Stadt - Alles wurde anders, als sie anfingen, unsere Frauen und Mädchen zu vergewaltigen“, sagt José Manuel Mireles. Da habe er begriffen, dass er etwas tun müsse gegen die Drogenkartelle, die so lange schon mit Schutzgelderpressungen, Morden und Entführungen die Dörfer im Bundesstaat Michoacán terrorisieren. Und dass es nichts nutzte, noch auf die Polizei zu hoffen. Er wusste ja viel zu gut, dass die Beamten in Mexiko oft einfach nur zuschauen – wenn sie nicht gar mit den Kartellen unter einer Decke stecken.

Also suchte der Arzt unter den Männern in seinem 10 000-Einwohner-Dorf Tepalcatepec die mutigeren zusammen, sammelte Waffen, Halstücher und Mützen zur Vermummung. Es entstand der Consejo Ciudadano de Autodefensa, auf Deutsch: Bürgerrat für Selbstverteidigung. Das war im Februar, und innerhalb von drei Wochen war der Kampf entschieden. „Wir haben unser Dorf gesäubert“, verkündet Milizenführer Mireles in einem Interview, das auf Youtube schon mehr als 92 000 Mal angeklickt wurde. Seit dem Frühjahr habe es keine Entführung mehr gegeben, keine Erpressung, keine Hinrichtung.

In weißen Streifenwagen mit der Aufschrift „Für ein freies Tepalcatepec“ fahren die Bürgerpolizisten Streife, um zu verhindern, dass die Kartelle zurückkehren. „Wir sind das neunte Dorf in der Gegend, das sich erhoben hat“, sagt Mireles. Der Staat tue ja nichts: „Die Polizei frühstückt mit den Bandenbossen, anstatt sie zu schnappen.“

Schutzgeld für jede Tortilla

Eindringlich berichtet Mireles in dem Interview, wie die Kartelle den Menschen das Leben in den dörflichen Gemeinden von Michoacán seit rund drei Jahren zur Hölle machen. „Erst kamen die ,Zetas‘, dann kam die ,Familia Michoacana‘ und schließlich die ,Tempelritter‘“, zählt er auf. Die Männer der Kartelle, die vom Drogentransport leben, flanierten schwer bewaffnet durch die Orte und informierten die Bevölkerung auf Dorfversammlungen über ihr Treiben. „Aber anfangs ließen sie uns in Ruhe.“

Doch dann wurde das Geschäft mit den Drogen komplizierter, die Kartelle machten sich untereinander die Routen und Reviere streitig, fest eingeplante Gewinne blieben aus. Die Mafia fing an, von der Bevölkerung Schutzgeld zu erpressen. Die Viehzüchter von Tepalcatepec mussten tausend Peso pro Rind zahlen, umgerechnet 60 Euro, die Metzger 15 Peso pro Kilo Fleisch, die Tortilla-Bäcker vier Peso pro Kilo Maisfladen. Es sei immer mehr geworden, sagt Mireles. „Irgendwann mussten wir bezahlen, um leben zu dürfen.“

Mit den Vergewaltigungen war dann die Empörung so groß, dass die Duldung in Gegenwehr umschlug. Mireles erzählt, wie allein im Dezember aus einer Schule des Dorfes 14 Mädchen zwischen elf und zwölf Jahren verschleppt und missbraucht wurden. „Sie brachten sie uns erst zurück, als sie schwanger waren.“ Daraufhin nahmen die Männer von Tepalcatepec das Recht in die eigenen Hände.

Was im Einzelnen geschah in der Gemeinde, darüber schweigt Mireles. Viele Fragen stehen im Raum: Kann es möglich sein, dass gewöhnliche Viehzüchter, Landwirte und Tortillabäcker, die mit alten Schießprügeln hochgerüsteten Mafia-Pistoleros die Stirn bieten und tatsächlich den Sieg davontragen? Ja, durchaus, sagt der Kriminalitätsexperte Alejandro Hope, Sicherheitsbeauftragter des Mexikanischen Institut für Wettbewerb (Imco): Oft hätten die Kartelle nur ein paar bewaffnete Statthalter in den Dörfern stationiert, und mit denen könne man fertigwerden. „Wenn sich ein gesamtes Dorf bewaffnet und erhebt, dann ist das auch für die Kartelle kein Spaß.“

Hope verweist auf ein anderes Dorf in Michoacán: Cherán. Dort gelang es den Einwohnern im April, die Allianz von illegalen Holzfällern und Narcos zu besiegen. Auch in Cherán kämpfte die Bevölkerung anfangs mit Schaufeln und Macheten gegen Killer mit Kalaschnikows. Doch am Ende wich die Mafia dem geballten Zorn der 15 000 Einwohner. Mit den Narcos und den Holzfällern verschwanden auch die korrupte Gemeindepolizei und der Bürgermeister.

Tepalcatepec und Cherán sind nur zwei von mehreren Dutzend Dörfern in Mexiko, in denen sich gleiches oder Ähnliches ereignet hat. Aus rund einem Drittel der 32 Bundesstaaten wird berichtet, dass Bürger zu ihrer Selbstverteidigung Milizen gebildet haben. „Die Mischung aus Angst vor dem Organisierten Verbrechen und dem Wissen, dass der Polizei nicht zu trauen ist, lässt die Menschen zu den Waffen greifen“, sagt Raúl Plascencia, Präsident der mexikanischen Menschenrechtskommission.

Warnendes Beispiel Kolumbien

Alejandro Hope bremst jedoch die Begeisterung über so viel Bürgersinn. Man müsse sich jedes Dorf gesondert anschauen, sagt er. „Manchmal sind die Bürgerwehren auch infiltriert von anderen kriminellen Gruppen, die ihre eigenen Interessen verfolgen.“

Welche Gefahr von solchen Bürgerwehren ausgehen kann, lässt sich in Kolumbien beobachten. Dort gründeten Großgrundbesitzer seit den 1980er-Jahren eigene Milizen, um sich und ihren Besitz vor den linken Guerillagruppen zu schützen. Innerhalb kürzester Zeit bauten diese rechten Paramilitärs enge Kontakte zur Drogenmafia auf und verübten zahllose Massaker an der Bevölkerung. Offiziell gelten die Milizen heute als demobilisiert. Tatsächlich treiben viele dieser Banden bis heute ihr Unwesen.