RIO DE JANEIRO - „Gute Fahrt!“ wünscht das Personal am Einstieg. Die Tür schließt sich, schnell schwebt die Kabine steil in die Höhe, und der Ausblick wird von Sekunde zu Sekunde spektakulärer. Die Seilbahn verbindet die Kuppen von mehreren Hügeln, die mit einem schier endlosen Siedlungsteppich bedeckt sind. Ein verschachteltes Gewirr unverputzter Ziegelhäuschen mit blauen Wassertanks und grauen Satellitenschüsseln auf den Dächern – das ist der Morro do Alemão, ein Komplex von insgesamt 13 Favelas, die ineinander übergehen.

Das Gebiet war bis 2010 brandgefährlich; „Gazastreifen“ hatte die Presse einen besonders bleihaltigen Abschnitt getauft. Aber dann marschierten Militär und Polizei ein. Die Drogengangster türmten, von TV-Kamerateams im Hubschrauber verfolgt, über freies Feld, und dann begann auch im Alemão, was Rio de Janeiro als gewaltigen Erfolg seiner neuen Sicherheitspolitik feierte: Die Befriedung.

Die Verbrecher weichen aus

Mittlerweile sind es drei Dutzend Favelas, in denen die Polizei das Gewaltmonopol des Staates durchsetzt. Die Polizei kommt, um zu bleiben, und sie bahnt dem Sozialstaat ebenso den Weg wie dem normalen Geschäftsleben. Und obwohl der Bau schon zuvor begann, ist die Seilbahn heute das Symbol der neuen, friedlicheren Zeiten.

Nun aber scheint das weltweit vielbeachtete Modell in die Krise zu geraten. AfroReggae, eine Organisation, die seit 20 Jahren mit Musik, Tanz und Sozialarbeit die Jugendlichen von der Straße holt, hat den Eingang zu ihrem Treffpunkt mit Holzplatten verrammelt, nachdem die Glastür von nächtlichen Schüssen zersplittert wurde. Der Verein, der vor der Befriedung in stets schwieriger Gratwanderung seine Arbeit zu sichern verstand, hat zahlreiche Drohungen erhalten und gibt nun erst einmal auf.

Und das kam so: AfroReggae-Chef José Júnior, der früher selber Drogenhändler war, hatte den Pastor und Kirchengründer Marcos Pereira beschuldigt, Frauen aus seiner Gemeinde vergewaltigt zu haben. Pereira sitzt zurzeit im Gefängnis, ist aber für seine guten Beziehungen zum Drogenhandel bekannt: Er rühmt sich, die Mafiosi durch Gebete zu zähmen, und vor Jahren bat ihn der Staat sogar einmal um Vermittlung bei einer Gefängnisrevolte. Nun haben ihm die alten Bekannten offenbar einen Freundschaftsdienst erwiesen.

José Júnior äußert sich öffentlich nicht mehr. Aus Solidarität mit AfroReggae hat ein anderer, ähnlich arbeitender Verein seine Aktivitäten im Morro do Alemão eingestellt, und das, obwohl die Polizei ihre Präsenz verstärkt hat. Wie auch immer: Selbst wenn nicht mehr wie früher die Halbwüchsigen mit ihren Pistolen durch die Gassen patrouillieren – die Macht der Drogenhändler ist offenbar nicht gebrochen.

Das Modell der Befriedung hatte von Anfang an seine Schattenseiten. Da war der Verdrängungseffekt: Die Verbrecher wichen einfach in andere Favelas aus und verstärkten dort den Terror. Ins Auge gefasst wurden zudem vor allem die Favelas, die im Hinblick auf die Fußball-WM 2014, die Olympischen Spiele zwei Jahre später und generell den Tourismus wichtig sind. Und die, die in der Nähe bürgerlicher Viertel liegen, die durch die Befriedung eine Aufwertung erfahren. In den entlegenen, grauen Vor- und Nachbarstädten Rios geht es unterdessen genauso gruselig zu wie eh und je, und kein Hahn kräht danach.

Etwas anders gelagert ist der „Fall Amarildo“, wie ihn die brasilianische Presse nennt, aber er zieht das Modell der Befriedung womöglich noch stärker in Zweifel. Amarildo Dias, ein 47-jähriger Hilfsarbeiter, verschwand Mitte Juli in der ebenfalls befriedeten Favela Rocinha, nachdem ihn die Polizei verhört hatte. Mysteriöserweise waren zwei Überwachungskameras vor der Wache kaputt, sodass es keinen Beleg dafür gibt, dass – und in welchem Zustand – Amarildo die Wache verließ. Ein Streifenwagen, in den er zuvor eingestiegen war, unternahm später in der Nacht eine völlig irrwitzige Fahrt, wie das GPS-Protokoll nachweist. Der Beamte, der am Steuer saß, sagte, er habe sich verirrt. 47 Minuten lang!

Der Verdacht steht im Raum, Amarildo könnte von seinen Vernehmern umgebracht worden sein. Doch selbst wenn es nicht so gewesen sein sollte – sein spurloses Verschwinden untergräbt das Vertrauen in die Sicherheitskräfte. Ohne dieses Vertrauen aber, dass die Polizei jetzt als Freund und Helfer auftritt und nicht wieder – so wie früher – als blutrünstige Besatzungsarmee, gerät das gesamte Befriedungsmodell ins Wanken.

Rocinha, offiziellen Angaben zufolge von 62.000 Menschen bewohnt, steigt wie ein riesiges Amphitheater über dem Nobelviertel São Conrado auf und senkt sich auf der anderen Seite des Berges hinab bis direkt an den mindestens ebenso noblen Stadtteil Gávea. Der für soziale Probleme sensible Teil der bürgerlichen Öffentlichkeit hat Rocinha deshalb viel besser im Blick als die 30 oder 50 Kilometer entfernten Vorstädte Rios. Vor allem deshalb findet das rätselhafte Schicksal des Maurergehilfen Amarildo viel Beachtung.

Jung, arm, männlich und schwarz

Sonst allerdings machen Verschwundene in Rio de Janeiro keine Schlagzeilen. 14 328 Fälle sind seit 2008 registriert worden; die meisten Betroffenen sind jung, arm, männlich und schwarz. Ob es womöglich einen Zusammenhang gibt zwischen den von Jahr zu Jahr steigenden Zahlen der Verschwundenen und der von Jahr zu Jahr sinkenden Zahl der Mordopfer, darüber streiten sich die Experten. Kritiker äußern den Verdacht, die Mordstatistik werde sozusagen durch Umbuchung geschönt.

Jenseits des sozial sensiblen Teils der Öffentlichkeit dürfte eine Mehrheit nach wie vor mit klammheimlicher Freude reagieren, wenn die Polizei hart durchgreift. Als der Schauspieler Wagner Moura, der im Berlinale-Siegerfilm von 2008, „Tropa de elite“, einen Polizeiführer gab, der Familie Amarildos mit herzlichen Worten seine Unterstützung aussprach, erinnerte der bekannte Kolumnist Elio Gaspari daran, wie ein Großteil des Kinopublikums damals auf die Darstellung von Polizeibrutalität reagiert hatte: Mit lautem Beifall.