Wien - Der reichste Mann der Ukraine ist schon weg. Am Donnerstagabend startete Rinat Achmetows Privatmaschine in Donezk mit dem Ziel London, wie die Opposition vermutet, denn dort hat der mächtige Oligarch seine schönsten Wohnungen. Am Wochenende, nach der Machtübernahme der Regierungsgegner in Kiew, sind Medienberichten zufolge mehrere Minister ins Ausland geflohen. Nachdem Parlamentschef Wladimir Rybak am Samstag seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen erklärt hat, verbreitete Präsidenten Viktor Janukowitsch Rybak sei entführt worden. Doch der meldete sich am Sonntag und zieh seinen früheren Chef der Lüge.

Grenzschutz stoppt den Ex-Präsidenten

Auch Janukowitsch hatte möglicherweise vor, sich abzusetzen. Jedenfalls stoppte der ukrainische Grenzschutz am Sonnabend ein Flugzeug mit Janukowitsch kurz vor dem Abflug, als er ohne die übliche Grenzabfertigung von der Stadt Donezk aus fortfliegen wollte. Wohin der gestürzte Präsident zu reisen beabsichtigte, blieb unklar. Janukowitsch sei letztlich aus dem Flugzeug ausgestiegen und habe den Ort in einer gepanzerten Limousine verlassen, so ein Sprecher des Grenzschutzes. Zugleich dementieren die ukrainischen Grenzbehörden, dass sich Politiker ins Ausland abgesetzt haben. Fest steht aber: Generalstaatsanwalt Wiktor Pschonka und Vize-Innenminister Witalij Sachartschenko haben nach Informationen aus Oppositionskreisen getankte Chartermaschinen auf der Landebahn des Kiewer Flughafens Schuljani stehen.

Der Fluchtweg für alle führt nach oben. Nur, wo sie herunterkommen, ist ungewiss. Das nächstliegende Ziel wäre Wien – und das nicht nur geografisch. Von der österreichischen Hauptstadt ist es näher an die ukrainische Westgrenze als an den Bodensee. Im Januar hatte sich der abgesetzte Premier Mykola Asarow vorübergehend nach Wien geflüchtet. Auch der Janukowitsch-Clan unterhält Geschäftsbeziehungen nach Österreich. Dort wartet eine komfortable Infrastruktur auf die Staatslenker, effiziente Geldwäsche eingeschlossen.

Zentralfigur des ukrainischen Firmengeflechts in Österreich ist der Salzburger Rechtsanwalt Reinhard Proksch, der expansionswilligen Ausländern „perfekte organisatorische und steuerliche Rahmenbedingungen“ verspricht.

Einer Londoner Proksch-Firma gehörte bis zum Herbst die Residenz des Staatspräsidenten, das Anwesen Meschigorje im Norden von Kiew. Die riesige Villa, von deutschen Handwerksbetrieben im Ceausescu-Stil umgebaut, schaffte es von der Staatsdatscha über eine Privatisierung und einige Briefkastenfirmen bis in den Privatbesitz des Präsidenten. Ihr Wert wird auf bis zu 100 Millionen Dollar geschätzt. Dabei hat Janukowitsch offiziell nie mehr als 2000 Dollar im Monat verdient.

Eine andere Firma des Salzburger Anwalts kaufte im Jahr 2010 ein geräumiges Mehrfamilienhaus im schicken Wiener Stadtteil Pötzleinsdorf. Die Anschaffung hat sich bereits bewährt: Alexej Asarow, der Sohn des abgesetzten Ministerpräsidenten der Ukraine, nahm hier Wohnung. Dort fand Vater Mykola vorübergehend eine Heimstatt, als es ihm in Kiew zu heiß wurde.

Schwiegertochter Lilija betreibt in Wien gemeinsam mit einem befreundeten österreichischen Ehepaar das deutsch-russische Magazin Vienna Deluxe. Gesellschaftlich sind die Asarows in ihrer zweiten Heimat gut vernetzt. Als Vater Mykola für eine Kampagne für „Reformen“ in der Ukraine einmal eine Stiftung gründete und gewann er für das Unternehmen den österreichischen Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer als Aufsichtsrat.

Sogar in die großen Wiener Skandalen der vergangenen Jahre sind die Ukrainer verwickelt. Der Palast Meschigorje gehörte zwischenzeitlich auch einmal einer in Kiew registrierten Firma namens Tantalit. Sie wiederum ist fast vollständig im Eigentum der Wiener „Euro East BeteiligungsGmbH“. Geschäftsführer dort ist der in Österreich nicht unbekannte Johann Wanovits. Der 55-Jährige steht mit beiden Beinen fest im Sumpf der Wiener Geschäftswelt. Mit einem großzügigen Kaufangebot für Telekom-Aktien trieb Wanovits den Kurs des Papiers so in die Höhe, so dass das Management einen schönen Bonus einstreichen konnte und für ihn selbst noch ein hübscher Kickback herauskam. Im vergangenen Jahr verurteilte ein Wiener Gericht den findigen Herrn für den Deal zu fünf Jahren Gefängnis. Das Urteil ist allerdings nicht rechtskräftig.

Lukrative Privatisierung von Staatsfirmen

Wanovits’ Firma Tantalit verschuldete sich bei Investitionen in die Residenz in Meschigorje um mehr als 30 Millionen Euro. Daraufhin übernahm der Wiener Anwalt Proksch die Mehrheitsanteile und veräußerte sie im September an einen weiteren Ukrainer: Sergej Kljujew.

Der 44-jährige Parlamentsabgeordnete ist gemeinsam mit seinem älteren Bruder Andrej in Österreich schon 20 Jahre im Geschäft. Die beiden betreiben gemeinsam mit Andrejs Gattin und seinem Schwiegersohn die Firma Slav im vornehmen ersten Wiener Gemeindebezirk. Sie erwies sich als höchst erfolgreich bei der Privatisierung ukrainischer Staatsbetriebe. Ihr Tochterunternehmen Activ Solar greift hohe Subventionen des Staates für die Förderung der Sonnenenergie ab. So ließen sich die 30 Millionen Schulden aus dem Umbau des privaten Präsidentenpalastes leicht schultern.

Organisatorisch und steuerlich mag die Infrastruktur, die Wien den Ukrainern bietet, tatsächlich so „perfekt“ sein, wie Anwalt Proksch verspricht. Bislang mussten die Geschäftsleute wenig befürchten. Nachdem Kiewer Oppositionelle Einzelheiten über das ukrainische Firmengeflecht in Österreich an die USA, an Europol in Den Haag und an das Wiener Bundeskriminalamt geschickt hatten, leitete die Staatsanwaltschaft zwar ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche ein. Aber 16 Monate später, im vergangenen August, wurde es ergebnislos eingestellt.