Eisenhüttenstadt, die "erste sozialistische Stadt Deutschlands". Man ist versucht zu sagen: Zum Glück blieb es die einzige. Im ehemaligen Kindergarten der ehemaligen Industriestadt ist eines der interessantesten Museen der Republik untergebracht: Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR. Ein sperriger Name für eine allerdings auch sehr sperrige Angelegenheit. Man denkt an die Idyllisierung der DDR, an die nostalgische Verklärung der Verhältnisse im herrlich ungelenken Design einer Welt, in der die Massen zwar beschworen, aber nicht befriedigt wurden. Wie im Fernsehen die Quote keine Rolle spielte, so auch nicht die Meinung der Bürger in der Politik und ebenso wenig war der Konsum ein Ort des Massenkonsums.Das macht den Reiz dieser Ausstellungen im Dokumentationszentrum aus. Sie erinnern an eine Welt, in der man vorgab oder gar glaubte, das Beste für die Mehrheit der Menschen tun zu können - ohne sie fragen zu müssen. In allen Lebensbereichen - vom Städtebau, über politische Wahlen bis hin zur Gestaltung von Teebeuteln. Was gut und schön für die Menschen ist, darüber entschieden die Kader. Genauso wie die Manager im Westen. Aber Letztere können am Markt scheitern. Dieses ungelenke, kostspielige Mittel der Korrektur war gestrichen. Aus Gründen der Effizienz. Diese führten mitten hinein in die absurdesten Abwege der Ineffizienz. Einer der größten Verlage der DDR soll über eine wunderschöne, moderne Lagerhalle verfügt haben. Aber leider gab es keine Gabelstapler. Also nützte die Halle fast nichts.Aber davon wollen wir nicht reden, auch nicht vom Design. Wir reden jetzt von Frau P. und der ganz und gar außergewöhnlichen Ausstellung, die das Dokumentationszentrum ihr gewidmet hat. Frau P. war Sekretärin in Ost-Berlin, seit 1950 in einem staatlichen Exportbetrieb. In Karlshorst bewohnte sie eine Ein-Raum-Wohnung. In der bewahrte sie auf, was sie besaß. Als ihr Erbe die Wohnung betrat, entschied er nach einem Blick: Das muss alles ins Museum. Alles. Ein Glück, dass das Dokumentationszentrum begriff, was für ein Schatz hier lag. Ein Schatz, der nicht aus einzelnen Kostbarkeiten besteht, sondern der erst und nur als Ganzes ein Schatz ist. Dem Erben - einem Kunsthistoriker, wenn ich richtig informiert wurde - und Andreas Ludwig, dem Leiter des Dokumentationszentrums sei gedankt!Frau P. hatte ihre Existenz in ein Lager verwandelt. Sie warf nichts weg. Wer jetzt Messie assoziiert, liegt völlig daneben. Frau P. war Ordnungsfanatikerin. Sie stapelte Taschentücher und Handtaschen, Portemonnaies und Hüte. Alles kam in Schachteln und Kartons, alles wurde beschriftet. Unvergesslich die gebrauchten Nylonstrümpfe, sorgfältig zusammengerollt jeder für sich in einer in zwölf Fächer geteilten Schachtel liegend. Um jeden eine Banderole, die etwas erzählt über jeden dieser Strümpfe.Frau P. fertigte Kataloge ihrer Habseligkeiten an. Habselig. Hier erst begreift man, was dieses Wort bedeutet. Vieles von dem, was Frau P. aufbewahrte, wurde niemals benutzt, ist noch originalverpackt. Es ging nicht um den Gebrauch der Gegenstände. Es ging wahrscheinlich noch nicht einmal darum, sie anzusehen, sie zärtlich in die Hand zu nehmen. Es ging darum, sie zu haben. Punkt.Eine Haltung, gegen die die DDR - glaubt man ihrer Selbstdarstellung - errichtet worden war. Frau P. war Dissidentin. Genauer gesagt: Konsum-Dissidentin. Es ging ihr darum, die Dinge zu haben. Der Gebrauchswert zählte nicht. Aber sie verkaufte sie auch nicht. Gebrauchs- und Tauschwert waren ihr gleichermaßen gleichgültig. Kein Wunder, dass sie uns verrückt vorkommt.Nach allem, was die Organisatoren der Ausstellung herausgefunden haben, war Frau P. ganz und gar nicht verrückt. Sie war eine lebenslustige Frau, ließ kein Betriebsfest aus und war an jedem Wochenende mit Freunden und Kollegen unterwegs. Man sieht sie auf Fotos lachend mit einem schlanken Mann tanzen oder in einem Segelboot sich ein wenig schelmisch zum Fotografen wendend. Verrückte stellen wir uns anders vor.Merkwürdig war nur, dass niemals jemand ihre Wohnung betreten hatte. Die war tabu. Wir Nachgeborenen wissen warum. Am Ende war auch gar kein Platz mehr für einen Besucher. Alles war vollgestellt mit Regalen, in denen sich Mützen, Schals, Tücher, Strümpfe, Schälchen, Dosen, aber auch Briefpapier, Schreibblöcke, Mappen, Grußkarten stapelten. Ihre Schlafliege hatte sie zwischen den Regalen aufgeklappt.Sie hatte auch ein Programmheft von Frank Beyers Film - wir erinnern uns an den großartigen Manfred Krug - "Spur der Steine". Auf dem hatte sie vermerkt, wann der Film verboten worden war und dass sie ihn leider nicht gesehen hatte. Man kann hier also auch sehen, was man nicht sehen konnte. Beim flüchtigen Gang durch die Säle der Ausstellung entdeckt man kein Prinzip, keine Leitidee. So penibel Frau P. war, sie scheint keine Systematikerin gewesen zu sein. Ein Mann mag sich wundern über die Unzahl von Handtaschen, aber die Frau, die ich vor mehr als vierzig Jahren heiratete, hatte damals schon eben so viele.Was ist verrückt? Was ist es nicht? Vielleicht hat den Kunsthistoriker in Frau P.s Erben das Arrangement der Schachteln in den Regalen gefallen. Es sind bunte Schachteln. Ein Regal war also immer auch ein Bild. Man - es gab kein "man", es gab nur Frau P. - musste einen Vorhang zurückziehen, um dieses Bild sehen zu können. Zunächst dachte ich, dieser Vorhang gehöre zu Frau P.s Ordnungssinn, zu ihrer Penibilität. Aber vielleicht gehörte er zu ihrem Kunstsinn. Solange der Vorhang hing, war es eine kleinbürgerliche, sehr kleinbürgerliche Wohnung. Wenn sie ihn aufzog, war Museum.Duchamp in Karlshorst. Die Verwandlung der Alltagskultur in Kunst. Frau P. brauchte dazu nur die Lust, shoppen zu gehen - eine subversive Lust -, ein wenig Fantasie und einen Vorhang. Das Dokumentationszentrum in Eisenhüttenstadt stellt - so gesehen - ein Einraummuseum in Karlshorst vor. Indem es einige der Gegenstände aus den Schachteln nimmt und als Gegenstände in Vitrinen legt, macht sie ein ganz anderes Museum daraus als das von Frau P.. Aber so erst fangen wir an zu begreifen, was wir an Frau P. haben.Noch lebenden Leibes hat sich Frau P. musealisiert. Sie sammelte nicht nur Gegenstände, sie legte auch Listen über sie an. Sie häufte Zettel um Zettel mit Notizen an. Einiges davon hat sich erhalten. Wir lesen darüber in der Ausstellung: "Sind die ',Gedächtniszettel' vielleicht eine Art Tagebuch, ein Protokoll des eigenen, tätigen Lebens? Ein in Einzelnotizen zergliederter Bericht über Aktivitäten und soziale Kontakte? Braucht man solche Zettel, um sicherzugehen, nichts vergessen zu haben? Und: welche der Notizen waren für Frau P. wichtig? Oder ist das Aufschreiben eine Art Selbstvergewisserung: das habe ich gemacht, es ist wirklich passiert." Das wäre dann die Haltung eines Künstlers zur Welt. Frau P. hat auch Tagebuch geführt. Das wird aber nicht im Dokumentationszentrum verwahrt. Jemand sollte sich bald an die Arbeit machen und dieses Tagebuch auswerten.Die Ausstellungsmacher haben gut vorgearbeitet. Sie haben ein Auge für das Besondere, das möglicherweise Einzigartige dieser Sammlung. Sie sehen genau hin. Und schön ist, dass sie den Ausstellungsbesucher teilhaben lassen, an ihren Beobachtungen. Sie schwelgen nicht in Nostalgie. Sondern sie bersten vor Neugierde und machen sich sichtlich gerne Gedanken. So ist ihnen nicht entgangen, dass Frau P. die Listen nicht nur führte, sondern auch bearbeitete. "Dies zeugt davon, dass sie sich mit ihrem Besitz und der Ordnung ihrer Dinge beschäftigt hat. Bedeutet diese Bearbeitung lediglich eine räumliche Neuorganisation? Oder hat sie die Dinge in eine veränderte Struktur gebracht, sich damit beschäftigt, welche Dinge zusammengehören?" Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen ist, dass sie im Büro mit der Verwaltung von Dingen beschäftigt war. Von Dingen, die sie niemals sah. Im Büro waren die Listen, draußen in der Welt die Dinge. In ihrer Ein-Raum-Wohnung hat sie beides zusammengebracht. Mit viel Mühe. Das ist noch schwach gesagt. Schließlich hat die lebenslustige Frau P. auf vieles im Leben verzichtet, um Dinge und Listen in ihrer Ein-Raum-Wohnung zusammenzubringen.In der Ausstellung sieht man auf einem Foto Frau P. aus ihrem Fenster blicken. Man fragt sich: Was hinter den anderen Fenstern wohl stecken mag?------------------------------Foto: All ihre Habseligkeiten hat Frau P. aufgehoben und säuberlich katalogisiert. Nach ihrem Tod kam ihr Nachlass ins Museum.