In ein paar Tagen können die Kunden in Günter Menges Laden alles kaufen, was sie haben wollen: Nicht nur Schrauben und Werkzeug, sondern auch Regale und Verkaufstische, Computer und die Kasse. Alles muss raus.Günter Menge gibt sein Gewerbe in der Hermann-Hesse-Straße 4-6 in Pankow auf. 35 Jahre lang hat der Maschinenbaumeister ein Eisenwaren- und Werkzeuggeschäft als selbstständiger Unternehmer geführt, zu DDR-Zeiten war er einer der wenigen, die das durften. Menge war ein Exot, ein Geschäftsmann, bei dem es Werkzeuge zu kaufen gab, die Bauarbeiter und Hobbybastler in anderen Läden des Landes oft vergeblich suchten. Jetzt ist Günter Menge 74 Jahre alt. Er sagt: "Ich schaffe das nicht mehr." Auf den Schaufensterscheiben seines Ladens steht: "Ausverkauf ab 1.3.2010. Wir gehen in den verdienten Ruhestand." Manche Regale sind schon leer, bestellt werden nur noch Warenwünsche der Kunden. Von Anfang an führte Menge sein Geschäft nach dem Motto: "Außergewöhnliches in kürzester Zeit besorgen." Diesen Service will er bis zum letzten Öffnungstag im März bieten.Einen Nachfolger hat Menge nicht gefunden. Die drei Mitarbeiter verlieren lieber ihren Job, als dass sie das finanzielle Risiko eines Fachgeschäftes tragen wollen. Baumärkte gibt es einige in der Gegend.Auf einem Foto, das im Treppenhaus seines Büros hängt, steht ein zufrieden aussehender Unternehmer vor seinem Geschäft: 40 Jahre alt war Günter Menge, als er 1976 seine Firma gründete. Er wollte nicht nur Werkzeug und Maschinen verkaufen, sondern sie auch verleihen und reparieren. Damit half er vielen. Auf sein Gelände holte er sich Handwerker wie Messtechniker, Möbelmacher und Tischler. Ein Imbiss kam hinzu, deutsche Küche. Bauarbeiter und Nachbarn kamen nun zum Einkaufen und blieben noch zum Essen. Bald gehörten auch Diplomaten und Mitarbeiter naheliegender Botschaften zum Kundenkreis.Menge hatte viele Ideen für seinen Laden. Er fuhr in die Betriebe des Landes und kaufte dort seine Werkzeuge ein, er kannte die Leute. Mit seinen 13 Mitarbeiterinnen (sie fanden alle ihre große Liebe unter der männlichen Kundschaft), organisierte er Ausstellungen in den Schaufenstern über "Werkzeuge im Wandel der Zeit". Menge sagt: "So etwas war nicht üblich."Offenbar gefiel es den DDR-Behörden, die den Einzelhandel gern unter staatlicher Kontrolle hielten, wohl doch ganz gut, dass es in Menges Laden, im Diplomaten- und Botschaftsviertel Niederschönhausen, an nichts mangelte. Also ließen sie ihn machen, was er wollte.Und so durfte Menge 1980 einen An- und Verkauf im Laden eröffnen, jetzt verkaufte er sogar Werkzeug aus dem Westen. Denn wer mit einer Bosch-Bohrmaschine als Geschenk der Oma aus dem Westen nichts anzufangen wusste, brachte das Gerät zu Menge. Der stellte die Maschine ins Schaufenster, kurz darauf war sie verkauft. Das sprach sich herum. Bis zu 1 000 Kunden kamen am Tag. Aus den anfangs 400 000 Mark Jahresumsatz wurden bis zur Wende 4,1 Millionen Mark.Anfang der 90er-Jahre wurden Leitern aller Größen ein Verkaufshit in Menges Geschäft, bis heute stehen etliche vor seinem Laden. Zum Markenzeichen wurde später ein 24-Stunden-Automat auf der Straße. Zwei alte Kuchenautomaten hatte Menge umgebaut und die 96 wichtigsten Gegenstände hineingelegt, die man nun auch nachts und am Wochenende kaufen konnte: Dübel, Schrauben, Batterien, Sicherungen, Flickzeug.Jetzt verschwindet auch der Automat, und Ende März steht Günter Menge wohl zum letzten Mal im Laden. Er hat das Grundstück verkauft, die neuen Besitzer bauen ein Einkaufszentrum. Für Günter Menge beginnt eine schwierige Zeit. Er hat dann ganztags frei, aber kein Hobby. "Ich habe mein Geschäft nie als Arbeit empfunden", sagt er. Er hat sich vorgenommen, mehr Sport zu machen, will Kochkurse besuchen, mit seiner Frau verreisen. Freunde sind ihm wichtig und Gespräche mit ihnen. Dafür hat er sich bisher nicht genügend Zeit genommen, sagt er.------------------------------"Ich habe mein Geschäft nie als Arbeit empfunden." Günter MengeFoto: Einmal muss Schluss sein: Günter Menge war ein ideenreicher Geschäftsmann. Jetzt will er viel kochen und reisen.