ALMANCIL, 14. Juni. Es ist ein staubiger, unscheinbarer Weg, der von der Ferienanlage Varandas do Lago in Richtung Ria Park Garden Hotel führt. Aber dieser Weg hat in diesen Tagen eine durchaus strategische Bedeutung. An diesem Weg befindet sich der von dichten Bäumen gesäumte Trainingsplatz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Und wenn Teamchef Rudi Völler zur Übungsstunde ruft, wird der Weg abgesperrt. Polizisten mit Maschinenpistolen überm Arm sorgen dafür, dass die Leibesübungen wirklich geheim bleiben. Anwohner müssen dann einen längeren Umweg in Kauf nehmen.Zurzeit aber haben sie wieder alle freie Fahrt und sie genießen die kurze Zeit der Freiheit, weil der deutsche Tross nun für zwei Tage in Porto weilt, wo die Niederländer am Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) als erster Gegner warten. Aber auch wenn man in den zurückliegenden Tagen einmal heimlich einen klitzekleinen Blick auf die taktischen Spielchen erhaschen konnte: Völler will sich für das Richtungs weisende Auftaktspiel gegen Holland wohl dennoch ein paar kleinere Überraschungen einfallen lassen. Man darf gespannt sein, ob ihm das noch gelingen wird, denn inzwischen kann man davon ausgehen, dass fast alle Positionen im Team vergeben sind. So gilt der Stuttgarter Kevin Kuranyi (22) für die Besetzung des Angriffs als erste Wahl, und die Niederländer sollten schon deshalb gewarnt sein, weil Kuranyi solche bedeutungsschweren Sätze sagt wie: "Ich bin eine gute Mischung auf dem Platz."Das klingt lustig, leuchtet aber ein. Kuranyi meint die Mixtur aus verschiedenen Fußballkulturen, die sich dank seiner kuriosen Biografie in ihm vereinen. Der Mann hat einen Schuss brasilianische Zaubertechnik und gleichzeitig Kopfballqualitäten wie ein echter Brecher, und an einem guten Tag kommt noch deutsche Zielstrebigkeit hinzu. Manchmal wirkt der Profi mit dem hippen Bärtchen und den schmalen Koteletten wie ein ungelenkes großes Kind, manchmal aber auch wie ein abgezockter Stürmer mit jahrelanger Erfahrung. Rudi Völler, der in Kuranyi ein bisschen vom frühen Völler wiederfindet, urteilte jüngst: "Kevin weiß gar nicht, was für ein Potenzial er hat. Der liebe Gott hat ihn mit so viel Schnelligkeit ausgestattet, die muss er besser nutzen."Formkurve zeigt nach obenFest steht, dass Kuranyi - Vater Deutscher, Mutter aus Panama, Großvater Ungar, Urgroßvater Däne - der polyglotteste Stürmer ist, den Rudi Völler zu bieten hat, und der beste ist er wohl auch. In der Vorrunde war er beim VfB Stuttgart so gut, dass man ihm den internationalen Durchbruch zugetraut hätte. Nur gab es zu diesem Zeitpunkt leider kein großes Turnier, und es ist für den deutschen Fußball ein Problem, dass Kuranyi seitdem einiges an Form, Kraft und Konzentration eingebüßt hat. Der Bursche könnte noch in der U 21 spielen, aber er ist mangels gleichwertiger Alternativen schon so wichtig für diese A-Nationalmannschaft, dass er sich eigentlich keine Schwäche erlauben darf. Immerhin zeigte seine Formkurve zuletzt wieder nach oben. "Kevin hat eine gute Vorbereitung gespielt", sagte Bundestrainer Michael Skibbe am Montag auf der letzten Pressekonferenz vor dem Abflug des DFB-Trosses nach Porto, "er hat mit seinen beiden Toren beim 2:0 gegen die Schweiz dafür gesorgt, dass das Gerede von den unsicheren deutschen Stürmern ein Ende hatte."In Bezug auf Kuranyi stimmt das, über die anderen deutschen Angreifer wird dagegen weiter diskutiert. Selbst Völler scheint Bobic, Klose & Co. momentan wenig zu vertrauen, und so gilt inzwischen als gesichert, dass Kuranyi am Dienstag der einzige Stürmer in dieser deutschen Elf sein wird. Er macht das eigentlich nicht so gern, weil er weiß, dass sich dann alle Verteidiger auf ihn stürzen werden. Aber alleine stürmen kann in Völlers Team wohl keiner so gut wie dieser brasilianisch-panamaische Deutsche, der von seiner vielfältigen Veranlagung her ja ohnehin so etwas wie drei Stürmer in einem ist.Immerhin dürfen sich die Niederländer auf einen Spieler gefasst machen, der schon als 14-Jähriger durch Cleverness glänzte. In diesem Alter war Kuranyi von seinem geschäftstüchtigen Vater von Brasilien nach Deutschland geschickt worden, weil dort mit Fußball ordentlich Geld zu verdienen war. In Petropolis, gut 60 Kilometer nördlich seiner Geburtsstadt Rio de Janeiro gelegen, hatte Kuranyi bis dahin immer als Defensivkraft verteidigt. "Ich habe meistens Libero gespielt", sagt Kuranyi. Doch in Brasilien merkte er schnell, dass immer nur die Stürmer im Mittelpunkt stehen und von den Fans vergöttert werden. So meldete sich Kevin Kuranyi also als 14-Jähriger beim FC Augsburg an und gab frech vor, Angreifer zu sein.Nur gut, dass die Augsburger ihm das auch abnahmen. Sonst müsste Kuranyi jetzt vielleicht das deutsche Abwehrproblem lösen.------------------------------Grafik: Aufstellung Deutschland - Holland------------------------------Foto: Die Ruhe vor dem Sturm: Kevin Kuranyi (l.) und Thomas Brdaric üben den korrekten Bau einer Zweierkette.