Shakespeare gehört der Welt! Gewiß. Aber Europa gehört er jedenfalls auf neue, originelle Weise. Letzte Woche wurde der "Sommernachtstraum" im Düsseldorfer Schauspielhaus von 14 Schauspielerinnen und Schauspielern aus neun europäischen Ländern in der jeweiligen Muttersprache der Darsteller aufgeführt. Die Idee zu dieser "Europäisierung" war der jungen Regisseurin Karin Beier während eines Workshops der "Europäischen Theaterunion" im Januar 1994 gekommen, an dem Andrzej Wajda, Ingmar Bergman und Giorgio Strehler als Mentoren teilnahmen.Der Intendant von Düsseldorf, Volker Canaris, griff die Anregung auf. Vom Stary Teatr in Krakau bekam Jacek Poniedzialek Urlaub. Moskau gab die Debütantin Anastasia Bousyguina für die Produktion frei. Giorgio Strehler stellte sogar die "Königin des Piccolo Teatro" Giorgia Senesi zur Verfügung und bewog Paolo Calabresi, mitzumachen. Und so weiter, bis schließlich eine wahrhaftig einmalige internationale Besetzung zustande kam, durch die das Schauspielhaus Düsseldorf tatsächlich zu einem Sinnbild für das "europäische Haus" wird. Innere Logik Shakespeare von verschiedensprachigen Darstellern spielen zu lassen, hat im "Sommernachtstraum" eine innere Logik: Die Irrungen und Wirrungen der Geschlechter, gleich, ob sie jung oder alt sind, sind nicht nur menschlich-allzumenschlich, sondern sie sind existentiell, sie sind menschheitlich. Wenn sich die jungen Liebespaare Demetrius und Hermia, Lysander und Helena "küssen und schlagen", daß sie außer sich geraten, wenn Theseus gegenüber der "eroberten" Hippolyta, Oberon gegenüber Titania sich als "Herren" gerieren, denen "das Weib" zu gehorchen hat, so trägt sich beides in England so gut wie in Rußland zu. Bei den Proben, die im August in Italien begannen, ab September in Düsseldorf fortgesetzt wurden, zeigte sich, daß die Schauspieler einander tatsächlich nicht verstanden. Aber gerade daraus erfuhr das Spiel eine Bereicherung: Sprache wurde durch "Körpersprache", wenn nicht ersetzt, so ergänzt. Shakespeares Geist durchdrang alle "Sprachleiber"; bildhaft gesprochen: "Babylon" hatte doch eine gemeinsame "Zunge": William! Hell oder dunkel Man weiß um den "ewigen" Streit, ob der "Sommernachtstraum" nun eine "helle" oder eine "dunkle Komödie" sei. Man erinnert sich, wie Hans Neuenfels im Schiller Theater den "Sommernachtstraum" zu einem Sinnbild des "ewigen K(r)ampfes der Geschlechter" machte. Man erinnert sich, wie Leander Haußmann in Weimar das Stück zu einer exzessiven Orgie junger Leute von heute machte. Im Ruhrgebiet mag noch die Inszenierung des "Sommernachtstraums" im Dortmunder Theater in Erinnerung sein, die der Regisseur Sewan Latchinian bewußt im "Pott" ansiedelte.Karin Beier geht es um keine bestimmte "Botschaft". Nüchterner läßt sich die Szene nicht denken, als sie von Bühnenbildner Florian Etti gesetzt wird: Ein breitflächiges Spielgerüst, als Dekoration ein gebündelter roter Plüschvorhang an einer Beleuchtungsquerstange, im Hintergrund die drei Musiker um Frank Köllges. Die Kostüme von Maria Roers sind durch Schwarzweißkontrast bestimmt. Kurz, alles ist auf die Schauspieler ausgerichtet, die mal streng choreographiert, mal frei bis zur Improvisation geführt sind. Rhythmus bringt die Musik, mal in der Wucht von Heavy metal, mal lustig wie von einer Gauklertruppe ausgeführt.Wie auch anderswo oft gehabt, läßt auch die Beier das feudale Paar Theseus und Hippolyta und das Geisterpaar Oberon und Titania von denselben Schauspielern spielen. Als Herzog wie als Elfenkönig stellt Paolo Calabresi den Macho aus, der sich nur einmal über das, was er angerichtet hat, entsetzt: "Que hai fatto!" Josette Bushell-Mingo ist eine dunkelhäutige Amazonenkönigin, die sich nur widerwillig als "Beutegut" zu sehen vermag, und lebt sich dafür als Titania in sinnlicher Ekstase mit dem Esel aus. Hofmeister und Puck ist der Ungar Zoltan Mucsi, als erster steif, als zweiter ein Transvestit, immer mehr Mephisto als dienender Geist.Die Darsteller der jungen Paare (Penny Needler aus London als Hermia; Giorgia Senesi als Helena; Michael Teplitzky aus Tel Aviv als Lysander und Gergö Kaszas aus Budapest) drücken die Rigorosität in Anziehung und Abstoßung einer heutigen Generation aus. Sie kauderwelschen in den jeweils anderen Sprachen.Den größten Spaß hat die Regisseurin am Spiel der Handwerker. Die Einstudierung des Spiels um Pyramus und Thisbe ist von allem Anfang an Improvisation, Spaßmachen, Mime und Pantomime. Den Spielmeister Squenz spielt die vor Komik sich überschlagende Margherita di Rauso, den Zettel und Pyramus Jacek Poniedzialek, den Löwen Mladen Vasary. Die Schlußpantomime wird aus Juxerei zu einem Grand-Guignol-Spektakel, das sich fast zu verselbständigen droht. Diese "Europäisierung" des "Sommernachtstraums" ist ein theaterhistorisches Ereignis, weil sich Poesie und Politik auf unaufdringliche Weise verbinden. +++