Die Wellen der Ozeane tragen nicht nur Schiffe von einem Ort zum anderen, sie werden auch seit Menschengedenken mit symbolischer Fracht beladen: Das Meer ist der Inbegriff des ewigen Werdens und Vergehens, es gilt als Wiege aller Kreaturen und als erbarmungslose, verschlingende Urgewalt. Im Rauschen der Wellen glaubt man Bedrohungen und Verlockungen zu hören, schon der Grieche Odysseus widerstand den Klängen der Sirenen, die der Wind über das Meer blies, nur, indem er sich an den Mast seines Schiffs festbinden ließ.Der Film "Son de Mar" ("Klang des Meeres") von Bigas Luna kommt wie eine Sammelbüchse voller Bedeutungsfragmente daher. Zunächst zeigt er Strandgut auf den Wellen treibend, ein zersplittertes Schiffssteuerrad, ein leichenstarres Krokodil - und einen menschlichen Körper, umhüllt von schwarzen Frackschößen. Als sich eine Schwimmerin diesem bizarren Meeresfriedhof nähert, holen ihre Schreckensschreie uns ins Reich der Lebenden und in die Zeit vor dem mysteriösen Schiffbruch zurück, der hier geschah.Damals wurde ein junger Mann als Literaturlehrer in ein Städtchen an der spanischen Mittelmeerküste versetzt. Schon sein Name Ulises - die spanische Variante von Odysseus - klingt wie ein düsteres Omen, obwohl bezweifelt werden muss, dass die Bewohner des verschlafenen Ortes sich über Derartiges den Kopf zerbrechen. Zum Beispiel die zwanzigjährige Gastwirtstochter Martina: Sie hört beim Wäscheschrubben HipHop aus dem Ghettoblaster. Als sie merkt, wie der neue Lehrer sie vom Mittagstisch aus mit den Augen verschlingt, drapiert sie ihre blütenweißen Unterhosen mit lasziver Langsamkeit auf der Wäscheleine. Ulises wiederum umgarnt Martina mit Gedichten, die sie in eine andere Welt entführen. Seine Verse fabulieren von seltsamen Kreaturen, phallischen Ausgeburten der Ozeane, "Schlangen mit immensen Spiralen, die dem tiefen, ruhenden Meer entsteigen". Der Lehrer braucht Martina immer nur ein paar Verse ins Ohr zu hauchen, um sie in Ekstase zu versetzen. Angesichts dessen wirken die Annäherungsversuche Albertos, eines örtlichen Bauspekulanten, umso vulgärer. Seine Stunde schlägt erst, als Martinas und Ulises Liebe im ehelichen Alltag Schiffbruch erleidet: Ein nächtens schreiender Säugling und eine Muse, die zur Hausfrau mutiert ist, treiben Ulises aufs offene Meer hinaus ...Wie kaum ein anderer verkörpert der 1946 geborene Bigas Luna die Lust des spanischen Kinos der Post-Franco-Ära an erotischen Geschichten und der Enttabuisierung von Sex. In "Jamón, Jamón" (1992) übertreibt und überhöht Bigas Luna die Obsessionen seiner Protagonisten zu einem grandiosen Mentalitätspanorama. In anderen Filmen dagegen bewegt sich Luna mit seinen exaltierten Darstellungen weiblicher Lust am Rande der Karikatur. So auch bei "Son de Mar". Gleichzeitig durchweht den Film ein Hauch von archaischem Drama, in dem Schicksal und freier Wille, Banales und Erhabenes miteinander ringen. Das Schulgebäude aus Beton, in dem Ulises sich abmüht, uninspirierten Kindern die Literatur der Antike nahe zu bringen, wird an Profanität noch übertroffen von Albertos Neureichendomizil, an dessen gekacheltem Pool Martina ihren Sehnsüchten nachhängt. In der Geschichte von Martina und Ulises schwingt ein archetypisches Motiv menschlicher Sehnsucht mit: die Verschmelzungsfantasie. Bereits in der Antike gab es den Mythos vom androgynen Urwesen, das von den Göttern in zwei Stücke zerteilt wurde und seitdem verzweifelt nach seiner verlorenen Hälfte sucht. "Son de Mar" erzählt von der Sehnsucht nach der absoluten Leidenschaft und von der Unmöglichkeit, dieses Gefühl zu konservieren. Denn ebenso wie die Gezeiten des Meeres kennt auch die Liebe keinen idyllischen Stillstand. Son de Mar Spanien 2001, Regie: Bigas Luna, Darsteller: Jordi Mollà, Leonor Watling, Eduard Fernandez u. a., 102 Minuten, Farbe.Foto: ARSENALFILM Die Gastwirtstochter Martina versetzen Verse in Ekstase. Am Ende aber landet sie am Luxuspool und sucht ihre verlorene Hälfte.Zitat: Seine Verse fabulieren von seltsamen Kreaturen, phallischen Geburten der Ozeane, Schlangen, die dem Meer entsteigen.